Hallenhaus, Heimatstil und Hakenkreuz

Ländliches Bauen im Nordwesten zwischen 1920 und 1950


Bericht über das 20. Treffen der AG Haus- und Gefügeforschung in Arnheim (Niederlande, 4. - 6. April 2008

Heinrich Stiewe, IgB

Mit ihrem 20. Treffen, das vom 4. bis 6. April 2008 im Freilichtmuseum Arnheim in den Niederlanden stattfand, betrat die „Arbeitsgemeinschaft für Haus- und Gefügeforschung in Nordwestdeutschland“ in der IgB, zugleich Regionalgruppe Nordwest des Arbeitskreises für Hausforschung (AHF), gleich in zweifacher Hinsicht Neuland: Es war die erste Tagung, die im benachbarten Ausland stattfand und zum ersten Mal wurde dezidiert das ländliche Bauen des 20. Jahrhunderts, mit deutlichem Schwerpunkt auf der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland bzw. der deutschen Besetzung in den Niederlanden, in den Blick genommen. Zu danken ist dem fünfköpfigen Tagungsteam, namentlich Sophie Elpers und Thomas Spohn, für die konzeptionelle Vorbereitung und die vorzügliche Organisation vor Ort sowie dem Niederländischen Freilichtmuseum Arnheim für seine Gastfreundschaft 

Das Treffen begann am Nachmittag des 4. April mit geführten Rundgängen durch das Niederländische Freilichtmuseum, das mit einer Rekonstruktion der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Arnheimer Straßenbahn sowie einer Arbeiterhauszeile, einer Molkerei, einer ländlichen Gesundheitsstation, einer Wohnbaracke für molukkische Einwanderer u. a. zahlreiche markante Bauzeugnisse des 20. Jahrhunderts mit aktuellem zeitgeschichtlichem Bezug vorweisen kann.

Abends begrüßten Jan Vaessen, Leiter des Freilichtmuseums Arnheim, Dietrich Maschmeyer, Bundesvorsitzender der IgB und Michael Goer, Vorsitzender des AHF, die etwa 60 angereisten Teilnehmer. Anschließend gab Leendert van Prooje (Arnheim) einen kurzen einführenden Überblick zur Entwicklung des Bauernhauses in der Region um Arnheim. In einem weiteren Abendvortrag berichtete Erhard Preßler (Gersten) über die ältere Entwicklung des Hallenhauses in der niederländischen Provinz Drenthe anhand dendrochro-nologisch datierter Beispiele des 14. bis 17. Jahrhunderts. Ausgangspunkt war seine aktuelle Dendro-Datierung eines Bauernhauses (Loss Hoes) aus Zeijen (Gem. Assen, Prov. Drenthe) im Freilichmuseum Arnheim, das am Nachmittag besichtigt worden war. Entgegen der älteren Lehrmeinung zeigen die frühesten Beispiele eine Zimmerung mit aufgekämmten Dachbalken (Anderen, 1386 d; Witten, 1487 d), während durchgezapfte Ankerbalken erst im 16. Jahrhundert aufkommen.

Der Vortragstag am Samstag, 5. April er-brachte überaus spannende Ergebnisse und trotz der gewohnten Dichte des Programms mit 20 (!) Vorträgen gab es lebhafte Diskus-sionen. Zu Anfang erinnerte Wolfgang Dörfler an den Ende 2007 verstorbenen Hausforscher Ulrich Klages, der die AG Haus- und Gefügeforschung als Gründungsmitglied mitgeprägt hat und dessen gefügekundliche Ansätze auch bei den aktuellen Diskussio-nen in Arnheim sehr präsent waren (vgl. den Nachruf von Wolfgang Dörfler im Holznagel 1, 2008).

In einem einleitenden Beitrag gliederte Thomas Spohn (Dortmund/Münster) den Zeitraum 1920 bis 1950 in vier Entwicklungsphasen:

1. 1920 -1933, ländliche Modernisierung versus Heimatschutzbewegung;

2. 1933 -1939, NS-Agrarpolitik (dynamisches Fortschreiten der Modernisierung trotz Erbhofgesetz und „Blut- und Boden“-Ideologie; „Erzeugungsschlacht“), führende Heimatschutzarchitekten und  Baupfleger (Schmitthenner, Schultze-Naumburg, Lindner) dienten sich dem Regime an, wurden aber von Hitler als „Rückwärtse“ verspottet;

3. 1939 -1945, Zweiter Weltkrieg (Bauverbot, Kriegsbauten, „Generalplan Ost“: typisierte Neubauten von Bauernhöfen in eroberten Gebieten);

4. 1945 -1950: Wiederaufbau kriegszerstörter Höfe (z. T aber schon ab 1940), Aussiedlerhöfe, endgültiger Traditionsbruch und Durchsetzung der Moderne.

Diese vorgeschlagene Periodisierung wurde in der Schlussdiskussion, die hier schon vorweg genommen sei, kritisch hinterfragt: Während einige Teilnehmer sie als „brauchbares Konstrukt vor dem Hintergrund einer langen Kontinuität“ akzeptierten (Hermann Kaiser), plädierte Christoph Heuter für eine Zäsur 1936/37 (Konsolidierung des „Dritten Reiches“). Dagegen hob Andreas Eiynck die „wirklich wichtigen Umbrüche vor und nach dem hier behandelten Zeitraum“ hervor: die Industrialisierung des Bauens am Ende des 19. Jahrhunderts und die endgültige Markt-orientierung der Landwirtschaft seit dem Ende der 1950er Jahre. Dazwischen liege eine „lange Periode der Anwendung des industrialisierten Bauens - mal mit Neorenais-sance-Schnörkeln, mal mit Hakenkreuz, mal im Baupflegestil“.

Piet van Cruyningen (Wageningen, NL) stellte mit dem niederländischen Reichslandwirtschaftsarchitekten H. J. van Houten (1878-1955) einen „Erneuerer in Gewissensnot“ vor, der durchaus erfolgreich versuchte, einen Kompromiss zwischen den Forderungen des Heimatschutzes und den praktischen Anforderungen der modernisierten Landwirtschaft zu finden.

André Geurts (Lelystad, NL) gab einen Überblick über das „Zuiderseeprojekt“, das größte Landgewinnungsunternehmen der Niederlande (150.000 ha Neuland, 3.000 neue Bauernhöfe). Beispielhaft stellte er die staatlich stark geförderte und von einer Planungsbehörde gelenkte Bautätigkeit im Wie-ringermeerpolder (1927-29, 390 Bauernhöfe) und im Nordostpolder (1942-62, 1.580 Höfe) vor. Es wurden vorgegebene Bautypen für Bauernhöfe und auf Wunsch der Regierung auch für Kleinbauernstellen entwickelt. Dabei dominierten moderne, funktionelle Gebäude; Anklänge an traditionelle Bauformen gab es allenfalls bei „friesischen“ Scheunen (Gulfscheunen). Im Nordostpolder wurden ab 1948 genormte Bauweisen eingeführt, z. B. standardisierte Beton-Montagescheunen aus vorgefertigten Elementen.

Den staatlich geförderten Wiederaufbau von 8.000 im Zweiten Weltkrieg zerstörten und zahlreichen beschädigten Bauernhöfen untersucht Sophie Elpers (Amsterdam, NL) in ihrer Dissertation. Das „Büro für den Wiederaufbau der Bauernhöfe“ (BWB) unter der Leitung des Architekten A. D. van Eck plante von 1940 bis 1955 den Wiederaufbau zahlreicher zerstörter Höfe. Die Bewohner und explizit auch die Bäuerinnen waren in Form von Ausschüssen an der Erstellung von Planungsrichtlinien beteiligt. Zunächst entstanden moderne, funktionale Bauernhöfe in „traditioneller Hülle“ im Stil der „Delfter Schule“ (Backsteinmauerwerk, Pfannendach, Sprossenfenster, aber moderne Ställe in Betonkonstruktion); ab 1949 wurden modulare Bauweisen eingeführt.

Wolfgang Dörfler (Hesedorf) schilderte die Debatte um die Erhaltung bzw. Wiederbelebung traditioneller Bauweisen, namentlich des niederdeutschen Hallenhauses, die in Nordwestdeutschland von Hausforschern, Heimatschützern und Baupflegern (u. a. Josef Schepers, Gustav Wolf, Wilhelm Grebe, Walter Wickop, Ernst Grohne) zwischen 1930 und 1943 geführt wurde und verdeutlichte ihre Auswirkungen an einigen konkreten Bauten im Elbe-Weser-Raum.

Michael Schimek (Bad Sobernheim) stellte sieben Musterentwürfe landwirtschaftlicher Bauten vor, die das oldenburgische Siedlungsamt 1927 bis 1929 bzw. 1931 für staatlich geförderte Bauten im Rahmen der Moor- und Heidekolonisation zugrunde legte. Die Musterbaupläne, die eine beachtliche Resonanz unter Fachleuten und Bauherren fanden, orientierten sich zwar an traditionellen Bauformen („sächsisch“= Hallenhaus, „friesisch“= Gulfhaus) und späthistorischen Details (Stich- bzw. Korbbogenstürze), erfüllten aber mit der konsequenten räumlichen Trennung von Wohn- und Wirtschaftsräumen unter einem Dach durchaus moderne hygienische und funktionale Anforderungen. Mit dem Wiederaufbau von ca. 60 Bauernhöfen im Oldenburger Münsterland nach einer Wirbelsturmkatastrophe von 1927 stellte Simone Vosshamm (Berlin) ein konkretes Beispiel für staatlich gefördertes Bauen im liberalen Geist der 1920er Jahre vor, das zwar  überwiegend traditionelle Bauformen (Quer- und Längsdielenhäuser sowie Gulfhäuser in spä-tem Backsteinhistorismus) hervorbrachte, doch wurde kein Druck auf die Bauherren hinsichtlich der Wahl eines bestimmten Bauplanes ausgeübt.

Anhand eines geborgenen Konvolutes von historischen Bauzeichnungen schilderte Johannes Busch (Lüdinghausen) vier Neubauten der Architekten- und Zimmererfamilie Voss aus dem südlichen Münsterland, die noch bis weit in den Zweiten Weltkrieg hinein ausgesprochen repräsentative Bauernhäuser mit traditionellen Dekorationselementen (Fachwerkgiebel, Sandsteingewände) errichten konnte.

Andreas Eiynck (Lingen) gab einen Überblick über die staatlich gelenkte ländliche Bautätigkeit im Emsland – von der Moor- und Ödlandkultivierung in Preußen aufgrund des Reichssiedlungsgesetzes von 1911 über die von Gleichschaltung und Propaganda geprägte, aber wenig effiziente Siedlungspolitik des „Dritten Reiches“ unter Einsatz von Reichsarbeitsdienst und KZ-Häftlingen (Emslandlager ab 1934) bis zur Erschließung nach 1945 (Emslandplan ab 1950).

Unter dem veränderten Vortragstitel „Ikonisierung des Bodenständigen. Ländliches Bauen im Wendland 1920 - 1960“ beschrieben Dirk Wübenhorst und Knut Hose (Wendland) die Entwicklung des ländlichen Bauens im heutigen Landkreis Lüchow-Dannenberg - von den Backsteinvillen und Zierfachwerkbauten des Historismus (ab ca. 1895) zu schlichten Ziegelrohbauten und Wohnhäusern im Heimatstil mit Fachwerkgiebeln (ca. 1920er bis 1950er Jahre), mit einer Kontinuität bis heute in Form von Fachwerk-Eigenheimen in Neubausiedlungen. Abgesehen von völkisch-ideologisch geprägten Inschriften (die es auch vor 1933 schon gab!) und einschlägigen Symbolen sehen die Referenten keinen eigenständigen Beitrag des Nationalsozialismus zur ländlichen Baukultur des Wendlandes. Mit dem Tessenow-Schüler Erich Kulke stellten sie einen typischen Vertreter der konservativen Baupflege vor, der mit Anfang 30 Leiter der nationalsozialistischen „Mittelstelle deutscher Bauernhof“ wurde und nach 1945 als Professor in Hannover seine Karriere fortsetzte, sich aber auch Verdienste um die Erhaltung der Rundlingsdörfer im Wendland erwarb.

Die folgenden Vorträge blickten über den regionalen „Tellerrand“ und stellten Beispiele aus Brandenburg und Süddeutschland vor: Hans-Jürgen Rach (Berlin) zeigte die 1939 in traditionell anmutender Fachwerkbauweise erstellten Neubauten der Saatzuchtgesellschaft „Deutsche Süßlupine“ östlich von Berlin, die mit Forschungsaufträgen zur Sojabohne im Zuge der NS-Autarkiepolitik einen Aufschwung erlebte. Mit der Siedlung Zieten-horst bei Wustrau schilderte Ulrike Schwarz (Zossen) ein Siedlungsprojekt der NS-Zeit im seit 1775 trockengelegten Oderbruch. Zwischen 1937 und 1941 entstanden hier sechs Hofstellen in traditioneller Bauweise mit eingeschossigen, reetgedeckten Wohnstallhäusern und verbretterten Scheunen. Bernd Adam (Garbsen) zeigte mit dem 1939 von der Nassauischen Siedlungsgesellschaft in Höhr-Grenzhausen (Westerwaldkreis, Rheinland-Pfalz) erbauten „Hubertushof“ ein Beispiel eines äußerlich traditionell anmutenden Streckhofes, der mit  Luftschutzkeller und separatem Splitterschutzraum von der Kriegsvorbereitung geprägt war. Die „NS-Siedlungspolitik in der bayrischen Rhön 1933-45“ war das Thema von Sabine Fechter (Fladungen). Ähnlich wie das Emsland galt die Rhön als „Notstandsgebiet“, das durch ein ehrgei-ziges Siedlungsprojekt, den „Rhön-Aufbauplan“ oder „Dr.-Hellmuth-Plan“ erschlossen werden sollte. Trotz erheblichen Propagandaaufwandes scheiterte das Projekt an den ungünstigen Siedlungsbedingungen in ca. 800 m Höhe. Axel Böcker (Saarbrücken) schilderte den totalitären Zynismus des NS-Wiederaufbaus in der so genannten „Westmark“ im Saarland und dem eroberten Lothringen. Hier wurde 1941 für zahlreiche teilzerstörte Dörfer eine rigide Wiederaufbau- und Abrissplanung entwickelt. Unter Ausnutzung der Abwesenheit der evakuierten Bewohner wurden auch zahlreiche intakte, aber als unwirtschaftlich eingestufte Gehöfte dem Abriss ausgeliefert, um die dicht bebauten Dörfer „aufzulockern“ - darunter auch Häuser von Personen mit abweichender politischer Meinung. Christine Scheer (Wewelsfleth) stellte zwei 1943 und 1945 abgebrannte Höfe in der holsteinischen Wilstermarsch vor, die in ihren stehen gebliebenen Außenwänden  unter großen Schwierigkeiten bei der Baumaterialbeschaffung wiedererrichtet wurden.

Carsten Vorwig (Kommern) beschrieb anhand von Beispielen den Bau von Notunterkünften am Ende des Krieges angesichts von zerstörten Städten und des Zustroms von Flücht-lingen und Evakuierten. Am bekanntesten ist die „Nissenhütte“, ein staatlich normierter Behelfsbau in halbrunder Wellblechkonstruktion, die nach ihem Erfinder, dem kanadischen Ingenieur Norman Nissen (1906) benannt ist und nach 1945 tausendfach in zerstörten Städten, aber auch in ländlichen Regionen errichtet wurde.

Die letzten vier Vorträge beschäftigten sich mit der Heimat- und Baupflege der 1920er bis 1950er Jahre - und berührten damit unmittelbar auch die Wurzeln des Arbeitskreises für Hausforschung, zu dessen Gründungsmitgliedern fast alle der vorgestellten Persönlichkeiten gehörten. Roswitha Kaiser (Münster) widmete sich mit der „Baufibel“ einem klassischen Instrument zur Popularisierung von Ideen der Heimat- und Baupflege. Neben Friedrich Ostendorf (1871-1915), dessen „Sechs Bücher vom Bauen“ sie als Vorläufer der Baufibel ansah (obwohl er kein „Heimatschutzarchitekt“ war), stellte sie mit dem Architekten und AHF-Mitglied Justinus Bendermacher (+), der 1943 über „Die dörflichen Bauformen der Nordeifel“ promoviert hatte, einen wichtigen Vertreter der Baupflege vor, der 1949 eine „Baufibel für das Land zwischen Eifel und Niederrhein“ veröffentlichte.

Hermann Kaiser (Cloppenburg) berichtete über die Gründungsgeschichte des 1934 eröffneten Museumsdorfes Cloppenburg, des ersten großen Freilichtmuseums in Deutschland. Hervorgegangen aus einem 1926 von dem Gymnasiallehrer Heinrich Ottenjann begründeten Heimatmuseum entwickelte sich das Museumsdorf unter der Schirmherrschaft des Gauleiters Röver schnell zu einer Sammlung von idealtypischen Bauernhäusern des Oldenburger Münsterlandes, die gleichsam als „gebaute Baufibel“ den „rechte(n) Sinn und rechte Gesinnung“ für das Handwerk und die Ideologie eines „neuen, gesunden Bauerntums“ vermitteln sollten. Trotz der ideologisch eindeutigen Ausrichtung war das Museumsdorf unter den NS-Funktionären umstritten; das Rasse- und Siedlungshauptamt der NSDAP (R. Walther Darré) wollte es verhindern und auch Baupfleger Erich Kulke war ein vehementer Gegner des Projektes.

Everhard Jans (Lochem, NL) stellte Leben und Werk seines Vaters, des niederländi-schen Architekten und Baupflegers Jan Jans (1893-1963) aus Almelo vor. Als jugendlicher Sozialist und Anhänger der sozialdemokratisch orientierten „Amsterdamer Schule“ passt Jans so gar nicht in das Klischee des bürgerlich-konservativen bis völkisch-ideologischen Heimatschützers und Baupflegers. Wie viele seiner Zeitgenossen von der Wandervogelbewegung geprägt, begeisterte sich Jans früh für die ländliche Baukultur der östlichen Niederlande, die er in Zeichnungen dokumentierte. Als Architekt entwarf er ländliche Gebäude in Anlehnung an traditionelle Bauten und war am Wiederaufbau kriegszerstörter Bauernhöfe beteiligt. Durch seine Freundschaft mit Josef Schepers kam Jan Jans in Kontakt mit dem AHF, auf dessen Tagung in Cloppenburg 1952 er einen Vortrag hielt.

Mit dem Architekten, Baupfleger und Hausforscher Gustav Wolf (1887-1963) stellte Thomas Spohn zum Schluss den wichtig-sten Vertreter der nordwestdeutschen Baupflege vor. Wolf hatte bei Theodor Fischer in München studiert und war Anhänger einer „gemäßigten Moderne“, die ihre Inspiration im traditionellen regionalen Bauen suchte. 1920 kam er nach Westfalen (Soest) und später nach Münster. Als Architekt machte er sich einen Namen mit dem Bau von Gartensiedlungen in Münster (Habichtshöhe, 1924-26) und Ahlen (Zechensiedlung Ulmenhof, 1926-29). Seine Entwürfe zum Wiederaufbau kriegszerstörter Bauernhöfe (1942 - 43) waren der Versuch, das äußere Erscheinungsbild des niederdeutschen Hallenhauses mit modernen Bauweisen (Ortbeton, Hohlsteindecken) in Einklang zu bringen; auch strebte er eine Synthese von Hallenhaus und Gulfhaus an. Wegen seiner bürgerlichen Überzeugungen wurde Wolf, der kein NSDAP-Mitglied war, nach 1933 vom Professor zum Dozenten „degradiert“. Wolf verfasste 85 Veröffentlichungen zur Baupflege; als Leiter des Westfälischen Baupflegeamtes begründete er 1935 die Publikationsreihe „Haus und Hof deutscher Bauern“, von der aber nur drei Bände erschienen. Nach dem Krieg gelang es Wolf, alle namhaften Hausforscher und Baupfleger im 1949 gegründeten Arbeitskreis für Hausforschung zusammen zu rufen, dessen Gründungsvorsitzender er wurde.

Die folgende, von Sophie Elpers mustergültig vorbereitete Busexkursion am Sonntag, 6. April führte in die Umgebung Arnheims zu beispielhaften Bauernhof-Neubauten der 1920er bis 1940er Jahre, u. a. Hof „Bruxvoort“, Lange Rijnsteeg 4, Ede, Bauerschaft De Kraats (Architekt H.J. van Houten, 1928) und Wiederaufbau-Bauernhof „Nattegat“, Voskuilerweg 44, Woudenberg, Bauerschaft Voskuilen, von 1947. 

Zeitgeschichtlich besonders interessant waren zwei so genannte „Camouflage-Bauernhöfe“ auf dem früheren Fliegerhorst Deelen bei Arnheim. Dabei handelte es sich um als Bauernhäuser und Scheunen getarnte Flugzeughallen eines Militärflugplatzes aus dem Zweiten Weltkrieg, die zunächst von der niederländischen Luftwaffe und später von den deutschen Besatzern genutzt wurden. Heute dienen diese Bauten ihrem ursprünglich nur vorgetäuschten Zweck - als bäuerliche Wohn- und Wirtschaftsgebäude.

Den idyllisch-entspannten Abschluss der Exkursion bildete der Besuch des Städtchens Bronkhorst an der Ijssel mit Häusern des 16. bis 19. Jahrhunderts und einem mittelalterlichen Burghügel (Motte). Der liebevoll bis „über-liebevoll“ restaurierte Ort scheint geradezu einer Baufibel entsprungen zu sein und ist heute eine Touristenattraktion.

Die Arnheimer Tagung erwies sich trotz des dicht gedrängten Programms als außerordentlich inspirierend, wie die engagierten Diskussionen unter den Teilnehmern zeigten. Die Herausgabe eines Tagungsbandes ist vorgesehen und es bleibt zu hoffen, dass damit weitere Forschungen zum ländlichen Bauen des 20. Jahrhunderts angeregt werden.

 

 

Nederlands Openluchtmuseum, Arbeiterhaus mit vier Zustandsphasen
Nederlands Openluchtmuseum, Berg aus Staphorst: Zwischenständer mit Schräglöchern
Adelshof in Bronkhorst, Provinz Gelderland, zweigeschossiger Bau mit Schweifgiebeln, Südseite, 1633 i
Hof Bruxvoort in Ede (Bennekom), Hofanlage nach Plan von H.J. van Houten, Provinz Gelderland
Das galt 1950 als modern: Wiederaufbauhof im Bereich der Rippelinie, Provinz Gelderland, Baujahr 1947, Straßenseite
Bauernhof „Bruxvoort“, erbaut von Architekt H.J. van Houten, 1928. Lange Rijnsteeg 4, Ede (Bennekom), Niederlande.
Bronkhorst: Ein von der Zeit vergessenes Dorf hat seine Chancen genutzt. Hallenhaus des 17. Jahrhunderts, ehemals mit verbrettertem Steilgiebel, heute
Ehemals getarnter Hangar, Dachkonstruktion
„James Bond" lässt grüßen: Kein Bauernhaus,