Umgebindehausdetail © Stiftung Umgebindehaus, Arnd Matthes

Seit 1973 für alte Häuser aktiv

Vor fast 50 Jahren schlossen sich in Kirchseelte bei Bremen engagierte Bürger zusammen, um die Zerstörung der jahrhundertealten Baukultur auf dem Land aufzuhalten.

Initiator der Interessengemeinschaft Bauernhaus war der Autor und Grafiker Julius H. W. Kraft (1917–2008). Zusammen mit 75 Bauernhausfreunden gründete er 1973 in Kirchseelte bei Bremen die Interessengemeinschaft Bauernhaus (IgB), die damals noch „Interessengemeinschaft Bauernhaus Grafschaft Hoya e.V.“ hieß. Die Gruppe wollte Denkanstöße liefern, um der Zerstörung der Baukultur im ländlichen Raum entgegenzuwirken. Die Mitglieder gaben sich handwerkliche Hilfestellungen für Instandsetzungs- und Erhaltungsmaßnahmen und trugen damit zur Bewahrung alter Häuser und ganzer Ortsbilder bei. Von Beginn an ging es ihnen darum, Wertschätzung und Bewusstsein für die regionaltypische Architektur und deren gewachsene Umgebung zu schaffen.

Die Liebe zu ländlichen Bauten entwickelte Julius H. W. Kraft als er 1959 mit seiner Frau ein bis auf das 16. Jahrhundert zurückgehendes, abbruchreifes niedersächsisches Hallenhaus in Kirchseelte kaufte und begann, es selbst zu renovieren. Es war die Zeit vor Inkrafttreten der Denkmalschutzgesetze. Die Idee der Bewahrung historischer Gebäude war damals auf den Dörfern nicht verbreitet. Ermutigt durch Julius Kraft kauften weitere Bauernhausfreunde leerstehende und dem Verfall geweihte Bauernhäuser und begannen, diese zu renovieren, bevor sie überhaupt eine Genehmigung dafür hatten.

Lindlar, Freilichtmuseum © Interessengemeinschaft Bauernhaus, Bernd Kunze

§ 35 und die Privilegierung von Gebäuden im Außenbereich

Weil damalige gesetzliche Bestimmungen die Erhaltung und Umnutzung ländlicher Architektur erschwerten, kämpfte Julius Kraft jahrelang gegen restriktive Behördenentscheidungen. Der § 35 des Bundesbaugesetzes ließ Bauvorhaben im Außenbereich bis dahin nur zu eingeschränkten Bedingungen zu, um eine weitere Zersiedelung der Landschaft zu verhindern. Diese Regelung begünstigte den Verfall von Haus- und Hofgebäuden, die nicht zu Wohnzwecken instandgesetzt werden durften. Nachdem 1976 das Denkmalschutzgesetz eingeführt wurde, erreichten die Mitglieder der IgB im Zusammenschluss mit anderen Mitstreitern – aus allen Regionen Deutschlands – durch Interventionen beim Bundestag eine Novellierung des Bundesbaugesetzes § 35.

Seither ist eine Privilegierung von Gebäuden im Außenbereich möglich, wenn diese für eine Kulturlandschaft charakteristisch sind und sie auf unverwechselbare Weise prägen. Der Erhaltung von Denkmalen wurde von nun an ein höherer Stellenwert beigemessen als dem Ziel, den Außenbereich von Gebäuden frei zu halten. Mit diesem Ergebnis ihres politischen Wirkens erwies die IgB bereits kurze Zeit nach der Vereinsgründung ihre fachliche und politische Relevanz.

Bei ihrem Engagement für die historischen Bauten nutzen IgB-Mitglieder von Beginn an das erprobte Repertoire bürgerbewegten Handelns - von Protestschreiben über Plakate und Demonstrationen bis hin zu „Beerdigungsfeiern” vor abgerissenen oder einsturzgefährdeten Häusern. Einige wenige Mitglieder der frühen IgB waren zuvor in der Studentenbewegung der 1960er-Jahre, viele von ihnen waren Teil der Anti-AKW-Bewegung. Das Thema Nachhaltigkeit ist seither von zentraler Bedeutung in der IgB, die für eine klimafreundliche, ressourcenschonende und fachgerechte Atlbauerhaltung steht. Damals – wie heute – geht es uns darum, im Einsatz für die ländliche Baukultur die Vertreter entgegengesetzter Haltungen durch stichhaltige und positive Argumente zu überzeugen. (jr)

Julius Kraft über die Gründung der IgB

Julius Kraft schreibt über die Entstehung der IgB: „Ich selbst, in den ersten Jahren voll mit meiner Ruine von Bauernhaus beschäftigt, fand nach und nach Freunde in der Grafschaft Hoya, die etwas ähnliches angefangen oder vorhatten: ein aus der landwirtschaftlichen Nutzung herausgefallenes Anwesen durch Neunutzung zu erhalten. Es wurden immer mehr, da nach und nach jeder zweite Hof aufgegeben wurde. Interessenten waren auch genug da, doch die Administration trat gewaltig dazwischen, wollte alle alte Bausubstanz aus der Landschaft herausrationalisieren. Man zahlte sogar für die Beseitigung der per Gesetz (§ 35 BBauG) entstandenen Ruinen Abbruchprämien. Mit einigen Freunden versuchten wir, diesem Treiben ein Ende zu machen, da wir die Identität der Landschaft dahinschwinden sahen. Viele, die sich der verlassenen Bausubstanz pfleglich und oft genug mit denkmalpflegerischer Absicht annehmen wollten, verstanden die Welt nicht mehr. Weil jeder einzeln von den Ämtern abgetan wurde, mussten wir 1973, obgleich alle keine Vereinsmeier waren, einen Verein gründen".

Chronologie

1970er-Jahre

14.12.1973

In Kirchseelte bei Bremen gründen 75 Bauernhausfreunde die IgB. Der Initiator Julius H. W. Kraft wird zum ersten Vorsitzenden gewählt.

1974

Der erste Tag der offenen Tür der IgB findet statt.

1975

Zum Europäischen Denkmalschutzjahr erscheint erstmalig „Der Holznagel" unter der Redaktion von Julius H. W. Kraft.

1976

Die erste Außenstelle der IgB wird im Landkreis Osterholz durch Kurt Brünjes gegründet.

1980er-Jahre und 1990er-Jahre

1980

Julius H. W. Kraft erhält für seine Verdienste um die Erhaltung des ländlichen Bauerbes in der IgB den Deutschen Preis für Denkmalschutz des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz. Der Preis ist die höchste Auszeichnung auf diesem Gebiet.

1987

Ralf Folke Schwinge löst Julius H. W. Kraft als ersten Vorsitzenden ab. Dieser wird zum Ehrenvorsitzenden ernannt. Im April 1991 stirbt Ralf Folke Schwinge. Kurt Brünjes übernimmt die Vereinsführung.

1992

Die IgB schreibt anlässlich des 75-jährigen Geburtstages ihres Gründers den mit 3.000 DM dotierten Julius-H.-W.-Kraft-Preis aus.

1999

Nach dem Tod des ersten Vorsitzenden Kurt Brünjes übernimmt Dr. Dietrich Maschmeyer die Vereinsführung.

2010er-Jahre

2012

Der komplette IgB-Vorstand wird neu gewählt. Die Mitgliederversammlung wählt Stefan Haar im Heimatmuseum Syke zum neuen ersten Vorsitzenden.

    


2019

Der Holznagel erscheint erstmals in Farbe.

2017

Hajo Meiborg wird durch die Mitgliederversammlung in Güstrow zum neuen ersten Vorsitzenden gewählt.

2017

Die IgB ernennt erstmals ein Bauernhaus des Jahres. 2017: Das Spreewaldhaus

2018

Der ehemalige IgB-Geschäftsführer und Vorstandsmitglied Heinz Riepshoff erhält den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland für sein ehrenamtliches Engagement.

Unser Markenzeichen

Das Zeichen der IgB ist ein Haus, entworfen vom IgB-Gründer Julius H. W. Kraft.

Es setzt sich zusammen aus der Silhouette eines niederdeutschen Hallenhauses, das von einem Wappensymbol, den Bärenklauen der Grafen von Hoya, umfangen wird. Die nach außen gekehrten Bärentatzen erinnern an die Giebelzier niederdeutscher Hallenhäuser.

Insofern ist das Haussymbol der IgB eng mit ihrer Kernzelle in der Grafschaft Hoya verbunden, von der seit 1973 die Vereinsarbeit ausging, die sich seither weiter über die Landkarte Deutschlands ausbreitet.

Emailschild am Haus eines Vereinsmitglieds © Interessengemeinschaft Bauernhaus, Bernd Kunze

Unser Motto: Wir lieben alte Häuser

Wir lieben alte Häuser bringt auf den Punkt, worum es uns geht. Wir kümmern uns nicht nur um Bauernhäuser, sondern setzen uns allgemein für die Erhaltung historischer Bausubstanz insbesondere im ländlichen Raum ein, für die Bewahrung gewachsener Ortsstrukturen und ihre Landschaft. Die fachgerechte, ressourcenschonende, nachhaltige und preisgünstige Instandsetzung von alten Häusern liegt uns am Herzen. Um dies zu erreichen, teilen die IgB-Mitglieder als bundesweites Netzwerk ein breites Fachwissen in Theorie und Praxis, das sie auch an Außenstehende gerne weitergeben.

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