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Ein Fachwerkensemble kann aufatmen

Chris Bilobram und Reinhard Wolschina, IgB

Am Anfang – im Frühsommer 2007– waren da wir zwei Weimarer Musiker – voller Euphorie und recht konkreter Zukunftspläne. Schon beim ersten Betrachten dieses in einzigartig schöner Landschaft gelegenen Fachwerkgehöftes schlugen unsere Musikerherzen höher. Bald wurde uns klar, dass wir genau an diesem Ort einen Lebenstraum verwirklichen könnten ..., wenn wir nur drei Dinge in aller Konsequenz beachten würden: Geduld, Geduld, und nochmals Geduld – die Liebe zum Fachwerk hatten wir.

Seit Juni desselben Jahres sind wir glückliche Besitzer des denkmalgeschützten Wackenhof Nr. 4 (wir haben diesen Einzeldenkmalschutz veranlaßt), der sich in dem ebenfalls denkmalgeschützten historischen Ortskern Wackenhof befindet und etwa 15 km südlich des thüringischen Städtchens Eisenach gelegen ist.

Das Hospital und Kloster des Ordens der St.  Lazari im damaligen Wackenhausen wurde schon 1222 zeitgleich mit dem Wirken der Heiligen Elisabeth auf der Wartburg gegründet.

Eine urkundliche Erwähnung des um diese Zeit Wagenhusum genannten Ortes ist bereits aus dem Jahr 817 bezeugt.

Heute zählt der Ort vier Drei- bzw. Vierseithöfe mit Wohnhaus, Scheune, Ställen und Torfahrt unterschiedlicher Entstehungszeiten. Drei Höfe (Nr. 2, 3 und 4) entstanden um 1700, davon Wohnhaus Nr. 2 auf dem ehemaligen Klostergelände mit starken Mauern unter Putz.

1937/38 wurde in verputzter Massivbauwei-se das vierte Wohnhaus (Nr. 1) mit parallel stehender Scheune erbaut. Die Wohnhäuser sind alle giebelständig, in Sichtfachwerk bzw. verputzt, mit Sattel- oder Krüppelwalmdach.

Die umgebende Landschaft befindet sich in der Nähe eines Naturschutzgebietes, zum Rennsteig und zur Wartburg. Durch die “ungünstige Hanglage” blieb sie verschont von er monokultur(ellen) Landwirtschaft, und eine seltene Flora und Fauna konnte sich bis heute erhalten.

Es gab deutschlandweit zahlreiche Interessenten für den Wackenhof Nr. 4 – die ihn fast alle abreißen (lassen) wollten!

Glücklicherweise war der Vorbesitzer verrückt genug, sich jedes Mal einzuschließen, wenn es um den Verkauf ging. Offenbar stieß unser Konzept einer behutsamen, mit alten Handwerkstechniken durchgeführten, fachwerkgerechten Rekonstruktion des Wackenhofs, gepaart mit der Idee ein “Kulturstift Wackenhof” für Musik und Heilung zu gründen, auf wirklich offene Ohren beim Vorbesitzer.

So überzeugten wir die Nachbarn, dass wir trotz der schon stattgefundenen Aussaat auf dem Feld die alte Lehmgrube des Dorfes wiederverwenden wollten, organisierten Bagger, Kipper und eine große Teigknetmaschine für die Lehmarbeiten, schleppten alte Linkskremper-Dachziegel (die alten, noch mit kleinen Strohpuppen (-docken) ausgestopften Kremper waren leider porös), historische Fliesen, Altholz (fündig wurden wir auch im Brennholzstapel unseres Nachbarn, in dem sich historische Eichenbalken vom Abriss seiner eigenen alten Scheune befanden und schon 9 Jahre Wind und Wetter ausgesetzt waren) und handgeformte Lehmsteine von anderen “zurückgebauten” alten Häusern heran 

Ein großer Schatz offenbarte sich in den vielen Sandsteinen, die sich auf dem Hof befanden. Mit diesen konnten wir das gesamte Fundament des Hauses, welches unter der Putzschicht nur noch Pulver hervorbrachte, erneuern. Durch die Patina der Steine hatte fast niemand den Wechsel bemerkt.

Die feuchte Nordseite des Hauses war in der Not der Bauern durch eine massive Wand ersetzt wurden. Wir entfernten sie und re-konstruierten das Fachwerk mit Altholz. Zu unserer großen Überraschung entdeckten wir anhand der vorhandenen Zapfenlöcher ein Tor. So entschieden wir kurzfristig, eine untergliederte handgefertigte Terrassentür aus Eiche und Glas einzusetzen, auch um die Lichtsituation der jetzt in diesem Raum befindlichen Küche zu verbessern.

Unser Bauernhaus ist ein sehr solide und sorgfältig gebautes Eichenfachwerkhaus, bei dem wir die Ausbesserungen der schadhaften Stellen auf die durchfaulte Nordseite, den einen oder anderen Schweller, den Dachboden und die Fensterverkleinerungen beschränken konnten.

Fast alle Fenster wurden in den 50er Jahren mutwillig vergrößert. Wir ließen von einem geschickten Tischler die alte, typische Art des Fensters wieder einbauen: 8er Teilung, wobei 2 Teile als schlichtes Schiebefenster konstruiert sind und, mit einem einfachen Winterflügel im Innenbereich des Hauses versehen, eine Art Kastenfenster entsteht.

Die Fensterläden folgen im Frühling und die Terrassentür wird noch farblich angepasst.

Geheizt wird mit Erdwärme – wir haben durch Bohrungen zwei Sonden 90 m tief in die Erde eingebracht. Mit Hilfe zweier Wärmepumpen wird das Wasser auf ca. 30 Grad erwärmt und in die Kupferrohre der Wandheizung geschickt – in der Küche und im Bad haben wir eine Fußbodenheizung.

Die Innen-Außenwände unseres Hauses haben wir unter der Wandheizung mit Schilfrohrmatten gedämmt und die Wandheizung mit Lehm warm eingeputzt. Das ergibt eine angenehmere Strahlungswärme, die Innenräume des Bauernhauses erscheinen im alten Bild – ohne störende Heizkörper. Die Schablonenmalereien rekonstruierten wir nach dem Vorbild der Häuser der Freilichtmuseen Fladungen und Hohenfelden.

In der kleinen alten Speisekammer des Hauses errichteten wir eine zusätzliche Dusche. Um nicht in die alte Substanz des Hauses zu sehr einzugreifen, entschieden wir uns für den Kauf einer Holzdusche. Sie wird einfach nur in den lehmgeputzten Raum gestellt.

Die alten Fliesen der Küche und des Flurs wurden vorsichtig aus dem Lehmboden gehoben und die teilweise vorhandenen Mörtelreste für den Wiedereinbau sorgfältig abgeschliffen. Nicht mehr aufzufüllende Flächen wurden durch neue, nach alter Art wiederhergestellte Zementfliesen einer deutschen Firma ersetzt.

Unter den Lackschichten der alten Türen befand sich leider größtenteils nur noch Holzmehl. Unser Tischler rekonstruierte die Türen unter der Verwendung der alten Bänder. Die Fußböden im Erdgeschoss wurden durch eine Blähtonschüttung gedämmt und ein kluger Freund baute uns einen „wunderwarmen“ holzbefeuerten Lehmklinkerofen im Arbeitszimmer, so daß wir auch bei Stromausfall das Haus im Winter heizen können.

Der Dachboden bleibt als kalter Boden erhalten. Wir verzichteten auf den Ausbau und die Dämmung, um nicht zu sehr in den alten Dachstuhl einzugreifen. Im Herbst waren unsere Kräfte erschöpft. Aber durch den großen Druck bei der Einhaltung der Fördermittelfristen und Angst vor dem ersten Frost „stürzten“ wir uns auf die Scheune, was sich als unser großes Glück herausstellte, da sich kein einziger brauchbarer Nagel mehr in dem alten Gestühl befand und uns das Scheunendach unter der Schneelast dieses Winters wahrscheinlich auseinander gebrochen wäre.

In letzter Not halfen uns Zimmerleute und Tischlerinnen auf der Walz, die wir spontan auf der Weimarer Post ansprachen. Mit fleißiger und ausdauernder Hilfe wurde der Dachstuhl der Scheune erneuert und gerichtet, die alten Ziegel ab- und wieder eingedeckt, die Lehmgefache ausgebessert, mit einem Putzträger versehen und mit Kalkmörtel verrieben.

Begleitet vom Kopfschütteln der Nachbarn hatten wir mit den Füßen den Lehm mit dem Sand und dem Stroh vermischt. 

Neben dem Wohnhaus, welches wir für unsere private Nutzung vorgesehen haben, sollen die anderen drei Gebäude den kulturellen Aktivitäten unseres Vereins (s. u.) vorbehalten sein. Zu den Gebäuden des Hofs gehören die Scheune, die wir zur Konzertscheune mit Konzertflügel ausbauen werden; ein ehemaliger Schafstall, der in der Folge mit einem Künstlerzimmer/Winteraufenthaltsraum des Konzertflügels wiederaufgebaut wird. Die ehemalige Werkstatt wird schlichtes Unterrichtsgebäude mit holzbefeuertem Lehmofen. 

Der Stall zwischen Wohnhaus und ehemaliger alter Werkstatt wird die Sommerküche. 

Im Dezember 2008 gründeten wir dann den Verein “Kulturstift Wackenhof” e. V. Zweck dieses gemeinnützigen Vereins ist die Förderung der Allgemeinheit auf dem Gebiet von Kunst und Kultur. Aus Gründen der gegenwärtigen kulturpolitischen Gesamtentwicklung in Thüringen – und leider auch in ganz Deutschland! – und ganz persönlichen Gründen und Erfahrungswerten soll unser “Kulturstift Wackenhof” kein künstlerischer Ort mit Event- und Hochkulturcharakter werden. Vielmehr möchten wir unsere Angebote – Kammerkonzerte, Vorträge, Konzerte für Kinder, Heilungsangebote u. v. m. – offen halten für jeden interessierten Gast.

Seminare und Studentenkonzerte, Arbeitswochenenden und Arbeitsaufenthalte für Komponisten u. ä. sind ebenfalls vorgesehen. All diese Projekte sollen im passenden Rahmen realisiert werden, gemessen an der Größe der Nebengebäude. Die Region um Eisenach soll dezidiert mit einbezogen sein, da gerade dort im Moment ein massiver Kulturabbau im Gang ist – Orchesterschließung und schrittweise Vernichtung des alten Stadtkerns. Und da auch die ansässige Musikschule Hilfe und Angebote zur Zusammenarbeit benötigt, sehen wir es als eine wirklich dringende, nötige Aufgabe, die angrenzende Eisenacher Region in unsere Vorhaben mit einzubeziehen – man bedenke nur: Johann Sebastian Bach wurde 1685 in Eisenach geboren (!).

Die Nutzung der Konzertscheune ist von April bis Oktober vorgesehen. Bei ungünstiger Witterung wird durch den eingebauten Kaminofen schnell eine angenehme Atmosphäre geschaffen.

Alle Veranstaltungen sind kostenfrei und werden ausschließlich vom Kulturstift-Verein getragen, um die klaffende Schere zwischen arm und reich zu mildern und die drohende – bewußt verursachte – geistige Verarmung Deutschlands ein Stück zu mindern.

Unsere privaten finanziellen Mittel sind in großem Maße an die Kredittilgung bei unserer ökologischen Hausbank, der GLS Bank gebunden. Wir nahmen einen höchstmöglichen, und auch Wohnhaus und Konzertscheune bedenkenden Privatkredit auf. Momentan sehen wir uns nur zu einem geringen Teil noch in der Lage, unser kulturelles Projekt einer Konzertscheune plus dazugehörigen Nebengebäuden mit privaten Mitteln zu Ende zu führen, da ein Teil des Geldes unvorhergesehen in den Ausbau des Wohnhauses fließen musste, das einige zusätzliche Baumaßnahmen beanspruchte. 

Wir sind nun akut angewiesen auf Fördermittel und Sponsorenhilfe!! Offen sind wir für jeden Hilfsansatz und dankbar für jeden Kontakt, der uns und unserer Kulturstiftsidee Wege zur Realisierung ermöglicht!

 

Über die Autoren:

Sie sind musisch sowohl praktisch als auch lehrend tätig. Reinhard Wolschina ist Komponist, Pianist und Professor an der Weimarer Musikhochschule. Seine Frau, Chris Bilobram ist Konzertgitarristin und Gitarrenpädagogin im Eichsfeld. Gemeinsam spielen sie auch im Duo “Gitarre & Klavier”.

 

 

Kontextspalte

Alle Fotos:
C. Bilobram / R. Wolschina

Blick ü. d. hügelige Landschaft u. d. idyllisch gelegene Wackenhof
Mit Sandsteinen erneuertes Fundament
Linkskremper aus Wiederverwendung
Die Nordansicht des Wohnhauses im vorgefundenen Zustand
Die Nordwand während der Bauarbeiten
Die Nordwand mit neuer Lehmziegelausfachung und neuer Terrassentür
Die Nordwand im fertigen Zustand
Die Westfassade des Wohnhauses im vorgefundenen Zustand
Die Westfassade des Wohnhauses im renovierten Zustand
Erneuerung des Dachstuhls der Scheune
Blick a. d. Nordwestecke der renov. Scheune
Rekonstruktierte Schablonenmalereien im Wohnhaus
Wintergarten