Philosophie einer Restaurierung

Andreas Mätzold, IgB

Das Ehepaar Claudia und Andreas Mätzold erhielt für die Restaurierung der denkmalgeschützten Alten Mühle in Wonsees 2009 den Denkmalpreis der bayrischen Hypo-Kulturstiftung. Im folgenden beschreibt Andreas Mätzold, welche Gedanken und Überlegungen dabei am Anfang standen und ihn und auch seine Familie über die mehrjährige Restaurierungsphase begleitet haben. In die übergreifenden Überlegungen wurden von Herrn Mätzold sehr viele objekt-spezifische Gedanken eingeflochten und mit Fotos unterlegt. Leider können wir aus der Vielzahl der der Redaktion vorliegenden Fotos nur eine begrenzte Anzahl veröffentlichen. bof

Denkmalverträglichkeit

Bei allen Planungen und allen Arbeiten stand als erstes der Grundsatz, so viel wie möglich zu erhalten und zu bewahren. Die Kenntnis und Pflege alter und bewährter Handwerkstechniken innerhalb der Familie spielten dabei eine wesentliche Rolle. Im Zuge der Vorbereitung und Planung der Maßnahme wurden die alten Raumaufteilungen erforscht und nachvollzogen. Unter Beibehaltung der gegebenen Raumstrukturen und deren Nutzung ist es uns im wesentlichen gelungen, auch Zeugnis der Entwicklung abzulegen.

Kreativität 

Wichtigste Voraussetzung für den Erhalt eines Denkmals ist dessen Nutzung bzw. dessen Nutzungsfähigkeit. Um die Mühle, die sich in zwei Bereiche aufteilt, in den östlichen Mühlenteil und den westlichen Wohnteil, nutzen zu können, mussten wir den Speicher und die beiden Dachboden so umbauen, dass dort im 1. Dachgeschoss zwei Kinderzimmer und eine Toilette und in der Dachspitze ein drittes Kinderzimmer entstehen konnten. 

Für diese Nutzung war es notwendig, Fenster und Belüftungsmöglichkeiten zu schaffen, ohne das Gesamtbild der alten Mühle bzw. des alten Mühlendaches zu zerstören oder in Frage zu stellen.

In enger Abstimmung mit dem Landesamt für Denkmalpflege wurden auf beiden Seiten „Hopfengauben“ mit kleinen Fenstern (Fensterhöhe ca. 50 cm) als Lichtband eingebaut. Diese Hopfengauben fügen sich äußerst unauffällig in die gesamte Dach- und Gebäudeform ein.

Die Dacheindeckung aus Biberschwänzen in verschiedenen Formen und Farben runden das harmonische Gesamtbild der Mühle ästhetisch ab. Das faszinierende Erscheinungsbild basiert auf dem harmonischen Zusammenspiel von Biberschwanzziegeln in unterschiedlichen Schnitten, Farben und Oberflächen.

Befunduntersuchungen der Wandfassungen der Wohnräume zeigten verhältnismäßig wenig Farbaufbauten. Im Zuge der Sanierungsarbeiten konnten alle alten Farbfassungen in „Fenstern“ im Treppenhaus, im Wohnzimmer und im Schlafzimmer, aber auch in der Küche gezeigt werden.

Die alte Fachwerkwand zwischen Schlafzimmer und jetzigem Bad wird in ihrer ursprünglichen Fassung – Staken mit Weidengeflecht und Strohlehm – gezeigt. Eine Duschkabine aus Glas lässt den Blick auch ins äußerste Eck dieser Wand zu. Eine vorhandene Öffnung dieser Fachwerkwand mit einer Höhe von ca. 1,40 m wurde als niedrige Verbindungstür zwischen Bad und Wohnzimmer genutzt. 

Bei dem alten Unterzugbalken im Wohnzimmer im 1. Obergeschoss wurde mühselig die ursprüngliche Farbfassung unter den darüber liegenden Farbschichten hervorgeholt und gezeigt.

Funktionalität

Die Schäden des verputzten Fachwerkes und die Schäden in den Deckenbalken haben zu der Entscheidung geführt, das Fachwerk komplett zu sanieren. D. h. schwamm-befallene und vom Hausbock stark geschädigte Hölzer mussten ausgetauscht und durch Althölzer ersetzt werden. Bei den Fachwerk-Sanierungsarbeiten konnten Original-Ausfachungen in Feldsteinen und auch in Staken mit Weidengeflecht und Strohlehm erhalten werden. Diese Sanierungsarbeiten erfolgten immer unter dem Gesichtspunkt, so viel wie möglich Originalsubstanz zu erhalten. Das jetzige Bild des Fachwerks zeigt die farbliche Erstfassung anhand der Befunduntersuchung. Die Räume des 1. Obergeschosses und des Dachgeschosses wurden innenseitig mit einer Schilfrohr-Dämmung in Strohlehm ausgeführt und mit Strohlehmputz und einer Wandheizung nutzungsfähig hergestellt.

Das Bruchsteinmauerwerk im Erdgeschoss musste sehr aufwändig saniert, mühselig repariert und dann mit Luftkalkmörtel geputzt werden. Die statische Ertüchtigung erfolgte über neue Mauerschwellen aus Eiche und Deckenbalken-Anschuhungen nach statischen Vorgaben. Bei den gesamten Sanierungsarbeiten in der Mühle wurden kein Zement, kein Silikon, keine Kunststoffe, kein Bauschaum und keine Fertigfliesen verwendet. Die Baustoffauswahl erfolgte ausnahmslos anhand von Überlieferungen und nacherworbenem, handwerklichem Wissen.

Im Nebengebäude aus dem 19. Jahrhundert waren ebenfalls erhebliche Schäden im Kreuzgewölbe aus Bruchsteinmauerwerk vorhanden. Die statische Ertüchtigung und die Sanierung des Fachwerks erfolgten ebenfalls ausschließlich nach denkmalrechtlichen und denkmalschützerischen Gesichtspunkten. Im Jahr 2009 wurde dann noch das gesamte Nebengebäude mit einer Länge von 26 m saniert und kann nun als Bürogebäude und als Informationszentrum für Mühlen und Denkmalpflege genutzt werden.

Wirtschaftlichkeit

Die handwerklich aufwändige Ausführung ist natürlich nicht billig. Allein die Bauzeit von über vier Jahren zeigt, dass eine denkmalgerechte Sanierung nicht in kurzer Zeit gut erfolgen kann. Die Materialauswahl und die verwendeten Materialien haben aber auch zu wirtschaftlichen Effekten geführt. So wurden alte Türen vom Sperrmüll oder aus alten Gebäuden der Umgebung gesammelt, abgeschliffen, hergerichtet und eingebaut, alte Kastenschlösser in Eigenleistung repariert und im gesamten Haus verwendet.

Während der Bauzeit wurden alte Fußböden (Terrazzofußboden im Erdgeschoss, Holzfuß-böden im Obergeschoss) abgedeckt und geschont. Somit konnten aufwändige Restaurierungen ausbleiben.

Die sanierte Mühle wird seit November 2007 bewohnt. Das ausgezeichnete Wohnklima, der einfache Wohnkomfort und die historischen Gemäuer und Räume bestätigen unsere Entscheidung, Wert auf Erhaltung und Nachhaltigkeit gelegt zu haben.

Mit einem Blick in die Zukunft ist diese nachhaltige Sanierung dieser 280 Jahre alten Mühle in Anbetracht der großen Nachhaltig-keit wirtschaftlich. Nur diese Sichtweite kann den Begriff Wirtschaftlichkeit unterstreichen.

Dauerhaftigkeit

Grundvoraussetzung für eine nachhaltige Sanierung sind ausführliche Kenntnisse der verwendeten Baustoffe und Verträglichkeit miteinander. So wurden z. B. die renovierten bzw. erneuerten Fachwerkschwellen auf Kalkmörtelbett gelegt und mittels Maueranker mit dem Bruchsteinmauerwerk verbunden. Die Deckenbalken wurden auf den Mauerschwellen mit Schwalbenschwanzkämmen fixiert und somit die Zugfestigkeit hergestellt. Die Zapfenverbindungen wurden mit Eichenholznägeln gesichert. Das gesamte Fachwerk wurde mit Leinöl, d. h. mit einem rohen Leinöl grundiert und dann dreimal mit Leinöl in der Farbe Englischrot gestrichen. Trocknungszeiten zwischen vier und fünf Tagen wurden dabei eingehalten.

Die Fenster aus dem Ende des 19. Jahrhunderts wurden ausgebaut, der Lack wurde entfernt, die Wetterschenkel wurden teilweise repariert und die Fenster ebenfalls mit vierfachem Leinölanstrich in weiß gestrichen.

Im Erdgeschoss gibt es in dem dicken Bruchsteinmauerwerk Winterfenster, die im Spätherbst mit zwei Haken eingesetzt und im Frühjahr wieder entfernt werden. Im Obergeschoss wurden innere Fenster mit Kasten und Wasserrinne eingebaut und ebenfalls mit weißem Leinöl gestrichen. Die Beschläge wurden den alten vorhandenen angepasst.

Der gesamte Wohnbereich der Mühle wird mit einer niedrig-temperierten Wandheizung (Strahlungswärme) im Strohlehmputz an den Außenwänden geheizt. Die Strohlehmwände der beiden Dachgeschosse wurden mit vierfachem Kalkanstrich (Sumpfkalk) versehen. Alle Details des Bauwerks wurden sorgfältig durchdacht, besprochen, geplant und ausgeführt. Die Deckenzwischenräume wurden wieder mit Lehmschüttung bzw. mit Strohlehm gefüllt und die alten Fußböden auf Holz-Auflagern verlegt.

Fazit

Nach 6 Jahren aufwändiger Sanierungsarbeiten am gesamten Mühlenkomplex einschließlich des Nebengebäudes soll hiermit Mut gemacht werden für eine konstruktive Zusammenarbeit zwischen Planern, Denkmalschützern und dem Landesamt für Denkmalpflege und sonstigen Behörden, um noch viele historische Gebäude als Zeugnis menschlichen Lebens in unserem wunder-schönen Deutschland zu erhalten.

Die Marktmühle Wonsees ist ein solches Zeugnis und darüber hinaus auch ein technisches Denkmal. Sie hat durch die behutsame Sanierung nichts an ihrem Flair einer alten Mühle verloren und genießt großes regionales und überregionales Interesse. Somit entspricht die Gebäudeanlage im wahrsten Sinne dem Gedanken von Baudenkmälern, die definiert werden als „…bauliche Anlagen, oder Teile davon, aus vergangener Zeit, deren Erhaltung wegen ihrer geschichtlichen, künstlerischen, städtebaulichen, wissenschaftlichen und volkskundlichen Bedeutung im Interesse der Allgemeinheit liegt.“

Westansicht (Straßenseite) der fertig restaurierten Mühle im Sommer 2009. Auf der linken Seite ist das fertig gestellte Nebengebäude zu sehen.
Ostansicht mit dem fertig restaurierten Mühlenturm

Alle Fotos: A. Mätzold

Der Beginn der Arbeiten: Das marode Bruchstein-
Rekonstruktion des Wandfrieses im Treppenhaus
Unterfangen des Fachwerks mit neuen Deckenbalken
Stanniolmalerei auf Schiefer auf dem Westgiebel. Rechts, auf dem südlichen Dach, sind die "neuen" Hopfengauben zu sehen.
Das Badezimmer mit der Fachwerkwand in der ursprünglichen Fassung - Staken mit Weiden-
Hier entsteht die "Gute Stube". Das Fachwerk und ein Teil der Ausfachungen mit Lehmsteinen wurden erneuert.
Blick in die große Wohnküche
Der neugestaltete Eingang. Die Farbgebung folgt der ursprünglichen des Fachwerks.
Statische Sicherung des Gewölbes u. Decken- und Fachwerksanierung im Nebengebäude
Eines der aufgearbeiteten Kastenschlösser
Die Wandheizung in Strohlehmputz beim Trockenheizen