500 Jahre Wohn- und Agrargeschichte auf Hof Grube

Deutschlands ältestes Bauernhaus in Vierständerbauweise vor dem Aus gerettet

Text und Fotos von Michaela Töpfer

Lüdinghausen. Hof Grube im im münsterländischen Lüdinghausen gilt als wissenschaftliche Sensation. Denn bisher wurde angenommen, dass diese norddeutsche Bauernhausform viel jünger ist und ihren Ursprung im Weserraum hat. Das Haupthaus des Anwesens ist auf das Jahr 1517 datiert, die Wurzeln gehen, wie Funde mittlerweile belegen, bis ins Jahr 1000 zurück. Karin und Johannes Busch haben im Jahr 2008 den geschichtsträchtigen Hof erworben, auf dem es unzählige Spuren im Hinblick auf die Wohn- und Arbeitssituation seiner Bewohnerinnen und Bewohner zu finden und zu deuten gibt.                  

Nun ist die Anlage augenblicklich nicht gerade in einem wohnlichen Zustand, sondern stellt die Lebensaufgabe des engagierten Paares dar. Das Anwesen lag seit 1974 nach einem Konkurs brach, war zuletzt vom Wasserstraßenneubauamt mit Blick auf den geplanten Ausbau des Dortmund-Ems-Kanals gekauft worden. Dann kam der Ausbau doch nicht und die Gebäude verfielen zusehends. Im Jahr 2003 entdeckte Johannes Busch auf einem Streifzug den leerstehenden Hof. Mit Unterstützung von Dr. Dietrich Maschmeyer, Bundesvorsitzender der Interessengemeinschaft Bauernhaus (IgB),  wurden diverse dendrochronologische Proben genommen. Mit dieser wissenschaftlichen Methode lässt sich das Fälldatum eines Baumes bestimmen. Früher wurden solche Bäume so gut wie immer zeitnah, also Wochen bis höchstens wenige Monate nach der Fällung, zu Balken verarbeitet und im Haus verbaut, weswegen sich das Datum des Hausbaus relativ verlässlich bestimmen lässt.

Historisches Kleinod

Die beiden Bauernhausliebhaber konnten zunächst kaum glauben, welch historisches Kleinod sie gefunden hatten. Heute, acht Jahre später, sind die Daten belegt und dokumentiert. Hof Grube ist das älteste bekannte Bauernhaus in Vierständerkonstruktion in Deutschland. Der Weg vom Fund bis zum Erwerb des Anwesens war für das Ehepaar Busch allerdings lang und nicht immer einfach. Sie mussten viele Steine aus dem Weg räumen sowie einige Kompromisse machen, bis sie in gewohnter und eingespielter Manier loslegen konnten.

Es ist nicht der erste Hof, den das zupackende Ehepaar wieder bewohnbar macht. Zuvor haben sie, ebenfalls in einer Lüdinghauser Bauerschaft, den aus dem Jahre 1674 stammenden Hof Große Aldenhövel über einen Zeitraum von fast 20 Jahren saniert. In dieser Zeit wurde der Gräftenhof von einer Ruine in einen sehr ansehnlichen Hof verwandelt. Eigentlich hätten sich Karin und Johannes Busch und ihre mittlerweile erwachsenen Kinder dort verdientermaßen zur Ruhe setzen können. Doch das scheint nicht ihre Art zu sein. "Wir wollten uns noch einmal verändern im Leben, mit Anfang 50 noch einmal die Lebenskarten radikal mischen", erzählt Johannes Busch. Tochter und Sohn sind mittlerweile zum Studium aus dem Haus und gehen ihre eigenen Wege.
Er und seine Frau beschreiben sich als idealistisch, und "das Schöne am Idealismus ist, man hat das Ziel deutlich vor Augen!" Wobei die Motivation der beiden durchaus unterschiedlich ist. Karin Busch ist eine Pferdeliebhaberin, reitet gerne und hat sich nun auf Hof Grube einen Traum verwirklicht. Sie betreibt neben ihrem eigentlichen Beruf als Krankenschwester eine Pferdepension. 14 Pferde stehen dort in der artgerechten Offenstallhaltung und erfreuen sie täglich. Der 8 Hektar große Hof ist übrigens mit seiner Pferdehaltung ein aktiver landwirtschaftlicher Betrieb.

"Etwas sehr  Altes stimmig wiederherstellen"

Johannes Busch, der für den Förderkreis Sozialpsychiatrie in Münster, Westfalen, arbeitet, ist Romantiker durch und durch. Er findet seit seinem 14. Lebensjahr alte Häuser spannend. In diesem Alter erlebte er die Sanierung seiner Heimatstadt Borken. Sanierung hieß zu jener Zeit, ganze Straßenzüge mit alten Häusern leerzuziehen und schlichtweg abzureißen. Seither ist die Liebe zu alten Häusern, ihrem Wert und ihrer Wiederherstellung tief in seinem Herzen verwurzelt. "Es ist so ein schönes Gefühl, etwas sehr Altes stimmig wiederhergestellt zu haben", schwärmt er. Und das sieht er durchaus auf die Gesellschaft bezogen und nicht nur individuell. Seiner Meinung nach müssen einige alte Objekte unbedingt erhalten bleiben, die für die Identität der Menschheit von Bedeutung sind.

Deswegen setzt sich Johannes Busch mit aller Kraft für den jahrhundertealten Hof ein. Das kostet neben dem Schweiß und dem unermüdlichen Einsatz der Familie auch viel Geld. Der Hof musste zunächst so gesichert werden, dass er nicht einstürzt. Und wird jetzt Schritt für Schritt weiter saniert und ausgebaut.    
Das Ehepaar Busch ist nicht von Haus aus reich und so floss der Erlös ihres sanierten Hofes Große Aldenhövel komplett in das neue Projekt. Bei der Größe, dem Sanierungsbedarf und vor allem der besonderen historischen Bedeutung der Anlage "macht das aber nur einen Teil der Gesamtkosten aus", so Karin Busch.

Beide arbeiten jeweils in ihren Berufen, und wenden fast jede freie Minute für die Sanierung der Hofstelle auf. Rein praktisch heißt das auch, die Handwerker, die immer wieder vor Ort sind, mit zu verköstigen. Eine Aufgabe, die die Frau des Hauses übernimmt. Und es heißt auch, regelmäßig Hof Grube in die Öffentlichkeit zu bringen und Kontaktpflege zu diversen Einrichtungen der Denkmalpflege inklusive Begehungen, Ausgrabungen und Präsentationen zu betreiben. Mittlerweile haben auch die Bezirksregierung, der Landschaftsverband Westfalen-Lippe und die Deutsche Stiftung Denkmalschutz das Projekt finanziell unterstützt. Doch damit kann nur ein Bruchteil der Gesamtkosten gedeckt werden.

"Wir sind keine Leute des Konjunktivs, sondern handeln!"

So manche Menschen würden angesichts des Umfanges und der Kosten der anstehenden Sanierungen und Renovierungen mitunter den Mut verlieren. Doch so denken Karin und Johannes Busch nicht. Sie wollen Hof Grube in seiner Unverfälschtheit und Aussagekraft wiederherstellen und sind zu vielem bereit. So planen sie in einem Teil des Anwesens ein öffentliches Zentrum für historische Baukultur im Münsterland. Dieses Zentrum soll nach Fertigstellung Einblicke in die Historie, die Lebensart und –bedingungen der ländlichen Bevölkerung quer durch die Jahrhunderte bieten, aber auch wissenschaftliche Forschung ermöglichen. Und zwar passenderweise in einem der ältesten noch erhaltenen Bauernhäuser Deutschlands. Bis zur endgültigen Fertigstellung wird jedoch noch einiges Wasser die hiesige Stever herunterfließen. Ziel ist es, die Sanierung möglichst zum offiziellen 500. Geburtstag der historischen Gräftenhofanlage im Jahre 2017 abgeschlossen zu haben. Die dazu nötige Geduld und einen langen Atem bringen die Buschs mit: "Wir sind keine Leute des Konjunktivs, sondern handeln. Und Spaß macht es außerdem auch noch!"

 

Mitte November 2011: Deutsche Stiftung Denkmalschutz fördert erneut Hof Grube

 

Ende Dezember 2013: Deutsche Stiftung Denkmalschutz fördert erneut Hof Grube

 

Hof Grube in Lüdinghausen
Johannes und Karin Busch
Altes Herdfeuer
Upkammer
Hof Grube Seitenansicht
Hof Grube "von seiner schönsten Seite"