Von der Ruine zum Familienhaus auf der Insel

Elisabeth Schuster und Konrad Obermann

Unser Fazit:

Es war an einem sonnigen Frühsommertag, Anfang 2005, als wir auf einem Spaziergang entlang der Leine bei Niedernjesa über eine alte Fußbrücke vom Wanderweg abbogen. Und da lag es vor uns, immitten von hohem Gras hinter verwilderten Forsythien und Johannisbeersträuchern. Es hatte keine Fenster mehr und es sah so aus, als ob es den nächsten Winter nicht überstehen würde … aber es war eine Idylle. Vögel sangen, der Wind strich durch die hohen Eschen und im Mühlgraben rauschte das Wasser. Einige Meter hinter dem Haus – beschattet von einem breiten Walnussbaum – stand noch ein kleines Häuschen und im Süden dehnte sich hinter einer kleinen Streuobstwiese eine große Weide bis ans Ende der Insel, die im Osten vom Mühlgraben und im Westen von der Leine begrenzt wird.

Wir hatten schon seit geraumer Zeit in Göttingen und Umgebung nach dieser Art von Haus gesucht. Es sollte ein altes Haus sein, mit Charakter und der Möglichkeit, es zu entwickeln und zu einem Mittelpunkt der Familie auszubauen.

Wir ermittelten den Besitzer und vereinbarten eine erste Besichtigung. Das Haus war über 30 Jahre nicht bewohnt gewesen und in einem desolaten Zustand: sämtliche Schwellen verrottet, Fenster kaputt, die Türen verzogen, es gab im Erdgeschoß keinen Fußboden mehr, im einem Teil war eine Eisenkonstruktion eingezogen, um als Strohlager zu dienen. Allerdings war das Dach noch weitgehend dicht und die Bausünden der 70er und 80er Jahre waren spurlos vorüber gegangen.

Das Gebäude, errichtet um 1800, war wohl das Wohnwirtschaftshaus des Müllers gewesen, das Nebengebäude diente als Backhaus. Ein knappes Jahr überlegen wir: Stimmt die Lage? Gefällt uns das Umfeld? Sind Überschwemmungen zu befürchten? Wie groß ist der Aufwand für den Umbau? Das Haus selbst war eigentlich nie in der Diskussion – wir waren uns sicher, es kann wieder schön werden! Ende 2005 unterschrieben wir den Kaufvertrag – der dann hochkomplex wurde, da auf dem Grundstück Leitungen für eine Turbinensteuerung liegen und entsprechende grundbuchrechtliche Eintragungen und Vormerke notwendig waren.

Unser Wohnwirtschaftsgebäude ist in mehrfach Hinsicht ein ungewöhnlicher Gebäudetyp: im Prinzip aufgebaut wie ein Querdielenhaus, also ein zweigeschossiger Wohnteil mit angrenzendem quer liegendem, gebäudetiefen Wirtschaftsteil mit eineinhalbgeschossiger Raumhöhe, hat es jedoch nie über eine „Deelentor“ verfügt, sondern lediglich über eine horizontal geteilte Tür. An der Giebelwand der Querdiele angrenzend war das Gebäude durch einen vermutlich bauzeitlichen Stallanbau ergänzt.

Die Deele wurde später durch eine Zwischendecke und eine zweite Ziegelwand mit Strohdämmung zu einem Keller umfunktioniert.

Die detaillierte Bestandsaufnahme war dann teilweise nicht so schlimm wie befürchtet, aber es kam doch immer wieder Neues hinzu: eine Brücke über den Mühlengraben war zu bauen, Abwasser musste unter der Leine hindurchgepumpt werden, Öl durfte nicht auf der Insel selbst gelagert werden (Wasserschutzgebiet), große Befüllungsfahrzeuge für Gas konnte nicht über die Brücke fahren.

Zudem waren ca. 15 m3 Heu im Haus eingelagert gewesen.

Das Haus stand nicht unter Denkmalschutz – in Diskussion mit lokalen IgB-Vertretern (vielen Dank, liebe Karin Schade!) haben wir überlegt, ob es Denkmalstatus erreichen kann. Durch die Hilfe der lokalen und regionalen Denkmalpflege wurde unser Haus unter Denkmalschutz gestellt und im Nachhinein denken wir: das war die beste Entscheidung für Planung und Finanzierung! Wir haben sehr viel Hilfe und Unterstützung erhalten; die so oft geschmähte Denkmalpflege war die wichtigste Anlaufstelle während des gesamten Projektes.

Und dann ging es los: Die unteren Gefache wurden herausgeschlagen, insgesamt zehn 10m lange Kanthölzer wurden quer durch das Gebäude geschoben und mit LKW-Wagenhebern das ganze Haus angehoben! Erst dann konnten wir das bereits abgesackte Fundament und die Schwellen erneuert lassen.

Weiterhin musste die bereits in Teilen eingestürzte Decke auch in ihrer tragenden Konstruktion erneuert werden. Die Fachwerkkonstruktion wurde komplett instand gesetzt, wobei wir großen Wert darauf gelegt haben, die bestehende Substanz zu erhalten und möglichst behutsam und unter Verwendung traditioneller Materialien zu sanieren. Diese Vorgehensweise haben wir für den gesamten Innenausbau beibehalten. Bei den Wänden haben wir ausschließlich Friedländer Stein und Lehm verwendet, der bei den Außenwänden mit einer Wandheizung kombiniert wurde. Sämtliche Fußböden sind aus Massivholz, zum Teil mit wieder verwendeten, regionaltypischen Ziegelplatten oder Naturstein kombiniert. In einem Zimmer im 1. OG konnte der alte Boden wieder aufgearbeitet werden: 3,5 cm Fichtendiele, eine Qualität, die heute praktisch nicht mehr lieferbar ist.

Im ehemaligen Wohnteil ließen wir nach den noch vorhandenen Fensterresten neue Kastenfenster rekonstruieren. Im Wirtschaftsteil hingegen ließen wir einflügelige Fenster in Anlehnung an Stallfenster einbauen. Die ursprüngliche Türsituation der Deele wurde als Thema neu aufgenommen: wir setzten Glas als zweite abschließende Ebene ein und versahen die Öffnungen mit zweigeteilten Stalltüren. Das wurde für Belichtungszwecke auf der gegenüberliegenden Seite wiederholt. Auch beim Dachausbau wurde Wert auf die Trennung zwischen Wohn- und Wirtschaftsteil gelegt. Über dem Wohnteil wurden zwei zusätzliche Dachgauben in üblicher Form errichtet; im Bereich des Wirtschaftsteils wurde auf einer Seite den Drempel durchstoßende Ladeluke und auf der anderen Seite eine lang gezogene Schleppgaube in Anlehnung an Lüftungsgauben eingefügt.

Wo möglich, haben wir historische Baustoffe und Dekorelemente eingesetzt – Ebay ist hierfür ein wunderbarer, riesiger Flohmarkt: wir haben hier unter anderem zwei alte Holzöfen, eine originale Badewanne aus den 20er Jahren, einen Postkasten und einige alte Lampen erstanden.

Wie erwähnt, war aufgrund der Lage auf der Insel die Abwassersituation schwierig, wir haben uns dann für eine Kleinkläranlage entschieden. Wo früher die Mühle stand, ist jetzt eine Turbine. Wir können, da unser Grundstück direkt an das Grundstück des Turbinenbesitzers angrenzt, Strom von hier beziehen (aber auch das erforderte ein juristisches Gutachten!)

Überhaupt: es war ein komplexes Projekt und die Erfahrung des Autors aus der Unternehmensberatung waren ganz wichtig, um diese Komplexität überhaupt steuern zu können. Rat war von vielen Fachleuten notwendig und wir haben überwiegend sehr gute Erfahrungen mit Behörden gemacht, so beispielsweise dem Wasseramt und der Bauabteilung des Landkreises, der Gemeinde oder dem Amt für Agrarförderung.

Zwei Jahre nach Baubeginn, dreieinhalb Jahre nach dem ersten Anblick sind wir eingezogen. Viele aus dem Dorf sind gekommen und waren erstaunt, berichteten, wie auch sie überlegt hätten, das Haus zu renovieren, aber vor dem Umfang zurück geschreckt seien. Viele haben sich wohl auch nicht vorstellen können, dass diese Quasi-Ruine noch zu retten sei, noch einmal so hergerichtet werden könnte.

Die Lage ist wunderbar, das Grundstück liegt direkt am Wasser mit Angelrecht. Der konsequente Einsatz natürlicher Baumaterialien führt zu einem sehr angenehmen Wohnklima.

Außerdem: die Insel ist auch über eine Furt zu erreichen – mittlerweile ein selten gewordenes Querungsmittel eines Flusses. Sie wurde mit in den Denkmalschutz übernommen und bildet somit Teil eines Ensembles aus Wohnwirtschaftshaus, Backhaus und Furt, was wir mittelfristig weiter entwickeln möchten.

Unser Fazit: Eine Vision, viel Durchhaltevermögen und finanziell immer zumindest etwas Luft haben, dann kann ein verfallendes Haus wieder zum Leben erweckt werden, und jeden Tag Freude machen!

Fotos: E. Schuster /
K. Obermann

Desolater Zustand im Frühsommer 2005
Frühsommer 2005: Verzogene Fenster und stark geschädigte Ausfachungen
Bauzeitlicher Stallanbau
Zehn 10m lange Kant-
Mit LKW-Wagenhebern das ganze Haus angehoben
Das neue alte Familien-