Dieser Hof gehört zu unserem Leben!

Von der Schwelle bis zum Fenster alles selber gemacht

Malin Hansen, 31, und Oliver Rust, 37, sind rundherum zufrieden. Sie leben in einem Altenteiler von 1863 am Stadtrand von Minden, der so schmuck aussieht, dass Touristen schon wähnten, in einem Museumsdorf gelandet zu sein. Vor ein paar Tagen saßen die beiden unter den alten Hofbäumen auf der Bank und genossen den lauen Sommerabend. Eine Bewegung auf dem Giebel des Haupthauses ließ sie aufmerken – und ihre Herzen aufgehen, denn dort saß ein Uhu. Und um die Idylle perfekt zu machen, kommt dieser Tage der erste Nachwuchs des Paares auf die Welt. 

Bis vor ein paar Jahren wohnten die beiden zur Miete, ebenfalls im Altbau. „Wir hätten gerne mehr an dem gemieteten Haus erhalten, doch das dankt einem niemand“, erinnert sich Malin. Schließlich  gingen sie auf Suche nach Häusern, die „wild und verlassen“ aussahen. Oliver Rust recherchierte im Internet und fand die Interessengemeinschaft Bauernhaus (IgB). Durch ein Telefonat mit dem Architekten und IgBler Wolfgang Riesner stieß er in der Bauernhausbörse Minden auf ihr heutiges Haus im Hasenkamp.

Der Hasenkamp wurde urkundlich das erste Mal im Jahr 1090 erwähnt, wurde aber schon in der Bronzezeit besiedelt. Dort stehen mehrere alte und vor allem sehr große stattliche Anwesen. Die frühere Eigentümerin des Hofes bewirtschaftete mit ihrem Mann zwei riesige Höfe. Als er starb, wollte sie verkleinern und setzte den Altenteiler und ein kleines Heuerlingshaus mit einem Gesamtgrundstück von 1.200 Quadratmeter in die Bauernhausbörse. Ihr war es wichtig, neue Eigentümer zu finden, die die alte Bausubstanz erhalten und vor allem zu schätzen wissen. Bis der Kaufvertrag unter Dach und Fach war, verging ein ganzes Jahr. „Wir haben diese Wartezeit genutzt, und die Finanzierung auf die Beine gestellt“, erklärt Malin. Die beiden hatten schon sehr früh einen Bausparvertrag angelegt nach dem Motto, mal sehen, was da kommen mag.

„Werkeln für ihr Leben gern“

Das Paar war sich schnell einig, den Hof so originalgetreu wie nur möglich zu restaurieren. Der Altenteiler, ein vier Ständer Hallenhaus von 1863, war zuletzt von einer älteren Dame bewohnt worden und hatte bereits einige Modernisierungen hinter sich. In Absprache mit dem Denkmalamt wurde er unter Denkmalschutz gestellt. Das kleine Heuerlingshaus von 1880 war in einem mehr als desolaten Zustand. Zum Schluss diente es als Treckerscheune. Das Dach war undicht, die Decken kamen teilweise herunter. Der Keller war nur ein Schacht und zum Dachboden gab es keinen Zugang.

An dieser Stelle kam ein besonderer Umstand zum Tragen. Sowohl Malin, gelernte Gärtnerin und Diplom-Biologin, wie auch Oliver, gelernter Radio- und Fernsehtechniker und heutiger Servicetechniker für Bürogeräte, sind sehr geduldig und „werkeln“ für ihr Leben gern. Für sie war sehr schnell, auch aufgrund der guten Begleitung von Wolfgang Riesner, klar, dass sie dem Umbau „von A bis Z“ selber machen werden. „Wenn früher Kunden ein altes Gerät, für das es keine Ersatzteile mehr gab, repariert haben wollten, musste ich auch eine Lösung finden“, erinnert sich Oliver. Und Malin ergänzt: „Mal ehrlich, wenn du nicht gerade zwei linke Hände hast, bekommst du das schon auf die Reihe!“ 

Das Paar zog zunächst in das bewohnbare Haupthaus ein, lebte dort provisorisch und restaurierte das kleine Haus Zug um Zug. „Als wir den Hof gekauft haben, sind wir mit einem Nachbarn in den Wald gegangen und haben mit dem Sägegatter Eichenbalken und –bretter gesägt“, erzählt Oliver. Der Förster hatte ihnen wie vereinbart die gefällten Eichen an den Wegesrand gelegt und los ging´s. Die Balken und Bretter wurden vor ihrem Einbau eineinhalb Jahre gut durchlüftet gelagert. So bekamen sie das Holz genauso, wie sie es brauchten, und zu einem extrem günstigen Preis, weil sie die Arbeit selber gemacht haben.

Verwunschenes Haus oder verbastelte Butze

Nach und nach wurde jede Menge altes Stroh vom Dachboden entsorgt, eine große Menge Düngersäcke über ebay verkauft, eine riesige Betonplatte, auf der der Trecker stand, hinausbefördert. Lose Gefache wurden ebenso wie marode Balken ersetzt. Um Hilfe fragte das agile Paar nur selten, weil sie überzeugt sind: „Was andere lernen können, das können wir auch lernen!“ Sie lasen sich das nötige Wissen an, probierten es aus. Und machten die Erfahrung, dass sie tatsächlich alles lernen können. Und sie wollen auch gar kein Haus, das wie mit der Wasserwaage gerade gezogen aussieht. Früher, so Oliver, hat meist der Dorfhilfsarbeiter die Wände hochgezogen, das war auch nicht hundertprozentig gerade.

"Wir hatten vor einigen Jahren mit Oldtimern zu tun. Wenn ich einen nach dem Motto „tiefer, breiter, boaah“ verbastelten Oldtimer habe, oder ein Original – bei welchem bleiben die Leute denn stehen und sagen „oh, wie schön?“ Genauso ist es mit alten Häusern. Wenn du eines hast, das etwas verwunschen ist, an dem lange nichts gemacht wurde, fängst du an zu träumen, was du daraus machen würdest. Hast du so eine verbastelte Butze, denkst du nur: schade!“, erzählt Malin.

Es dauerte nicht lange, bis die beiden erkannten, dass Originalmaterialien so einem jahrhundertealten Haus besser stehen als neues Material. Oliver gibt allerdings zu, dass er anfangs die Idee hatte, die alten Ziegel kurzerhand mit dem Hochdruckreiniger zu säubern. Doch Architekt Wolfgang Riesner riet dazu, einfach einige der alten Ziegeln durch zweitverwendete Ziegeln zu ersetzen. „Sonst wäre die ganze schöne alte Patina dahin gewesen. Nichts sieht schrecklicher aus wie ein altes Haus mit einem nagelneuen Dach!“

Hellblau mit Goldflitterkante

Und so baute das Paar Zug um Zug das kleine Haus mit einer Wohnfläche von 100 Quadratmetern um und aus. Während der Ausbesserungsarbeiten gab das Haus so manches Geheimnis preis, insbesondere stießen sie auf Originalbemalungen, die sich selbstredend heute in der Innenraumgestaltung wiederfinden. Malin war begeistert, alte Muster auf den Wänden zu finden und diese zu rekonstruieren. So ist die Küche wie früher hellblau mit Goldflitterkante gestrichen. Auf der Innenseite der Küchentür hatten verschiedene Hofmitarbeiter mit Bleistift eine Strichliste, wann sie wie viele Düngersäcke geholt hatten, erstellt. „Das ist auch ein Stück der Geschichte dieses Hauses und deswegen haben wir das so gelassen“, erklärt Malin.

Das Haus ist gut gedämmt, die beiden entschieden sich für Isofloc mit einer Fachwerkhinterlüftung. In den Boden ist eine Fußbodenheizung verlegt, die sie jedoch gar nicht angeschlossen haben, weil ihr 11kw Holzofen das Haus so gut heizt.  Die Wärme steigt nach oben, heizt aber auch die drei unteren Räume absolut gleichmäßig. Die Wände sind größtenteils mit Lehm verputzt, auf dem Boden sind (selbst gesägte) breite Lärchendielen verlegt. Eine alte Holztreppe fügt sich harmonisch in das Haus und führt nach oben ins Schlafzimmer und Badezimmer. Mit einem Grinsen erzählt Malin von zwei früheren Bewohnerinnen des Hauses, die eines Tages vor der Tür standen und einmal schauen wollten. Natürlich wurden sie hereingebeten und schon bald kam der Ausruf: „Schau mal, die alte Treppe nach oben ist noch da!“ – „Nö,“ antwortete Malin trocken, „die ist von ebay für 5 Euro!“

Fensterbau als krönender Abschluss

Trotz aller Authentizität findet sich auch zeitgemäße Technik im Haus. In der Küche erleichtert eine hochmoderne Küchenzeile den Alltag, und im Badezimmer bietet eine Hightec-Dusche größten Komfort. Die absolute Krönung des Hauses sind jedoch die Fenster. Oliver und Malin hatten sich während der Umbauphase bereits im Haupthaus mit der Technik der alten Fenster vertraut gemacht. Sie sind zweiflügelig nach außen öffnend mit einer Teilung im oberen Bereich. Eigentlich sehr praktisch, befanden die beiden, und wollten genau solche Fenster, allerdings mit Isolierglas, nachbauen lassen. Nach einem eingehenden „Vor-Ort-Gespräch“ mit dem Tischler schickte der dann das Angebot über Dreh-Kipp-Fenster mit Plastikbeschlägen. Oliver war entsetzt, rief den Tischler an und fragte ihn: „Warst du bei mir auf der Baustelle? Habe ich chinesisch geredet?“ Der Handwerker schrieb sich noch einmal alles auf und dann kam gar nichts mehr.

Parallel hatte das Paar von Nachbarn gehört, die ähnliche Probleme hatten. Und schließlich wurden sie aus Verzweiflung selber zu Fensterbauern. „Das können wir doch bestimmt auch“, überlegten sie. Der „Selbermacher“ Oliver besorgte sich Fachliteratur, und dann ging es mit Tischkreissäge und einer Oberfräse los. „Du kannst Isolierglas fertig auf Maß geschnitten kaufen“, erklärt er. Und baute als „krönenden Abschluss“ sämtliche Fenster und die Tür selbst. Sie sehen perfekt aus, sind dicht und der sichtbare Beweis, dass alles möglich ist, wenn man es sich nur zutraut.

Das Haus strahlt heute eine ruhige Gemütlichkeit aus. Es ist unverkennbar, dass es schon eine lange Geschichte auf dem Buckel hat, überall sind die Spuren davon zu sehen. Zum Teil haben Malin und Oliver diese Spuren sogar in Szene gesetzt wie mit der Strichliste an der erwähnten Küchentür. Und gleichzeitig hat das Paar dem Haus ein neues Gesicht gegeben und seine eigene Spur darin hinterlassen. Im Augenblick ist es jedoch eng im Wohnzimmer, denn dort warten bereits Kinderwagen, Wiege und andere „Zutaten“ auf die Geburt ihres ersten Kindes. Und weil sie gerne noch mehr Kinder bekommen möchten, werden sie in den nächsten zwei bis drei Jahren mit der Entkernung des großen Hauses loslegen. Dieses ist mit seinen 250 Quadratmetern wesentlich größer und bietet noch viel mehr Möglichkeiten zum Träumen. „Zwischenzeitlich haben wir überlegt, ob wir es einfach in den Originalzustand versetzen, es überhaupt nicht modernisieren. So mit Plumpsklo und allem und es nur als Sommerhaus nutzen. Aber unsere Familie ist auf Zuwachs ausgerichtet, da brauchen wir doch den Platz“.

„Nach uns die Würmer und Käfer!“

Auch das Haupthaus wird in bewährter Manier restauriert werden. Das heißt, so viel wie möglich in den Originalzustand zurückzuversetzen, so viel wie möglich selber bauen und das Haus trotzdem mit modernem Wohnstandard ausstatten. Deswegen wird das Haus eine Kombination aus Grundofen und Gastherme erhalten. „Wenn du nur mit einem Holzofen heizt, musst du auch, wenn du mit Schnupfen danieder liegst, raus. Bei einem 100 Quadratmeterhaus geht das noch, aber bei 300 Quadratmetern….“, erklärt Oliver. Solarzellen werden sie nicht installieren. „Die Energie, die gebraucht wird, um eine Solarzelle zu produzieren, stellt sie meines Wissens nach in ihrem Leben gar nicht her. Der ökologische Rucksack ist mir zu groß“, so Diplom-Biologin Malin.

Sie und ihr Mann versuchen beide, mit ihrem Hausbau so ökologisch wie nur möglich vorzugehen. In der Gegend werden gerade viele Neubauten mit Styropor hochgezogen. Eine Freundin der beiden schwärmte ihnen neulich vor, dass es für diese Häuser 15 Jahre Garantie gäbe. Bei solchen Äußerungen fährt Malin aus der Haut: „15 Jahre Garantie, ich bitte dich. Ein solcher Neubau hält 50 Jahre und dann kann ich ihn auf der Sondermülldeponie zusammenschieben. Ein gut erhaltenes Fachwerkhaus hält 400 bis 500 Jahre oder länger. Unser Haus besteht aus Lehm, Stein und Holz, die Dämmung ist abbaubar. Unsere Mentalität lautet nicht, nach uns die Sintflut mit der Styropordämmung, sondern nach uns die Würmer und Käfer!“

Mit ihren Nachbarn kommen sie gut zurecht, bei Bedarf helfen sie sich. Im Hasenkamp wohnen mehrere Generationen, Kinder spielen dort und haben viel Platz. Mit den unmittelbaren Nachbarn grillt das Paar öfter gemeinsam. Sie fühlen sich in der Siedlung akzeptiert und angekommen.

Langeweile wird bei Malin Hansen und Oliver Rust vermutlich auch nach dem Umbau des Haupthauses nicht einziehen, denn da warten noch der große, naturbelassene Garten, die Obstbäume, und der Bausatz einer alten Fachwerkscheune von 1770 verpackt hinten auf dem Feld. Es macht ihnen einfach Freude, mit den eigenen Händen und mit den Gegebenheiten der Hofstelle ein Kleinod zu schaffen. „Dieser Hof ist unser Leben. Wir haben ihn nicht von fremden Unternehmen hochziehen lassen, sondern alles selber gemacht. Das macht uns stolz!“

Michaela Töpfer, Öffentlichkeitsreferentin der IgB

Auch die Katze fühlt sich wohl...

Fotos: O. Rust, M. Hansen und M. Töpfer

Haus im Hasenkamp heute
M. Hansen und O. Rust
Kaufzustand
Küchentür
Dachabdecken
Bürofenster
Bordüre, nachfolgend Impressionen vom renovierten Haus: