Reisenotizen aus Nordfrankreich: Zwei Markthallen

Zum ersten mal seit 20 Jahren – so lange besitzen wir unser Bauernhaus – bin ich in diesem Jahr mit meiner Frau in den Urlaub gefahren. Ziel war Frankreich, die Normandie – ich wollte mir schon immer ’mal das normannische Fachwerk ansehen.

Weil der Weg das Ziel ist, hält man natürlich überall an, hinter jeder Kurve gibt es – gerade in Frankreich – etwas Neues (Altes) Interessantes zu sehen. Mehr oder weniger zufällig landen wir am Anfang der Reise in der 4000-Einwohner-Kleinstadt St. Pierre sur Dives, ca. 30 km südöstlich von Caen, in der östlichen Normandie. Eigentlich suchen wir einen Supermarkt, die Vorräte gehen zu Ende, aber dafür entdecken wir, wenig abseits des Stadt-Zentrums, neben einem großen Parkplatz eine alte Markthalle – 70 m lang, 20 m breit, Giebel und Seitenwände aus gelblichem Sandstein, das Dach mit Ton-Dachschindeln in lebendigem Ziegelrot eingedeckt. 

Es ist Mittwoch und die Halle ist leer – Montags ist hier Markttag – kaum ein Tourist interessiert sich für dieses alte Bauwerk.

Durch jeweils eine große Einfahrt im Giebel kommt man ins Gebäude und wird im gedämpften Licht mehrerer Dachgauben von zwei, auf Sandsteinsockeln stehenden, Ständerreihen empfangen, die Knotenpunkte am oberen Ende im Längs- und Querverband mit doppelten Kopfbändern verstrebt. Die beeindruckende Konstruktion, die sehr an ein Gulfhausgerüst erinnert, trägt engstehende Dachsparren, auf denen wiederum die Dachlatten, zwischen denen nur der Abstand ihrer eigenen Breite ist, liegen. Insgesamt 144.500 Tondachschindeln liegen auf den Dachlatten, informiert ein Infozettel in einer Klarsichthülle, angepint an einen der Ständer. Jede Schindel hängt mit einer Nase auf der Dachlatte und ist zusätzlich mit zwei fingerlangen Holznägeln aus Kastanienholz, die durch 2 Löcher rechts und links der Tonnase gesteckt sind, gesichert. Es mußten also knapp 290.000 dieser kleinen Holznägel hergestellt werden.

Eine weitere Klarsichthülle informiert: Die Kleinstadt Saint Pierre sur Dives liegt im Zentrum einer hauptsächlich landwirtschaftlichen Region und war schon immer Marktflecken. Schon im XI. und XII. Jh. war hier ein Handelszentrum. Im XIII. Jh. errichteten Benediktiner-Mönche der Abtei „Saint Pierre sur Dives” die erste Markthalle. Im 16. Jh. wurde diese vergrößert, in der heutigen Form. Im II. Weltkrieg, am 17. August 1944 wurde die Markthalle zum größtenteil zerstört und 1949 wieder aufgebaut. Das bis auf 2 Original-Gebinde, jetzt vorhandene Gerüst aus geradem, kantigen Eichenholz ist also erst ca. 60 Jahre alt. Die originalen, aus dem 16 Jh. stammenden Hölzer sind wesentlich krummer und waldkantiger, wie auf einem Foto in einer weiteren Klarsichthülle, erkennbar ist.

Zwei Wochen später…

Inzwischen sind wir in der westlichen Bretagne gelandet – in vier Tagen müssen wir wieder zu Hause sein. Die Rückreiseroute ist festgelegt und beim Blättern im Reiseführer – was hätten wir noch alles sehen können – stolper ich über die Beschreibung einer Markthalle ganz in der Nähe:

„Die Markthalle von Questembert. Die dreischiffige Markthalle wird auch als Kunstwerk bezeichnet. 1552 gebaut, 1675 erneuert, ist einer der ältesten überdachten Marktplätze Frankreichs. Sie ist 55 m lang und 15 m breit und 10 m hoch. Die Dachfläche ist 1180 qm groß. Für den Bau der Halle brauchte man 176 cbm Eichenholz.”

Da war sofort klar, da fahren wir hin (kommen wir halt einen Tag später nach Hause). Die Kleinstadt Questembert (7400 Einwohner) liegt in der südwestlichen Bretagne zwischen den großen Städten Vannes und Rennes. Die Markthalle liegt mitten in der Stadt, direkt neben der Kirche, eingerahmt von den für die Bretagne typischen grauen Natursteinhäusern. Es gibt keine geschlossenen Außenwände, das graue Schieferdach ruht auf dicken Eichenständern – fast alle sind mit neuem Holz angelängt – die auf behauenen Granitsteinpfosten stehen. Für das beeindruckende Bauwerk interessiert sich fast niemand, obwohl doch Hochsaison ist. Das hat für mich den Vorteil, daß mir bei meiner Fotosession niemand ins Bild rennt.

Die wenig beeindruckende äußere Erscheinung präsentiert sich dem Interessierten im Inneren in voller Pracht. 18 Ständerpaare flankieren das Mittelschiff rechts und links. In drei Ebenen strecken sich die Kopfbänder wie dicke Äste in die Höhe, um mit ihrem Ende die horizontalen Eichenbalken zu stützen und die Gesamtkonstruktion in Längs- und Querrichtung vor Verschieben zu sichern. Auf den „Deckenbalken” stehen wiederum Ständer mit Kopfbändern in alle vier Richtungen. Unter dem First gibt es eine längsseitige Verstärkung, mit einer „Unterfirstung” aus Riegeln und Andreaskreuzen zwischen den „Firstständern”. Extrabreite, vertikal dicht beieinander liegende starke Latten, tragen eine Holzschalung, auf die die Schieferplatten genagelt sind.

Alle diese Einzelteile vereinigen sich zu einem perfekten optischen Gesamtkunstwerk der höchsten Stufe des Zimmermannshandwerks des 16. Jahrhunderts (dieser Satz gibt die absolute Begeisterung des Autors wieder).

Die Markthallen werden auch heute noch genutzt: für Märkte, Veranstaltungen, Konzerte. Früher waren sie die Orte, an denen man den Handel kontrollieren konnte und hierher kam man aus der ganzen Umgebung um zu kaufen, zu verkaufen, aber auch um die neuesten Informationen auszutauschen.

Meine Recherche nach dieser Reise ergab, daß außer dieser Markthalle in der Bretagne noch drei weitere Hallen mit ähnlichen Holzgerüsten existieren. Beinah wären sie verschwunden gewesen, da 1939 die Markthallen stillgelegt und schließlich abgebaut werden sollten, berichtet eine Quelle im Internet. Auf jeden Fall warten diese Markthallen darauf, bei der nächsten Reise besichtigt zu werden.

(Bernd Kunze, IgB Hoya/Verden)

Die Markthalle aus dem 13. Jh. in St. Pierre sur Dives, Normandie
(Foto: Bernd Kunze)
Die Dachschindeln sind an der Tonnase plus an zwei Holznägeln aufgehängt.
(Foto: Bernd Kunze)
Blick aus dem Seitenschiff ins Hauptschiff
Die Markthalle aus dem 16. Jh. in Questembert, Bretagne
Aufwendige Konstruktion im First
Der Blick ins Mittelschiff
Die Markthalle aus dem 16. Jh. in Questembert, Bretagne - ausgereifte Zimmermannskunst in Frankreich