400 Jahre friesische Keramik - Fries Aardewerk

Es geht um ein Jubiläum besonderer Art, das im vorigen Jahr in der niederländischen Provinz Friesland begangen werden konnte und dem mehrere Ausstellungen und eine Reihe interessanter Publikationen gewidmet wurden. Aardewerk ist mit dem Begriff Keramik passend übersetzt. Es umfasst sowohl die einfache Töpferware wie die ganze Palette der Fayence-Produkte (Gebrauchsgeschirr und Ziergegenstände unterschiedlichster Art), eingeschlossen die große Zahl und Vielfalt der bemalten Wandfliesen und Fliesentableaus. Mit der Verbreitung der aus dem Orient stammenden Technik, gebrannten Ton mit einer Glasur in einem zweiten Brennvorgang zu überziehen, aus Spanien über Italien nach Norden begannen im 16. Jahrhundert in Antwerpen Italiener mit der Fertigung von Gefäßen und Fliesen, die mit farbigen Glasuren bemalt wurden. Von Antwerpen aus verbreitete sich das Handwerk rasch weiter und erreichte vor 400 Jahren auch die heutige Provinz Friesland. In den friesischen Marschen gab es keinen Mangel an Ton (Klei), aus dem schon jahrhundertelang in Ziegeleien Ziegel und in Töpfereien Gebrauchskeramik gefertigt worden waren.

Im 17. Jahrhundert, dem Gouden Eeuw – dem Goldenen Zeitalter –, wurden Fayencen in immer feinerer Form und fantasievollerem Dekor hergestellt. Das färbte natürlich auch auf das einfachere mit Malhorn und Tonschlicker (Engobe) bemalte und mit Bleiglasur versehene Gebrauchgeschirr der Bauern und Handwerker ab. Daneben wurden bei Einführung der Fayencetechnik die einfachen Fußbodenfliesen in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, plavuizen, mit einer Fayenceoberfläche versehen, zunächst mehrfarbig und später einfarbig blau oder manganbraun auf weißem Grund mit Ornamenten, die über mehrere Fliesen hinausreichten, und später figürlich verziert. Wenig später wurden die bemalten Bodenfliesen auch an die Wände gesetzt. So entstanden um die Mitte des 16. Jahrhunderts die ersten Wandfliesen, die im Laufe der folgenden Jahrhunderte eine kaum überschaubare Fülle von Mustern und Motiven erhielten.

Sammler und Museen befassten sich bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts fast ausschließlich mit den Fayencen und Fliesen aus dem Gouden Eeuw. Die spätere handgefertigte "Massenware" blieb nahezu unbeachtet. 

Geflieste Räume waren in den Niederlanden und im Küstenbereich der Nordsee
allgegenwärtig, so daß sie als Gebrauchsware auch wieder verschwanden, als im 20. Jahrhundert um- und neu gebaut wurde. Sie wurden als kulturgeschichtliche Zeugnisse erst spät erkannt, und nur wenige Enthusiasten beschäftigten sich ernsthaft mit der Erforschung der Motive und mit der Zuschreibung zu den Herstellungsorten und Manufakturen.

Eine erste ernsthafte Bearbeitung der Fayencen und Fliesen aus der Zeit nach 1600 nahm mit einem internationalen Fliesensymposium im Frühjahr 1969 auf der Hallig Hooge ihren Anfang. 90 Fachleute und Interessierte aus sechs Ländern beschäftigten sich mit der Materie und waren der Ansicht, daß es an der Zeit sei, die vernachlässigte Periode nach dem 17. Jahrhundert ins Blickfeld
zu rücken.

Daraus entstand der Förderkreis „Stichting van Vrienden van het Nederlands Tegelmuseum“, angelehnt an das damals in Otterloo bei Arnheim im Aufbau befindliche private Fliesenmuseum. Aus diesem Kreis wurde die Fliesenforschung stark vorangetrieben, zumal die Zahl der Sammler jüngerer Fliesen und Fayencen anwuchs.

Einer der führenden Köpfe ist Jan Pluis, der maßgeblich schon das Symposium
auf Hallig Hooge vorbereitet hatte und mit zahlreichen Veröffentlichungen
zur Erweiterung der Kenntnisse beigetragen hat. Seine in den 1960er Jahren begonnene Fotodokumentation im gesamten Verbreitungsgebiet niederländischer Fliesen und Fayencen umfasst mittlerweile ca. 70.000 Fotos.

Vor dem Hintergrund der in den letzten 40 Jahren geleisteten Forschungsarbeit war ein großer Teil der sechs gezeigten Ausstellungen im Jubiläumsjahr in verschiedenen friesischen Städten dem Zeitraum 18./19. Jahrhundert gewidmet. Überdies wurde eine vor einigen Jahren begonnene, wissenschaftlich angelegte siebenteilige Schriftenreihe unter der Überschrift „Fries Aardewerk” mit den letzten drei Bänden vervollständigt. 

Zwei Ausstellungen sollen hier genannt werden, welche die beiden Bereiche Töpferwaren bzw. Fayenceerzeugnisse veranschaulichten.

Das Harlinger Aardewerk Museum von Minze van den Akker

In Harlingen an der Nordsee, das zu der Zeit eine blühende friesische Hafenstadt war, gab es bereits vor 1600 die erste gleibakkerij, der im Laufe der Jahrzehnte weitere folgten. Über den Hafen konnten die Produkte wie Töpferwaren und Boden- oder Wandfliesen exportiert werden.

Das geschah im 18./19. Jahrhundert in größerem Umfang mit Wandfliesen, die an den Küsten der Nordsee und teilweise der Ostsee Abnehmer fanden. Auf den nordfriesischen Inseln und in den angrenzenden Marschen ist das belegt, u. a. durch die Dokumentation von J. Pluis. Reste davon sind noch hier und da vorhanden. Das gleiche gilt für die übrigen Landstriche an der Küste.

1960 besuchte der junge Minze van den Akker eine größere Ausstellung von friesischer Keramik. Da fühlte er sich von der natürlichen Schönheit der ausgestellten Fayence-Produkte wie Schüsseln und Schälchen, Stövchen, Figuren und Döschen und Majolicatellern mit Blumen, Landschaften, Tieren oder Schiffen in der Manier der Fliesenmotive angesprochen und begann diese Dinge zu sammeln.

Majolicateller wurden für den täglichen Gebrauch und in weitaus größerer Menge hergestellt als das Ziergut. Von den Millionen hergestellter Teller ist nur ein kleiner Anteil überliefert. Während die Teller als Massenware mit schematisch vereinfachtem Dekor versehen waren, wurde für die anspruchsvollere Zierkeramik aufwendigere Bemalung, oft nach Kupferstichvorlagen, gewählt. Die kleinen Leute konnten sich beides kaum leisten und mußten von Blei glasierten groben Tellern essen.

Über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten baute Minze van den Akker systematisch die wohl beste und vielseitigste Sammlung dieser Art auf. Vor einigen Jahren erfüllte er sich schließlich einen Lebenstraum, indem er im Erdgeschoss seines Wohnhauses in Harlingen ein Privatmuseum einrichtete, das in der Vielseitigkeit der Exponate wie in der Präsentation der schönen Stücke seinesgleichen sucht. Als er mit dem Sammeln begann, war über Fries Aardewerk nur wenig bekannt. In Zusammenarbeit mit Jan Pluis stieg er mehr und mehr in die Materie ein.

Das „am meisten geöffnete Museum der Niederlande” (v. d. Akker) bietet einen Überblick über Fries Aardewerk, so komplett wie nur möglich, für die Zeit von 1600 bis 1925 und ist auch nach Ablauf der Jubiläumsausstellungen nach Anmeldung zu besichtigen.

Ehrenrettung für die Bleiglasur

Im Museum Princessehof in der friesischen Metropole Leeuwarden war eine Ausstellung über die bleiglasierte Töpferware, die mehr dem täglichen Gebrauch diente, zusammengetragen worden. Auch hier nahm die Sammlung zweier Enthusiasten, Adri van der Meulen und Paul Smeele, einen großen Teil ein. Rund 500 Stücke wurden gezeigt, die Hälfte davon aus der Privatsammlung, die andere Hälfte sind Leihgaben.

Die wechselnde Mode über die Jahrhunderte wird an Formen, Farben und Dekor sichtbar. Und dennoch sind alte, bewährte Formen immer wieder verwendet worden, weil sie wohl nicht mehr verbessert werden konnten. Zur Verwendung des Malhorns und aufgelegter, meist weißer figürlicher Tonplättchen auf den rot brennenden Ton waren Kerbschnittmuster beliebt. Sie wurden in den noch nicht festen Ton geschnitten. Die glänzende Bleiglasur „veredelte” die Töpferware und machte sie so attraktiv und beliebt. Erst um 1875 kam die Bleiglasur als Giftquelle ins Gespräch. Das Blei löste sich unter Einwirkung von Essig oder Fruchtsäure aus der Glasur und geriet so in die Speisen. Das Thema wurde u. a. von den Herstellern von verzinktem oder emailliertem Blechgeschirr mit Hinweis auf ihre eigenen ungiftigen Produkte aufgegriffen. Erst am Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Bleiglasur durch ungiftige Glasuren ersetzt.

In den schlesischen Töpfereien um Bunzlau war das z.B. schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Erfindung der Lehmglasur der Fall. Allerdings setzten die Töpfer der Lehmmasse immer noch etwas Blei als Flussmittel zu, wodurch die Glasur gleichmäßig verlief. Dort warb man mit dem Begriff Gesundheitsgeschirr für die Lehm- und Feldspatglasuren.

In der niederländischen Provinz Friesland gab es zeitweise 50 Töpfereien, pottebakkerijen, die über den regionalen Bedarf hinaus produzierten und ihre Waren in den Nachbarprovinzen verkauften. Daneben bestanden die gleibakkerijen, (glei – wird von glatt, glänzend abgeleitet) in denen überwiegend Fayencegeschirr und -zierrat hergestellt wurden. So genannte potschippers brachten die vielfältigen Produkte der Töpfereien unter die Leute in den entfernteren Absatzgebieten.

Der aktuelle Forschungsstand

Ein wichtiges Ergebnis der lange vorbereiteten Jubiläumsaktivitäten ist die Herausgabe von sieben Einzelveröffentlichungen mit einer unglaublichen Fülle neuer Erkenntnisse über die Techniken, die Absatzwege, die Namen zahlreicher Produzenten und im Falle der Fayenceprodukte, zu denen auch die Millionen von Wandfliesen zählen, die Namen der Fliesenmaler. Deren „Handschrift” war in vielen Fällen unübersehbar, aber durch akribische Archivarbeit und Auswertung von Ofenbüchern, Lohnabrechnungen und das Aufspüren einzelner Lebensläufe hat so mancher lange unbekannter Fliesenmaler einen Namen bekommen.

Die sieben Bücher der Reihe Fries Aardewerk sind in hervorragender Ausstattung, reich bebildert, in niederländischer Sprache mit jeweils englischer Zusammenfassung im Verlag Primavera Pers, Burggravenlaan, NL 72313 HM LEIDEN erschienen. Sie umfassen jeweils ca. 250 – 300 Seiten und repräsentieren den derzeitigen Forschungsstand im Bereich Fries Aardewerk.

Gerd Kühnast, IG Baupflege Nordfriesland

(Foto: G. Kühnast)

Das einfachere Gebrauchsgeschirr aus meist rot oder weiß brennendem Ton, der z.T. aus dem deutschen Jever importiert wurde, entstand in den zahlreichen Töpfereien pottenbakkerijen und wurde mit dem Malhorn ringeloor, einem Kuhhorn mit Loch in der Spitze, mit Kerbschnittmotiven etc. verziert und mit Bleiglasur überzogen.

(Foto: G. Kühnast)

Der weiß brennende Ton wurde mit einer beliebten schönen grünen Glasur versehen.

Fotos: Gerd Kühnast

Vor ca. 400 Jahren entstanden in der niederländischen Provinz Friesland die ersten Fayencemanufakturen "gleibakkerijen", in denen gebrannte Tongefäße für den täglichen Gebrauch und als Zierrat im Haus mit weißer Zinnglasur und später auch blauen Dekors bemalt wurden.
Prächtige Fayencearbeiten wie dieser mit einem pflügenden Bauern fein bemalte große Wandteller entstanden in der 2. H. des 18. Jhs. inden Manufakturen Frieslands. Der Teller wurde 1760 von dem Maler Pals Karsten gemalt, der durch seine großen Schiffstableaus bekannt wurde.
Auch ein Gebrauchsgegenstand wie das Stövchen ist rundherum mit Landschaftsbildern dekoriert. Es sind die gleichen Motive, die auch auf Wandfliesen zu finden sind. Sie wurden nach Kupferstichvorlagen mittels Durchstaubschablonen aufgetragen, dann mit Fayencefarben ausgeführt
Der springende Hase war ein beliebtes Motiv auf Fayencen und Fliesen. Die Fliese entstand um 1845 in Makkum und saß in einer Wand in einem Haus in Dithmarschen unter Landschaftsfliesen.
Auf den frühen Harlinger Fliesen findet man um die Mitte des 17. Jhs. solche sehr detailliert gezeichneten Schiffe wie das für den Ostindienhandel und den Walfang gebaute "Bootsschip".
Die Bibelfliese mit dem Gleichnis vom Splitter und dem Balken entstand in der Harlinger Manufaktur Fejtema. Sie wurde 1768 gekauft und in das im gleichen Jahr errichtete Haus des Kapitäns Paul Ingwersen in Langenhorn eingebaut.
Der Zweitletzte Band der siebenteiligen Reihe ‚Fries Aardewerk’ ist den Produkten der Harlinger Manufakturen gewidmet. Autor: Jan Pluis.