"Käsekisten" im Braunschweiger Land

Seltene volkskundliche Zeugen

Die Almen und Wiesenhänge des Oberharzes waren in den vergangenen Jahrhunderten Standorte intensiver Milchviehhaltung. Doch auch im Harzvorland bis hin zu Elm und Asse, vornehmlich in Auengelände mit „gutem Wiesenwachs“, ermöglichte Milchwirtschaft den Bauern zusätzlich zum Ackerbau das Ausfahren eines weiteren wirtschaftlichen Standbeins: aus dem Milchrahm wurde Butter erzeugt und auf den Märkten verkauft, aus der restlichen Magermilch wurden Quark und daraus Landkäse produziert.
Soweit der kurze agrarhistorische Prolog.

Das Phänomen von Gilzum, Landkreis Wolfenbüttel

Bei einem Rundgang durch das kleine Dorf Gilzum bei Schöppenstedt fällt dem aufmerksamen Beobachter ein zunächst schwer interpretierbares, durchaus kunstsinnig gestaltetes „Holzlamellen-Gebilde“ an der Nordfassade des Oberstocks eines stattlichen bäuerlichen Wohnhauses von 1843 (i) auf. Da die Bauzeit des Gehäuses – wohl 2. Hälfte/ Ende 19. Jh. – eine Transformatoren- Verkleidung ausschließt, war eine Funktion als „Außenbordkühlschrank“ oder als Käfig für luftgetrocknete Mettwürste und Schinken zu vermuten. Die Auskunft der Eigentümerfamilie lautete: “das ist ne ole Käsekiste, die aber schon lange zutapeziert ist und innen nicht mehr geöffnet werden kann“.
So weit – so gut!

Noch eine Kiste in Groß Vahlberg, Landkreis Wolfenbüttel

Wenige Monate später ergab ein scharfer Blick unter die Traufe des Fachwerkwohnhauses Assestraße 19/20, Nr. ass.19 in Groß Vahlberg, am Nordhang des Höhenzugs der Asse, einen weiteren Fund: Auch hier, hart unter der Traufe der Nordseite des 1804 erbauten Wohnhauses ragt eine kunstvoll gestaltete Kiste ca. 25 cm aus der Fassade. Statt Lamellen ermöglichen hier zahlreiche vertikale und zwei horizontale quadratische Gitterstäbe Durchlüftung sowie Vogel- und Mäuseschutz. Die seitlichen Flanken der Zargenkonstruktion weisen die mit einer Stichsäge ausgearbeiteten Initialen „A“ und „K“ bzw. ein gewundenes Blumenmotiv auf. Die Unterkanten sind insgesamt als geschweifte Eselsrücken gestaltet. Ein Blick in das Innenleben der Kiste zeigt zwei eingestellte Lattenroste zum Belegen sowie einen Lüftunglattenrost als Unterseite des vorkragenden Teils der Zarge.

Last but not least (?)

Weitere zwei Käsekisten in Geitelde, Pothof, Stadt Braunschweig und Fümmelse, Untere Dorfstraße 18, Stadt Wolfenbüttel: Mehr oder minder zufällig waren auch in der Braunschweiger Ortschaft Geitelde und der Wolfenbütteler Ortschaft Fümmelse je eine weitere Kiste des „Groß Vahlberg-Typs“ zu entdecken. In Geitelde, unter der nordseitigen Traufe versteckt, mit je vier S-förmigen Lüftungsöffnungen an den beiden Seiten und einem die Gitter aussteifenden Lattenkreuz an der Vorderfront über geschlossenem Boden.

Die Kiste des Pape’schen Mehrseithofs in Fümmelse ist allseitig vergittert und sitzt ausnahmsweise an der Ostseite eines Stallgebäudes von 1870.

Die ehemalige Funktion der Käsekisten

Die vom Verfasser als etwas abschätzig-salopp interpretierte Auskunft in Gilzum erfuhr jedoch nach zufälliger Lektüre der Broschüre „Ländliches Leben im Braunschweigischen“ von Mechthild Wiswe eine jähe Konkretisierung. In Kapitel 7., "Butter- und Käsebereitung" ist anschaulich zu erfahren, was es mit den Käsekästen auf sich hat(te):

"Von Molke getrennter trockener Quark wurde mit Salz und Kümmel abgeschmeckt und zu kleinen Laiben geformt. Diese wurden sodann zum Trocknen und Gären auf Lattenrosten in Lattenkästen, den Käsekästen, ausgelegt. Diese befanden sich mitunter außen an den Häusern, zumeist aber im Inneren". Nach 8–10 Tagen Lagerung hatten sie ihre glasig-gelbliche Haut und waren verzehrfähig. Beim Harzer Käse dauerten zusätzliche Spezialbehandlungen einige Wochen länger bis zur Genussreife.

Perspektiven

Der richtige, zufällige Blick unter die richtige Bauernhaustraufe war die Initialzündung zu diesem Kurzbericht. Interessant wäre die Kenntnis, in welchen Regionen und Dörfern sich noch vergleichbare, durchaus bedrohte Relikte bäuerlicher Käserei befinden.

Günter Jung, NLD-Stützpunkt Braunschweig 

Leserbrief hierzu von Thomas Noky, veröffentlicht im "Holznagel" 2-2010

"Käsepalast" in Gilzum: Man beachte Substruktion und oberen Abschluss mit ihrem historischen Zierat
Blick von innen in die Käsekiste in Groß Vahlberg
Käsekiste in Fümmelse
Käsekiste in Groß Vahlberg
Blick von innen in die Käsekiste in Fümmelse
Zum Abschluss noch eine abgependelte "Käse-Voliere" aus der Region Bresse (Burgund) mit "Belegschaft"