Die Feldflüchter-Taube

Alle Haustauben stammen von der Felsentaube Columba livia ab. Diese Wildtaube lebt an den Felsenküsten und in den Gebirgen von Mitteleuropa, Asien und Afrika.

Als die Menschen anfingen, Häuser aus Stein und Städte zu bauen, domestizierte sich die Felsentaube selbst und schloß sich dem Menschen an.

Die Städte bzw. die Häuser waren für diese Tauben (als Felsbrüter) ideale Brutbiotope aus zweiter Hand. Des weiteren tat sich der urbane Bereich für die Tauben als zusätzliche Futterquelle auf. Sie machten sich durch den Verzehr von Nahrungsresten nützlich und hielten durch diesen Nahrungswettbewerb auch die Vermehrung der Schadnager, wie Ratten und Mäuse, in Grenzen. Mittlerweile haben sich die Stadt-Tauben, im Gefolge der Menschen, über die gesamte Welt verbreitet.

Der Mensch sah seinerzeit auch die Vorteile dieses Zusammenlebens und es entwickelte sich eine Symbiose. Er bot auf den Gehöften den Tauben Brutmöglichkeit (bekannt sind z. B. die Taubentürme in Frankreich und über den gesamten Mittelmeerraum bis nach Arabien) und in Notzeiten (Winter mit hohen Schneelagen) etwas Futter.

Der Mensch nutzte die Tauben als Fleisch-, Eier- und Federlieferant, ebenso wurde der Taubenkot als erstklassiger Dünger eingesetzt.

Im nördlichen Verbreitungsgebiet der Felsentaube wurden auf den Höfen den Tauben „Nistkästen“ angeboten, ansonsten sich selbst überlassen. Da in den seltensten Fällen der Mensch züchterisch eingriff, unterlagen diese Tauben nur einer natürlichen Selektion durch Habicht, Sperber und Wanderfalke sowie dem Steinmarder.

Diese Tauben behielten im Phänotyp und im Genotyp - also im Aussehen und Verhalten - die Eigenschaften der Felsentaube. Diese Tauben wurden, zumal sie ihre Nahrung selbst auf den Feldern suchten, von den Rassetaubenzüchtern verächtlich "Feldflüchter" genannt.

Die verwandtschaftliche Nähe zur Felsentaube ist so eng, dass sich die Ornithologen häufig nicht sicher sind, ob es sich bei einer Taubenpopulation um Felsentauben oder um Feldflüchter handelt. So handelt es sich wahrscheinlich bei den Felsentauben der Insel Bornholm um wieder verwilderte Feldflüchter.

Bis in die 50-er Jahre des letzten Jahrhunderts waren die Feldflüchter neben den Pfauentauben und den Klätschern (eine ursprüngliche Kropftaube) eine beliebte und weit verbreitete Bauerntaube.

Mit der Modernisierung der Gehöfte verschwanden – mangels Nistgelegenheit und Interesse der Landwirte - auch die Feldflüchter-Tauben. Falls überhaupt noch Tauben gehalten wurden, waren es Brief- oder andere Rassetauben, wie Farb-, Formen- und Flugspieltauben. Durch die „Blutauffrischung“ entflogener Rassetauben, veränderten sich die dem Feldflüchter sehr ähnlichen Stadt- Tauben, zusehends zu einem bunten Rassegemisch.

Einige engagierte Züchter, die den Feldflüchter noch aus der Jugend kannten, bereisten ganz Deutschland und auch einige östliche Nachbarstaaten, um noch in den Besitz typischer Feldflüchter zu gelangen und um diese "Ur-Haustaube" zu erhalten und weiterzuzüchten.

Auch heute noch bieten die Feldflüchter ein schmackhaftes Süppchen und einen leckeren Braten. Man sollte den Slogan "erhalten durch aufessen" auch auf die Feldflüchter anwenden und auch durch diese Nutzung diese Rasse erhalten.

Dietmar Fennel, Rheinisch-Bergischer Naturschutzverein e.V.

Feldflüchter beim Picken
Feldflüchter-Haltung in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts in Thüringen (Bad Köstritz OT Gleina)