Die Bohlenstube des Veit Bach

Eine seltene Thüringer Holzstube in der Wechmarer Obermühle

"Guckt euch das einmal an, was sind denn das für komische Balken...” rief einer der ABM-Mitarbeiter als über ihm schon fast das Fachwerk zusammen stürzte. Balken von enormer Größe mit Lehm verputzt und weißem Kalkanstrich. Einer der Arbeiter meinte „Mensch, das ist aber gutes Brennholz für den nächsten Winter …”
Was war geschehen? Eigentlich wollte die Gemeinde das Mühlengebäude der Obermühle Wechmar erhalten, das Wohnhaus und die Stallanlagen standen zum Abriß. Denn in der Mühle soll der Ursprung der musikalischen Begabung der Bachfamilie liegen und eine kleine Mühle als Schauanlage steht einem alten Bauerndorf stets gut zu Gesicht. Zumal Touristen auf den Spuren zu Bach auch einige Euro ins Gemeindesäckel bringen.
Die Handwerker gingen forsch ans Werk. Der Abriß mußte schnell laufen, denn in Kürze soll mit der Straßenverbreiterung begonnen werden, um einen Unfallschwerpunkt in der Mühlenstraße zu beseitigen.
Was tun, wenn in der ehemaligen Wohnstube des Hauses so komische Balken zum Vorschein kommen, die keiner an dieser Stelle abgelegt haben konnte. Was hat es mit den Balken auf sich? Eine Rücksprache mit dem Architekten Friedemann Oschmann und dem Büro für Bauten und Kunstgutforschung Schäbitz/Fuchs/Eberhardt/Schulze in Erfurt ergab: Diese Balken an der Decke und an zwei Wänden gehören zu einer Thüringer Holzstube auch Bohlenstube genannt. Die Stube stammt aus dem Jahre 1585 und die Bestimmung ihrer Grundfassungen im Erdreich ergab eine originale Holzstube des 16. Jahrhunderts, die 1685 in ein neues Fachwerkhaus integriert wurde. Das Landesamt für Denkmalpflege schaltete sich ein und über kurz oder lang wurde aus dem Abrißhaus ein Kunstdenkmal.

Holzstuben in Thüringen
Wer an Häuser aus Holz denkt, der denkt an Süddeutschland oder an Skandinavien. Die Guttachhöfe im Schwarzwald sind zum Beispiel eine bedeutende Denkmalanlage der Holzbauweise.
Die Holzstube eines Bauernhauses kann landläufig als die gute Stube des Bauern bezeichnet werden. Stube wird allgemein definiert als der rauchfrei beheizbare Raum eines Hauses und eine Bohlenstube ist Ausdruck der Lebensweise, mitunter auch Ausdruck des Wohlstandes. Seit dem 14. Jahrhundert sind Bohlenstuben in Thüringen bekannt, die älteste Holzstube Thüringens aus dem Jahre 1435 findet sich in Jena. Es gibt also auch Holzstuben in städtischen Bürgerhäusern. Im Altenburger Land sind Holzstuben bis ins 19. Jahrhundert in Bauernhäusern errichtet worden.
Holzstuben gibt es in verschiedenen Bauweisen u.a. als Blockbohlenbauweise, als Ständerbohlenbauweise mit waagerechten oder senkrechten Ständern und in Stabbohlenbauweise. Die Ständerbohlenbauweise ist die auf den Dörfern am häufigsten auftretende Bauart. Bei dieser Bauweise bilden die Schwellhölzer ein Grundgerüst und in die vier Eckständer werden die Bohlen und das Kranzgesims eingeschoben. Bekannte Thüringer Bohlenstuben befinden sich am Schloßberg in Gotha, in Wandersleben oder im Pfarrhaus in Tröchtelborn. Sehr oft sind von den einstigen Holzstuben nur noch einzelne Teile erhalten, wie z. B. in Tröchtelborn. Mancher Hausbesitzer weiß gar nicht, daß sich unter dem Putz seines Wohnhauses noch eine Bohlenstube versteckt. Viele Bohlenstuben wurden bereits geborgen, lagern in Scheunen und warten auf ihren Wiederaufbau. Doch ist eine Holzstube erst einmal abgebaut, so kostet der Wiederaufbau mindestens das Zwanzigfache eines Neubaues und ist damit unrentabel.

Die Bohlenstube in Wechmar
Wechmar zählt zu den ältesten Thüringer Dörfern und findet schon im Jahre 786 Erwähnung als „villa wehemare” im Breviarium Lulli. Eine besondere Stellung des Dorfes ließe sich ableiten aus der geografischen Lage, direkt an einer alten Handelsstraße und aus der Größe des Besitzes des Klosters Hersfeld, welches schon 975 eine kaiserliche Villikation errichtete, in der Kaiser Otto II. Hoftag abhielt. Eine Grundlage des Reichtums der Bauern bildete die Fruchtbarkeit des Bodens und der Besitz von Wald am Hainberg sowie in der Georgenthaler Flur. Dieser Waldbesitz wiederum ist die Grundlage zur Errichtung herrschaftlicher Gebäude. Neben den 7 Rittergütern gab es sehr frühzeitig freie Höfe und Mühlen. Schon in einer Urkunde aus dem Jahre 1470 wird der Mühlgraben erwähnt, dessen Kraft die Wasserräder der Ober- und der Niedermühle bewegte. Man kann davon ausgehen, daß auf den nahen Waldflächen bei Wechmar Tannen standen und diese wurden als Baumaterial für Bohlenstuben verwendet.
1571 ist die Wechmarer Obermühle im Besitz der Brüder Hans und Wolf Kritzmann, vor Ihnen war Valten Kanngießer Eigentümer der Mühle. Die Mühle in ihrer heutigen Bauform weist mehrere Bauepochen auf, wobei die Bohlenstube von 1585 den ältesten Teil darstellt, der 1685 mit einem Haus im Fachwerkstil der Thüringer Leiter umbaut wurde.
Man kann somit davon ausgehen daß die Brüder Kritzmann die Bohlenstube bauen ließen. Untersuchungen des Landesamtes für Denkmalpflege ergaben, daß es sich bei den Balken bereits um Balken aus einem Sägewerk handelt, somit eine für Thüringen sehr frühe Sägegatterarbeit. Die Bohlen wurden aus Tannenholz gefertigt und weisen fast alle die gleiche Breite und Höhe auf. In der Decke besonders gut erkennbar ein Rauchabzug, um auch das drüber liegende Schlafzimmer heizen zu können. Heute sind noch zwei Wände und die Decke sowie die dahinter liegende schwarze Küche erhalten geblieben. Zwei Wände der Bohlenstube wurden im Jahre 1803 bei einem weiteren Umbau des Hauses verändert. Das Haus bestand 1685 im Erdgeschoß aus der Stube und der Küche sowie zwei oder drei Kammern im Obergeschoß. Das Haus war direkt mit der Mühle verbunden und in alten Urkunden der Jahre 1610-12 kann man lesen, daß der Bader Heinrich Borda sein Badehaus direkt neben der Mühle hatte. Vielleicht wurde dieses Häuschen später abgerissen und in das Mühlengrundstück integriert.

Veit Bach und die Bohlenstube
Johann Sebastian Bach schreibt über seinen Stammvater Veit Bach der am 8. Martii 1619 in Wechmar verstarb: „Er hat sein meistes Vergnügen an einem Cythringen gehabt, welches er auch mit in die Mühle genommen und unter währendem Mahlen darauf gespielet. Es muß doch hübsch zusammen geklungen haben, wiewohl er doch dabei den Tact sich hat imprimieren lernen und dieses ist gleichsam der Anfang zur Music bei seinen Nachkommen gewesen…” Johann Sebastian Bach legt damit selbst den Ursprung der Musikalität seiner Familie in eine Mühle.
Veit Bach kam zwischen 1590 und 1600 von Ungarn nach Wechmar zurück, er wurde begleitet von seinen Söhnen Hans dem Spielmann und Caspar Bach. Da alle den Beruf eines Bäckers erlernt hatten, fanden sie Arbeit im Wechmarer Oberbackhaus, dem heutigen Bach-Stammhaus. Dieses gehörte seit 1593 Nicol Eißer. Besitzer der Obermühle war ab 1600 Hans Eißer, ein Sohn oder Bruder des Oberbäckers.
Durch enge verwandtschaftliche Bindungen zwischen den Familien Eißer und Bach ist davon auszugehen, daß Veit Bach in der Wechmarer Obermühle musizierte. Valten Eißer, der spätere Obermüller läßt seinen Sohn sogar auf den Namen Veit taufen.
Damit ist die Wechmarer Obermühle die Mühle der Musikerfamilie Bach. Durch den Bachforscher James Santford Terry wurde die Hypothese aufgestellt, daß es sich bei der Wechmarer Niedermühle um die Bach-Mühle handelt, doch diese These konnte nie belegt werden.

Was tun mit einem Denkmal,
was man eigentlich nicht wollte?
Die Mühle als Denkmal und diese Mühle durch einen Verein bewirtschaftet, das war die Idee, bevor die Bohlenstube gefunden wurde. Wechmar ein Dorf reich an historischer Bausubstanz, reich an kulturellen Werten, soll sich dieses Dorf noch ein Museum leisten? Was wird nun?
Ziel ist es die alte Obermühle zu erhalten und ohne Mittel aus der Gemeindekasse zu sanieren. Daß die Wechmarer dies können, haben sie seit 1998 mit der Restaurierung des Rokokosaales im Landhaus Studnitz bewiesen. Der Wechmarer Heimatverein e.V. und der Förderverein BACH Wechmar e.V. haben sich die Erhaltung auf die Fahnen geschrieben und werden federführend privates Kapital für das Bauwerk anwerben sowie Spenden einsammeln.
Im Jahre 2000 begannen die ersten Maßnahmen, die immer wieder von Neugierigen und Bachforschern aus aller Welt begleitet werden. Der Freistaat Thüringen hat die Restaurierung der Keimzelle der Musikerfamilie Bach in das Förderprogramm „Kultur in den jungen Ländern” aufgenommen und damit die Sanierung und Erhaltung veranlaßt. Jetzt sind fleißige Handwerker und Dutzende freiwillige Helfer am Werk um die Bohlenstube aus dem Jahre 1585 und das alte Fachwerkhaus aus späterer Zeit der Nachwelt zu erhalten. Es ist noch ein langer Weg, doch zum Internationalen Mühlentag 2002 und zum „Tag des offenen Denkmals” können Besucher erstmals hinter die Fassaden schauen und ein Auge auf die vielfältigen Schwierigkeiten bei der liebevollen Restaurierung eines alten Bauwerkes werfen.
Wir laden sehr herzlich ein. Wer Lust hat, kann mit dem Kauf von „Mühlsteinen” zum Preis von 15,85 Euro unsere Restaurierungsarbeiten unterstützen. Und wer ganz tapfer ist, der kann sich mit uns einen „Bohlenstuben-Splitter” einreißen, und mit 1,58 Euro zeigen, daß auch ein kleiner Splitter eine große Hilfe sein kann.
Wir sehen uns!

Knut Kreuch