Firstständerbauten im Dreiländereck Niedersachsen - Thüringen - Hessen

Die Herbsttagung der IgB in Heiligenstadt, dem Mittelpunkt des ehemals mainzischen Eichsfeldes, gab Anlaß und Gelegenheit, von unseren Bemühungen um die Erforschung der hiesigen Hauslandschaft zu berichten. Dabei ist nicht die Entdeckung, sondern die Nachweisung von bisher drei Firstständerbauten so weit nördlich spektakulär. Bisher war ihr Vorkommen nur für Südwestdeutschland nachgewiesen. (Großmann, G. Ulrich: Der Fachwerkbau, 1986,111f.)

Die Gründe für die späte Entdeckung liegen auf der Hand: Die nächstgelegenen wissenschaftlich geleiteten Freilichtmuseen, von denen heute in erster Linie Hausforschung ausgeht, sind weit entfernt bzw. anderen Hauslandschaften zugeordnet. Der noch umfangreiche Bestand von historischen Fachwerkhäusern in unserer Region läßt ihre Erforschung offensichtlich nicht vordringlich erscheinen. Die - vor der Identifizierung des Firständerhauses in Reiffenhausen, Bachstraße 17 im Jahre 1986 - im niedersächsischen Teil unserer Region schon erfolgte Erfassung der Baudenkmale für die Denkmaltopographie war oberflächlich, so daß das auch äußerlich gut zu erkennende Gerüst unerkannt blieb.

Unsere Region wird dem Gebiet des mitteldeutschen Hauses zugerechnet. Die Fachwerkhäuser auf dem Lande sind traufseitig aufgeschlossen, zweigeschossig, stockwerksweise abgezimmert und haben die Abfolge Stuben- Küchen- und  (wenn vorhanden) Stallzone. Während in den Städten (z.B. Göttingen) Ständerbauten des 14. und 15. Jahrhunderts (allerdings ohne Firstständergerüst) nicht selten sind, beschränkt sich der ländliche Bestand fast ganz auf das 17. bis 19. Jahrhundert. Ständerbauten bzw. Fachwerkhäuser aus dem 16. Jahrhundert sind auf dem Land fast nicht erhalten. Zu dieser letzten Gruppe gehört das Firstständerhaus in Reiffenhausen, das in zwei Bauabschnitten 1571 und 1614 (nach Jahrringuntersuchung) errichtet wurde. Schon diese Zeitspanne deutet darauf hin, daß es sich bei diesem Bau nicht um einen „Exoten“ in unserem Hausgebiet handelt.

Wie die Abbildungen zeigen, ist dieses Gebäude für sein Alter trotz einiger Störungen überraschend gut erhalten. Kern des Gerüstes sind die fünf mächtigen, von der Grundschwelle bis unter die Firstpfette reichenden Firstständer. Die Queraussteifung erfolgte über Fußstreben, die Längsaussteifung durch Kopfstreben. Die Kopfstreben des zweiten Firstständers sind unverschiebbar durch Schwalbenschwanzverblattungen mit diesem verbunden. Auch an den Giebeln des ersten Bauabschnittes von 1571 kommt diese Art der Verblattung noch vor, in dem zweiten Bauabschnitt von 1614 dagegen nicht mehr. Über die Firstpfette sind paarweise Rofen gelegt, die auf den Rähmen über den Traufständern, die als Fußpfetten dienen, aufliegen und keine Verbindung mit den Deckenbalken des Obergeschosses haben. Diese können deshalb in der ersten (Stuben-) Zone in Reiffenhausen in Längsrichtung liegen. Von den ursprünglichen Rofen waren nur noch einige vorhanden. Sie waren rauchgeschwärzt wie die Firstständer, die Kopfstreben, die Firstpfette und die Innenseiten der Giebeldreiecke des ersten Bauabschnitts. Es handelt sich hier also eindeutig um ein Rauchhaus, das in der Erbauungszeit höchstwahrscheinlich strohgedeckt war. Darauf weist die schwache Dimensionierung der Rofen, die zudem ohne Mittelunterstützung sind, hin.
Das hier beschriebene Firstständergerüst wirkt archaisch und hat Ähnlichkeit mit dem von Archäologen ergrabenen frühgeschichtlichen Pfostenhäusern. Großmann (1986,112) warnt aber sicher zu recht davor, hier eine Verbindung herstellen zu wollen.

Einen weiteren interessanten Einblick bietet unser Haus in Reiffenhausen mit seiner über zwei Geschosse reichenden Halle in die Wohn- und Wirtschaftsverhältnisse des 16. Jahrhunderts in der Region. Dort, wo wir in den Stockwerksbauten (z.B. Obernfeld bei Duderstadt, Hauptstraße 20, erbaut 1662) in der zweiten Zone die durchgehende Flurküche (weiter südlich auch als „Ern“ bezeichnet) im Erdgeschoß und darüber im Obergeschoß einen ebenfalls durchgehenden Flur vorfinden, haben wir hier, auch von der Grundfläche her die dominierende Halle, deren Deckenbalken mittig von einem mächtigen Unterzug getragen werden. Unser Haus hätte wohl nicht überlebt, wenn es nicht möglich gewesen wäre, die Halle in zwei Geschosse aufzuteilen. Erst mit der Anpassung  an „moderne“ Verhältnisse wurde ein Kamin notwendig, um den Rauch des weiter offenen Herdfeuers durch das Obergeschoß in den Dachraum zu leiten. Bis dahin war auch der dann unterbaute und zwecks Kopffreiheit durchtrennte Unterzug mit seinen Kopfbändern schon vom Herdrauch geschwärzt worden.
Die Herdstelle selbst war nicht mehr zu lokalisieren. Auch wenn wir genaueres nicht wissen, so muß doch die Funktion dieser Halle weit über die einer Flurküche hinausgegangen sein. Auch eine Tierhaltung in diesem Bereich ist nicht ausgeschlossen.

Die mögliche Fragestellung, ob mit der Erweiterung von 1614 eine Entwicklung zum Streckhof vollzogen worden ist, ist nicht zu beantworten, aber auch nicht erheblich. Schließlich wissen wir nicht, ob sich um 1600 noch weitere Gebäude auf dem Grundstück Bachstraße 17 befanden. Immerhin war das im Dorf zentral nahe der Kirche liegende Grundstück schon früher besiedelt. Bei einer Begehung des Gartenlandes wurde graue Irdenware des 12. Jahrhunderts gefunden. Außerdem war in der hier betrachteten Region der Vierseithof als Leitvorstellung für die anzustrebende Hofform schon früh ausgeprägt. Streck- Haken- und Dreiseithof können deshalb wohl hier nicht als eigenständige Hofformen, sondern als Vor- bzw. Entwicklungsstufen zum Vierseithof hin verstanden werden - selbst wenn geringe Landausstattung und Zuschnitt des Hofgrundstücks die Verwirklichung eines Vierseithofes von vornherein ausschlossen. Wie bei der Exkursion am 26.9. zu besichtigen war, muß dieser Drang zur Vollendung des Vierseithofes im Eichsfeld über lange Zeit besonders stark gewesen sein. Denn nur beim Vierseithof konnte man durch die heute dort noch üblichen vollflächigen Hoftore mit häufig aufwendiger Rahmenkonstruktion den Einblick in den Hofinnenraum völlig verwehren.

Erst nach der Grenzöffnung 1989 wurden nicht nur aus westlicher Sicht die grenznahen Dörfer in Thüringen frei zugänglich. Im direkt an der Werra gelegenen Wahlhausen konnte 1991 dann ein weiteres Firstständerhaus identifiziert werden. Obwohl bei diesem Haus die Firstständer über der Decke des Obergeschosses abgesägt worden sind und wohl schon im 19. Jahrhundert ein „modernes“ Sparrendach aufgesetzt worden ist, ist dieser schon längere Zeit nicht mehr bewohnte Ständerbau ein erstaunlich gut „lesbares“ Zeugnis für eine vermutlich mehr als 400jährige Hausgeschichte. Neben dem Firstständergerüst weist auch dieses Haus die ehemals zweigeschossige Halle mit mittigem Unterzug auf. Gemeinsam mit Reiffenhausen ist auch die Nachbarschaft zur Kirche. Mit diesem Hof waren, als sogenannter Meierei, hoheitliche Funktionen zwischen Grundherrschaft und untertänigen Bauern verbunden. Auch dieser Firstständerbau wird neben den herrschaftlichen Gutsgebäuden in seiner Erbauungszeit ein im Dorf herausragendes Gebäude gewesen sein.

Ein Aufmaß dieses Gebäudes mit dazugehöriger dendrochronologischer Untersuchung soll erfolgen. Wichtiger aber wäre noch, daß die bisher vorbildliche quasi museale Erhaltung des Gebäudes durch die Eigentümer trotz erheblicher Schwierigkeiten in der Zeit der DDR für die Zukunft gesichert und öffentlich unterstützt wird. Jeder Versuch einer neuen Nutzung würde mit dem erheblichen Verlust von Originalsubstanz bezahlt.
1996 konnte durch ein historisches Foto ein weiteres, allerdings schon 1923 abgebrochenes Firstständerhaus in dem Reiffenhausen benachbarten niedersächsischen Dorf Groß Schneen, dort dem Thie benachbart, eindeutig identifiziert werden.

Damit steht fest, Firstständerbauten in dieser Region sind keine „Exoten“. Sie waren möglicherweise im ausgehenden Mittelalter weit verbreitet. Unabhängig von dem Firstständergerüst war die zweigeschossige Halle offensichtlich eine Vorgängerin der eingeschossigen Flurküche. Hoffentlich ist es noch nicht zu spät, diese Erkenntnisse bzw. mögliche Parallelentwicklungen durch weitere Befunde zu erweitern bzw. abzusichern.

Herwig Schröder