Interview mit Heinz Riepshoff anlässlich seiner Häuserexkursion nach Siebenbürgen

IgB-Mitglied Heinz Riepshoff (H.R.) war im Frühjahr 2011 drei Wochen lang in Siebenbürgen, Rumänien, unterwegs. Er hat dort die Sozialstrukturen und Hausformen studiert, zahlreiche dendrochronologische Bohrungen gemacht und vor allem vielfältige Eindrücke aus einer Welt mitgebracht, die bei uns schon vor hundert Jahren untergegangen ist. Im Herbst wird er im Holznagel einen umfangreichen Fachartikel in Sachen Hausforschung veröffentlichen. In diesem Interview erzählt er der IgB-Öffentlichkeitsreferentin Michaela Töpfer (M.T.) von seinen Eindrücken und Erlebnissen.

M.T.: Was hat dich zu dieser Hausforschungsreise motiviert?

H.R.: Ich habe im letzten Jahr auf der IgB-Frühjahrstagung den Vortrag von Jan Hülsemann über Siebenbürgen und seine Sachsenhäuser gehört. Er berichtete über ein europäisches Projekt "Mihai-Eminescu-Trust (MET)" und es wurde klar, dass Siebenbürgen recht ursprünglich und in den Dörfern quasi die Zeit stehen geblieben ist. Ein Hausforscher ist auch immer Volkskundler. Wenn der hört, dass irgendwo die Zeit stehen geblieben ist, läuten sämtliche  Alarmglocken in dem Sinne, da musst du hin und siehst etwas, was du anderswo nicht mehr zu sehen bekommst.

Jan Hülsemann hatte in diesem Jahr drei Wochen beruflich in Siebenbürgen zu tun und bot mir an, mitzufahren und dort Hausforschung zu betreiben. Er hatte auch schon einige Leute vor Ort angesprochen, dass Hausforscher kämen. So sind wir Ostermontag in einem Rutschdie 1.900 Kilometer durchgefahren. Vorbereitet habe ich mich kaum. Vorbereiten heißt auch immer, Vorurteile schaffen, weil man das, was man selber erleben will, aus zweiter oder dritter Hand erfährt. Das ist immer ein Filter. Ich habe mich darauf verlassen, dass Jan Hülsemann mich in den richtigen Dörfern absetzt, und bin einfach losgefahren.

M.T.: Wo warst du untergebracht?

H.R.:  Ganz unterschiedlich, in fünf verschiedenen Betten, da ich ja verschiedene Dörfer und Gegenden aufgesucht habe. Jan Hülsemann wohnte in Schässburg, einer der drei großen Städte in Siebenbürgen. Dort war ich eine Weile untergebracht. Die Welt zwischen den größeren Städten und den abgehängten Dörfern ist fast so groß wie zwischen Deutschland und Siebenbürgen. Die Städte sind und waren schon immer ziemlich zivilisiert, das Gefälle zu den Dörfern ist viel größer als bei uns.

Anschließend war ich längere Zeit in Birthälm. Dort gibt es eine unter Weltkulturerbe stehende Kirchenburg und ein Pfarrhaus. Dieses Pfarrhaus war früher Bischofsitz und somit relativ feudal ausgestattet. Kirchenburg und Pfarrhaus sind renovierungsbedürftig und Jan Hülsemann hilft dem Pfarrer, Gelder einzutreiben. Dafür brauchte er unter anderem ein Aufmaß des Pfarrhauses, welches ich während meines Aufenthaltes erstellt habe. Im Gegenzug war ich in einer zum Pfarrhaus gehörenden Ferienwohnung untergebracht. Eine ganz gut deutsch sprechende Rumänin, die für die Kirchenburg zuständig ist, hat mich sehr gut versorgt. Sie spricht übrigens deswegen so gut Deutsch, weil ihre beiden Töchter zur deutschen Schule gingen und sie sich ebenfalls ums Deutschlernen bemüht hat. So kann sie heute auch deutsche Gruppen durch die Kirchenburg führen. Der Pfarrer ist ein Sachse, spricht also akzentfreies Deutsch und Rumänisch, wie alle eingeborenen Sachsen. Generell kann man sich in Rumänien gut auf Englisch verständigen.

M.T.: Was hat es mit den Sachsen in Rumänien auf sich?

H.R.: Die Sachsen sind ab dem 12. Jahrhundert aus verschiedenen deutschen Gegenden in mehreren Einwanderungswellen nach Siebenbürgen eingewandert.  Damals gehörte dem König von Ungarn das Land. Er rief viele europäische Menschen, die keine Abgaben bezahlen mussten, und bevölkerte so sein Land. Es kamen viele Menschen aus dem Rheingebiet, weswegen viele Siebenbürger als Weinbauern gearbeitet haben. Das sieht man den Häusern auch an. In den Schmuckformen tauchen immer Weintrauben auf, und alle haben typische Weinkeller. Weil auch sehr viele Ungarn in Rumänien wohnen, sind alle Straßenschilder dreisprachig: rumänisch, deutsch, ungarisch.

Generell heißen diejenigen Deutschen, die schon immer (seit 1200) dort leben, Sachsen. Wer wie ich zu Besuch kommt, ist ein Besuchssache, und dann gibt es noch die Sommersachsen, die nur im Sommer dort leben. Alle dort lebenden Sachsen sprechen bis heute deutsch und rumänisch akzentfrei. Das ist ein Phänomen, denn in der Regel verliert sich die ursprüngliche Muttersprache bei Auswanderern nach der dritten Generation. Die Sachsen haben die deutsche Sprache bis heute über 800 Jahre lang im Alltagsgebrauch! Im Grunde hat sich die Kultur der Siebenbürger Sachsen bis zur Auswanderung in den 1990erJahren relativ wenig verändert. Sie ist sehr konservativ bis stockkonservativ und basiert auf sehr strengen Sozialgliederungen, die bis vor kurzem unverändert blieben.

Ich muss bei meinen Erklärungen vorweg schicken, dass rund 95 % der Siebenbürger Sachsen nach Ende des Sozialismus in den 1990er Jahren ihre Heimat verließen. Sie hatten im Sozialismus nichts zu lachen und folgten Genschers und Kohls Angebot, nach 800 Jahren zurück nach Deutschland zu kommen.

Bis zum Ende des Sozialismus waren sie eine relativ große Bevölkerungsschicht. Die Siebenbürger Sachsen haben ihre Lebens- und Sozialformen mit einer sehr spezifischen Sozialstruktur gepflegt. In fast allen Dörfern gab es sogenannte Nachbarschaftszirkel. Sie bestanden aus jeweils 50 Haushalten. In größeren Dörfern gab es bis zu vier, fünf Nachbarschaften. Jede Nachbarschaft hatte einen Nachbarschaftsvater als Oberhaupt. Sie gaben sich Verhaltensstatuten, die regelten, wie die Gesellschaft funktioniert und welche Vergehen bestraft werden. Diese Nachbarschaften waren sozialer Halt und boten große Vorteile. Wer beispielsweise seine Scheune wieder neu aufbauen wollte, meldete das beim Nachbarschaftsvater an. Dann wurde aus jedem Haushalt eine Person abgestellt und die Scheune wurde gemeinsam aufgebaut. Dieses System hat bis ins 20. Jahrhundert funktioniert, wodurch sich die Sozialstrukturen über die Jahrhunderte relativ wenig veränderten.

Ein Beispiel belegt die überaus strenge Ordnung der Nachbarschaften. Siebenbürgen wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrmals von Mongolenstürmen heimgesucht. Zunächst reagierten die Dorfbewohner mit dem Bau von Burgen, um sich zu schützen. Als die Mongolen kamen, erreichten sie jedoch nicht schnell genug ihre Burgen. Dann wurden die Kirchen zu Kirchenburgen umgebaut, in denen die Bevölkerung notfalls wochenlang überleben konnte. Es gab sogar Schulen in diesen Kirchenburgen, um die Kinder zu unterrichten. Die Sachsen hatten durchgängig in sämtlichen Dörfern Schulen und haben somit vermutlich das erste Schulsystem Rumäniens aufgebaut.

Die Kirchenburgen erhielten Wehrgänge, mehrere Mauerringe und Specktürme. In diesen Türmen wurde der Speck und Schinken der Nachbarschaft aufgehängt. Jede Familie hatte ein eigenes Zeichen und nur sonntags konnten die Familien unter Aufsicht des Nachbarschaftsvaters eine Stunde lang etwas vom Schinken abschneiden. Wer den Termin verpasste, musste bis zur nächsten Woche warten. Dieses System funktionierte bis zum Beginn der Regentschaft von Ceausescus Sozialismus in den 1970er Jahren. Ich habe noch nie gelesen, dass eine solche strenge Ordnung von einer Bevölkerung so lange aufrechterhalten wurde. Das ist schon sensationell. Später berichte ich noch von den sächsischen Scheunen, deren Baustil seit 800Jahren unverändert ist! Auch das hat mit dieser strengen Sozialform zu tun.

Die Phase von 1970 bis 1990 führte dazu, dass die Siebenbürger Sachsen unglaublich drangsaliert wurden. Dem Kommunismus war diese Parallelgesellschaft mit deutscher Ordnung suspekt. Solche sozialen Gebilde mit 50 Familien und einem Oberhaupt  gingen an der kommunistischen Idee völlig vorbei. Ich habe mehrere alte Sachsen getroffen, die mir berichteten, dass die allerschlimmste Zeit für die Sachsen die Zeit unter Ceausescu war. Sie mussten aus ihren Häusern ausziehen und in ihren Ställen wohnen, wurden vollkommen entrechtet. In ihre Höfe wurden Rumänen gesetzt. Nach Ende des Sozialismus hatten die meisten die Nase so voll, dass sie, wie oben beschrieben, nach Deutschland zurückauswanderten. Einige kommen als Besucher zurück, rümpfen aber die Nase über die schlechten Verhältnisse in Rumänien und wollen dort nicht mehr leben. Die 3 bis 6 %, die noch in Rumänien geblieben sind, sind natürlich nicht mehr in der Lage, das alte System  zu erhalten.

Die Kirchenburgen bestehen bis heute, einige sind Weltkulturerbe, in deren Unterhalt schon viel europäisches Geld geflossen ist.

M.T.: Wie sind die Dörfer heute organisiert?

H.R.:  In den Dörfern wie Weißkirch gibt es eine Unmenge von Nebenerwerbslandwirtschaften. Die meisten Menschen sind alte Leute mit einer Minirente von 150 Euro, oder der Mann ist in der Fabrik tätig. Sie leben auf ihren kleinen schmalen Hofstellen und betreiben Selbstversorgerlandwirtschaften. Man hat das eigene Gemüse, 2 - 3 Kühe, ein Pferd, Federvieh, schlachtet jedes Jahr ein Schwein, gelegentlich ein Rind. Das betreiben dort fast alle notwendigerweise, um über die Runden zu kommen. Es ist archaisch. Das Heu wird mit dem Pferdewagen in die Scheune gefahren. Auf den Feldern wird mit dem Pferd gepflügt, gesät, das Getreide geschnitten, Heu gemacht. Gleichzeitig fährt ein mit einem riesigen Heuberg beladener Pferdewagen durch das Dorf, und oben drauf telefoniert einer mit seinem Handy.

Rumänien hat mehrere Millionen mehr Handys als Bevölkerung. Jeder hat 2 oder 3 Handys. Es gibt Gebiete, in denen nur bestimmte Telefongesellschaften ein Netz anbieten. Das wissen alle und haben entsprechend mehrere Handys. Daneben gelten die ganzen neuen elektronischen Medien dort als Statussymbol und die Rumänen fahren ziemlich darauf ab, ist mein Eindruck.

M.T.: Welche Rolle spielen die Tiere in den Dörfern?

H.R.: Die Kühe und Pferde werden morgens aus dem Hoftor herausgelassen und vom Dorfhirten eingesammelt. Er geht durchs Dorf und holt die Tiere ab, abends bringt er sie wieder. Dort gibt es nirgendwo abgezäunte Weiden, keinen Weidezaun, keine Weidepfähle. Das macht das Urige dieser Landschaft aus. Du bist im Dorf, schaust auf die Hügel und siehst nur große freie Flächen, wie in England. Der Dorfhirte geht jeden Tag mit 120, 130 Kühen und Pferden los. Da laufen ein paar Hunde mit, ein paar Jugendliche, die meist ohne Sattel auf dem Pferd sitzen, reiten mit und helfen ihm. Ihre Augen strahlen während der Arbeit.

Die Tiere kommen abends wieder, die Türen der Höfe werden aufgemacht und jedes Tier geht von alleine zu seinem Hof. Dann geht die Tür wieder zu, die Kühe werden gemolken. Die Pferde haben fast alle Fohlen. Selbst wenn sie mit dem Pferdewagen durchs Dorf fahren, läuft das Fohlen nebenher und wird gleich auf natürliche Weise für seine zukünftige Rolle vorbereitet. Das ist sehr beeindruckend. Im Dorf laufen die Enten mit ihren Küken herum, und es gibt ganz viele Puter im Dorf. Alle Tiere im Dorf laufen frei herum. Das ist das absolute Gegenteil von Massentierhaltung. Wenn du auf die Hänge der Dörfer schaust, siehst du immer irgendwo große Schafherden.

Der Dorfhirte wird von allen, die Vieh haben, regelmäßig bezahlt. Nicht besonders üppig, aber er kann davon leben. Es gibt dort gar keine Weiden, die so groß sind, dass dort zwei oder drei Kühe und ein Pferd weiden könnten, deshalb die Wanderwirtschaft.

Diese Form der Tierhaltung hat sich dort vom Mittelalter bis heute mehr oder weniger gehalten. Als einer meiner Hausforscherkollegen, ein Archäologe, das hörte, wurde er schon ganz nervös und wäre am liebsten gleich hingefahren. So eine Weideform wird heute zwar in der Volkskunde beschrieben, aber zu sehen bekommst du sie fast nirgendwo mehr!

M.T.: Wie bist du von den Menschen in Siebenbürgen aufgenommen worden?

H.R.: Ich wurde durchweg sehr freundlich aufgenommen. In Birthälm hat sich ja der Pfarrer um mich gekümmert, für den ich das Aufmaß gemacht habe. Auch in Deutsch-Weißkirch gab es einen netten Kontakt zu einem deutschen Ehepaar, das mittlerweile größtenteils in Siebenbürgen lebt. Sie sind nach der Wende regelmäßig dorthin gefahren und haben vor zehn Jahren einen Bauernhof gekauft. Es gibt sehr große Leerstände in Siebenbürgen und du kannst für „einen Appel und ein Ei“ günstig Höfe kaufen. Das Ehepaar hat sich gut integriert, spricht mittlerweile rumänisch. Sie haben Pferde. Die Frau hat ein Sozialprojekt gegründet. Arme Frauen aus Weißkirch stricken Socken und filzen Hausschuhe, die Frau vermarktet das, indem sie Pakete mit den Waren in Eine-Welt-Läden in Deutschland schickt.

M.T.: Auf welche Hausformen bist du gestoßen?

H.R.: Durch die unterschiedlichen Volksgruppen, Rumänen, Sachsen, Ungarn, liegt es schon auf der Hand, dass hier unterschiedliche Hausformen zu finden sind. Es gibt den historischen Blockbau, den wir in Süddeutschland und in ganz Süd-Ost-Europa haben, wo, vereinfacht gesagt, waagerechte Hölzer übereinander gestapelt ein Haus ergeben. Daneben ist der Ständerbohlenbau sehr verbreitet, auch in Kombination mit dem Fachwerkbau,  Hausformen, die vor allem in waldreichen Gebirgsgegenden auftauchen. Was nun wo seinen Ursprung hat, ist schwer zu sagen. Allerdings sind die sächsischen Winzer sehr schnell auf Massivbauten aus Bruchsteinen umgewechselt, weil es ihnen vor allem bezüglich der Weinkeller sehr entgegenkam. Im 18. Jahrhundert fand ein großer Umschwung statt, der den Blockbau im Wohnhausbau ziemlich zurückgedrängt hat.

Anders sieht es in den Dörfern bei den landwirtschaftlichen Nebengebäuden aus.  Man hatte nur sehr kleine beheizbare Winterhäuser. Für den Sommer waren dahinter Sommerküchen, angebaut. Sie wurden benutzt, wenn es wärmer wurde. Fast jedes Haus hat noch einen eigenständigen Backofen, doch nur wenige backen noch selbst. Sie kaufen ihr Brot im Supermarkt. Wir hatten in Deutschland diese Tendenz um 1900 und ganz massiv nach dem 2. Weltkrieg. Kurz nach dem 2. Weltkrieg funktionierten die Backöfen bei uns noch, in den 50er Jahren dann nicht mehr.

Als Nebengebäude schließen sich die Schweine-, Kuh- und Pferdeställe an, da sind noch viele Blockbauten zu sehen, und in vielen Dörfern die sogenannten sächsischen Scheunen.

M.T.: Die sächsischen Scheunen sind eine Sensation, sagst du. Warum?

H.R.: Die sächsischen Scheunen sind eindeutig nicht rumänisch, nicht ungarisch, sondern von den Sachsen aus Deutschland als Bauform mit eingebracht worden. Sie bestehen meist aus 8 Ständern, die auf Findlingen stehen, und sind mit angeblatteten Kopfbändern gehalten. Ich habe Literatur über Siebenbürgen gewälzt und diese Scheunen sind bisher noch nie richtig beschrieben worden. Sie stellen eine Übergangsform vom Pfosten- zum Ständerbau dar. Der Pfostenbau war bis zum Ende des Mittelalters üblich. Archäologen finden bis heute Löcher in der Erde, mit denen man die Größe eines Gebäudes bestimmen kann. Was oben drüber war, weiß man nicht so genau, weil es nicht mehr da ist.

Die nächste Entwicklungsstufe war, die Ständer oberirdisch jeweils auf einen Findling zu stellen. Und genau diese Übergangsform finden wir in Siebenbürgen bis ins 20. Jahrhundert. Ich glaubte erst, diese Scheunen hätten vom Mittelalter überlebt.  Aber sie wurden in der gleichen Form bis in die 1960er Jahre gebaut und betrieben: Kopfbänder angeblattet, als Durchfahrtsscheunen, ein Tor vorne, ein Tor hinten, und links und rechts zwei Bansenräume. Das ist eine Sensation!

Nun gibt es dort kaum eine Scheune, die ich untersucht habe, die nicht schon mal umgesetzt wurde. Wenn eine Scheune zusammenfiel, wurde eben aus dem Baumaterial von 2, 3 Scheunen eine neue gebaut, sodass man kleine Veränderungen anhand der Blattformen zwar erkennen kann, aber die eigentliche Grundstruktur vom Mittelalter bis in unsere Zeit beibehalten hat. Diese Scheunen zeichne ich gerade und werde ihre Geschichte schreiben. Die Entwicklung dieser Bauwerke ist nur zu verstehen, wenn man die Sozialstruktur mit den Nachbarschaften versteht. Vor diesem Hintergrund hat sich nie eine Erneuerung durchgesetzt. Wie bei den Hutterern oder Aimisch in Amerika, wo heute noch Scheunen mit 50 Mann aufgebaut werden, wurden sie bis in die 1960er Jahre gleich gebaut. Es stehen hunderte von diesen Scheunen in den Dörfern. Das ist eine Bauform, die unvermischt ist. Einige Scheunen werden noch genutzt, doch aufgrund der Nebenerwerbslandwirtschaft brauchen die Leute gar nicht mehr so große Scheunen. Sie laufen Gefahr, nach und nach zu verschwinden.

M.T.: Was hast du noch gefunden?

H.R.: Jede Menge Fundstücke:  alte Korntruhen, überhaupt Truhen. Die Truhen sind sogenannte Stollentruhen, die über Jahrhunderte gleich gebaut wurden. Du kannst eine Truhe von 1880 nicht von einer von 1680 unterscheiden. Sie wurden von den Zimmerleuten gebaut. Das war bei uns auch so. Erst als sich die Truhen zu Sargdeckeltruhen oder Barocktruhen veränderten, wurden sie von Tischlern hergestellt. Weil sich aber die Truhenform in Siebenbürgen nicht emanzipiert hat, kann man sehen, dass sie immer von Zimmerleuten gemacht wurden. Natürlich stehen auch alte Ackerwagen und anderes altes Ackergerät in den verlassenen Häusern und Scheunen und gammeln vor sich hin.

M.T.: Wer tut etwas, um diese Kultur zu erhalten?

H.R.: Der MET kümmert sich um verschiedene Projekte in Siebenbürgen. Sie versuchen vor allem, die Ansichten der Vorderhäuser  bezuschusst zu renovieren, um die Häuser, die kurz vorm Zusammenbrechen sind, zu erhalten. Jedes Haus, das von dieser Organisation renoviert wurde, bekommt ein Emailschild MET mit Jahrgang. Dadurch ist sehr schön zu sehen, wo sie bereits tätig waren. Der MET fördert auch die Strickkooperative in Weißkirch oder die Ausbildung von Handwerkern in alten Techniken. So wurde z.B. ein Roma weitergebildet. Sie sind von Haus aus gute Schmiede und dieser Mann ist nun absolut gefragt, weil er nach alten Vorbildern Schilde und Beschläge für Türe und Tore erstellt.

Jan Hülsemann arbeitet freiberuflich für diese Organisation. Zurzeit schreibt er an einem Buch über die Baukultur Siebenbürgens und wie man damit umgeht, ähnlich dem IgB-Buch von Julius Kraft "Was wie machen".

M.T.: Was können wir hier tun, um diese alte Kultur zu erhalten?

H.R.: Man kann gar nichts tun, um diese Dinge zu erhalten. Das ist das Unheil, dass sich diese Gesellschaft zur Industriegesellschaft verändert. Die EU wird möglicherweise mit allem möglichen Unsinn gnadenlos zuschlagen und damit Strukturen vernichten. Wenn das Reinheitsgebot in Sachen Milch oder Eierwirtschaft auf die Nebenerwerbslandwirte in Siebenbürgen zukommt, können sie einpacken. Doch das nimmt seinen Lauf. Aufhalten kannst du das nicht. Du kannst zurzeit nur hinfahren und dich an Dorfbildern erfreuen, die es bei uns vor 100 Jahren gab. Wir können darüber berichten und es dokumentieren. Wenn du Glück hast, kannst du es verlangsamen und dafür sorgen, dass es humaner von statten geht. Doch dadurch, dass Rumänien durch seine EU-Mitgliedschaft jetzt in die neue Welt gestoßen ist, wird es sich zwangsläufig verändern.

M.T.: Was waren deine schönsten Eindrücke in Siebenbürgen?

H.R.: Die Siebenbürgener Dörfer sind recht geschlossen gebaut: Wohnhaus, Torhaus oder Toreingang, Wohnhaus. Es gibt lange, schmale Grundstücke. Wenn du in einem Dorf sehen willst, wie die Höfe innen aussehen, musst du von hinten auf den Berg gehen, um hinein zu sehen. Oder du kommst zufällig in einen Hof hinein. Und genau das ist mir passiert. Ich war in Arkeden, lief durchs Dorf und wie von Zauberhand ging plötzlich ein Tor auf und ein alter Weinbauer lud mich spontan in seinen Weinkeller zur Weinprobe ein. Wir konnten uns eigentlich gar nicht verständigen, aber wir haben uns mit Händen und Füßen trotzdem wunderbar verstanden. Es hat mich beeindruckt, dass er einfach die Tür aufmachte und mich hereinholte. Das fand ich toll.

Auch der zweite schöne Eindruck ist mit Arkeden verknüpft. Ich war mit dem Zug von Schäßburg nach Arkeden gefahren. Das Dorf liegt wie alle Dörfer im Tal, rundherum Hügel und Berge. Am Nachmittag, eine Stunde bevor der Zug abfuhr, habe ich mich auf einen Hügel gesetzt und von oben wie bei einer Modelleisenbahn auf das Dorf geschaut. Es war mucksmäuschenstill, kein Ton zu hören. Ich hörte nur archaische Geräusche, sonst nichts. Du hörtest nur das Geklapper der Pferdewagen, die durchs Dorf fuhren. Auf der anderen Hügelseite sah ich zwei Schafherden, jedes Schaf hatte eine Glocke, man hörte das Bimmeln der Schafherde von einer Hügelseite zur nächsten. Vogelgezwitscher, im Dorf schnatterten die Gänse. Ich war kurz davor, Hedda, meine Frau anzurufen, das Handy in die Landschaft zu halten und zu sagen, hör dir das mal an! Keine Zivilisationsgeräusche, sondern nur Geräusche von Tieren und den Menschen, die da unten arbeiteten. Das hörst du bei uns in Deutschland nirgends mehr. Das sind so Eindrücke, die gehen unter die Haut.

Wenn ich hier in meiner Region als IgB-Hausforscher durch die Gegend fahre, kenne ich natürlich jedes Dorf, kenne die Häuser. In meiner Vorstellungswelt im Kopf bastele ich mir das Leben vor 100, 200 Jahren zusammen. Nur so kannst du die Geschichte eines Hauses erzählen. Du musst ja durch das Haus wandern und dir vorstellen, wie es vor 100 Jahren funktioniert hat. Dauernd wird deine Fantasie und Vorstellungskraft gefordert. In Siebenbürgen brauchst du dir gar nichts vorstellen. Du setzt dich auf dem Berg, schaust hinunter und siehst es. Das ist faszinierend. Ich bin fast ungern da weggefahren.

Und da wir wie auf der Hinfahrt auch zurück durchgefahren sind, hast du den Effekt, morgens in der heilen Welt loszufahren und abends in der verrückten Welt anzukommen. Hier bei mir in Verden ist es ja schön, dennoch ist es eine völlig andere Welt.  Ich war vorgewarnt worden, dass der größte Kulturschock nicht derjenige ist, wenn man dort ankommt, sondern wenn man von dort wieder nach Hause kommt.

M.T.: Was hat dich am meisten bedrückt?

H.R.: Die Situation der Roma ist sehr bedrückend. Sie sind die einzige Bevölkerungsschicht in Rumänien, die rasant wächst, aber weder an der Gesellschaft beteiligt ist noch sich beteiligt. Viele leben in großer Armut in sogenannten „Zigeunersiedlungen“, deren Gebäude  von der Größe her an unsere Schrebergartenhütten erinnern. Darin leben sie mit zehn und mehr Personen. Die Kinder betteln und sind sehr arm. Einige der Romafamilien ziehen in die alten leerstehenden Sachsenhäuser, verheizen alles, was verheizbar ist, und ziehen dann in das nächste Haus. Nur wenige leben direkt in den Dörfern und betreiben eine kleine Landwirtschaft. Mit der ungelösten Situation der Roma rollt ein riesiges Problem auf Rumänien zu, welches unsere Integrationsdebatte mit der türkischen Bevölkerung in den Schatten stellt.

M.T.: Wirst du weiter in Siebenbürgen forschen?

H.R.: Natürlich! Nächstes Jahr fahren wir mit unserer sechsköpfigen Hausforschergruppe dort hin und werden umfassend forschen. Doch vorher überlege ich auf Anraten meiner Frau Hedda, auf die Grünen im Europaparlament zuzugehen, um auf die Unverträglichkeit der EU-Richtlinien zu der Lebenslage der Nebenerwerbslandwirtschaften in Siebenbürgen hinzuweisen. Vielleicht ist noch etwas zu retten!
Heinz Riepshoff hat während seiner Siebenbürgenreise einen Internetblog geschrieben. Wer noch mehr wissen will, hier der link: www.hausforscher.de

Alle nachfolgenden Fotos:

Heinz Riepshoff

Blick auf die Oberstadt von Schässburg, heute sehenswertes Weltkulturerbe.
Altstadt von Hermannstadt, Europas Kulturhauptstadt 2007.
Eine der mächtigsten Kirchenburgen ist die von Birthälm mit drei erhaltenen Verteidigungsringen.
Wie viele Ortschaften in Siebenbürgen wird auch Birthälm von Häusern früherer Weinbauern geprägt.
Bei diesen Häusern ist die Weintraube beherrschendes Detail in der Ornamentik.
Farbenfrohe Häuserzeile in Deutsch Weisskirch
Dörfliche Idylle mit Enten im Dorfgraben und Pferdewagen in Deutsch Weisskirch
Die Spuren verraten die Benutzbarkeit der Furt in Cobor
Abendstimmung in Martinsdorf
Haus - Tor - Haus - Tor, nach dem Schema funktionieren fast alle Dörfer. Trotzdem gibt es keine zwei gleichen Häuser.
Traktoren auf den Feldern sind die Ausnahme, Bearbeitung mit dem Pferd eher die Regel.
In abgelegenen Dörfern, wie hier in Radeln, laufen die Fohlen ohne Anbindung neben ihrer Mutter mit.
Die Herde mit Kühen, Pferden und Hirten erreicht den Dorfrand von Deutsch Weisskirch.
Scheunenreihe in Arkeden, hier aber fast ausschließlich mit Natursteinwänden.
Fachwerkscheune in Radeln, mit zwei Blockbauställen für Schweine und Kühe.
Bis in das 20. Jh. hinein wurden die Hölzer überwiegend mit dem Beil bearbeitet.
Der Drehmechanismus von Scheunentoren kommt fast ohne Eisen aus.
Die vielen Maisspeicher in den Dörfern sind wie die Scheunen mit geblatteten Verbindungen zusammengehalten.
Victor Ghilea in Deutsch Weisskirch besitzt nicht nur die alten Werkzeuge, er hat auch noch damit gearbeitet.
In dieser Scheune hat eine gut 3,5 m lange Kornkiste von 1813 i bis heute überlebt.
Der Hofbesitzer ging nach Deutschland und ließ neben Pferdeschlitten und Ackergerät auch seinen alten Pferdewagen in der Scheue zurück.
Ich habe noch nie so viele historische, häufig gut erhaltene Fenster gesehen wie in Siebenbürger Häusern.
Rumänisches Ehepaar in Arkeden, mit dem auch ohne Sprache eine Verständigung funktionierte.
Blick auf die Dorfstraße von Arkeden mit zwei Schafherden am Hang.
Bei aller Idylle in den Dörfern dürfen die Verluste und der Zerfall nicht übersehen werden.
In kleinen Häuschen, nicht viel größer als unsere Gartenlauben, wohnen die Roma.
Ein "Muss" ist der Besuch des Freilichtmuseums "ASTRA" in Hermannstadt.
In rumänischen Dörfern wird das Heu wie vor 100 Jahren auf Diemen gelagert.
Heinz Riepshoff beim Dendrobohren im Dachwerk der Kirche von Birthälm.