Technik schreibt immer die Geschichte mit

Einige BIld- und Textsplitter vom Kochen, vom Heizen und vom Leben in der Lommatzscher Pflege

Manfred Hammer

Die Lommatzscher Pflege liegt etwa in der Mitte von Sachsen und zählt seit eh und je zu den reichsten Landwirtschaftsgebieten Deutschlands. Reich war die Lommatzscher Pflege ebenfalls an kulturellen Traditionen und gesellschaftlichem Leben. Nur etwa fünfzehn Jahre nach dem 2. Weltkrieg brauchte es, um das alles nahezu auszulöschen.

Reste des natürlich auch technischen Höchststandes der Bauernwirtschaften, jeweils immer im Kontext einer Zeitepoche betrachtet, fand ich in den 1980er Jahren noch hier und dort. Ich hatte etliche Arbeit, wenigsten einen geringen Teil davon fotografisch festzuhalten. Einige Bilder passen gut zum Thema des Heftes und ich stelle sie hier vor.

Foto: M. Hammer

Zentral gelegene alte Kochstelle im erweiterten Flur des Obergeschosses eines Fachwerkhauses (um 1800). Aus Brandschutzgründen wurde der Rauchabzug durch Sandsteinkonsolen und Ziegelmauerwerk massiv hergestellt. Dieses Gebäude war eines der beiden den Hofzugang flankierenden Flügelbauen des ehemaligen großen Vierseithofs Weitzschenhain Nr. 7. In diesem Flügelbau befanden sich im Erdund im Obergeschoss Arbeiterwohnungen.

Foto: M. Hammer

In derselben Etage des Flügelbaus befand sich dieser Kamin, dessen Wärme, nach meiner Erinnerung, wohl für mehrere Räume genutzt wurde. Für Arbeiterwohnungen war das zur damaligen Zeit ein technisch aber auch ästhetisch hoher Stand.

Foto: M. Hammer

Die beiden Flügelbauten des Hofes Weitzschenhain Nr. 7; das rechte Gebäude war das Arbeiterhaus.

Foto: M. Hammer

Interieur einer Küche in M. bei Leuben. Die Einrichtung entspricht etwa der Zeit um 1940. Knapp 50 Jahre wurde alles intensiv, aber gleichzeitig aufs sorgsamste, genutzt. Lediglich die geschliffenen Terrazzoplatten des Fußbodens dürften eine Zutat aus den 1970er Jahren sein. Die Leitungen über der Tür gehören zu einer Schwerkraft-Heizung für ein oder zwei Räume, die üblicherweise jeweils mit der zentralen Kochmaschine verbunden war.

Links in der Raumecke ein eingemauerter beheizbarer Wasserkessel. Tägliche heißes Wasser war im dörflichen Haushalt seit jeher außerordentlich wichtig. Genutzt wurde es zur Futterbereitung (Schweine, Federvieh), als Geschirr- und
Wischwasser und zum Putzen und Reinigen. Schon bei „großer Wäsche“ war heißes Wasser stets knapp, es musste viel Holz nachgelegt und bedacht hantiert werden. Beim Schweineschlachten spielte der Wasserkessel eine ganz besondere Rolle. Nahezu ununterbrochen wurde heißes Wasser benötigt, erstens zur Reinigung des geschlachteten Tieres und zum Abbrühen der Borsten, zweitens zur Herstellung der Wurstbrühe, zum Brühen von Wüsten und schließlich für die fast unendlich vielen Reinigungsarbeiten.

Meist wurde das Schwein auf dem Hof oder in einem geeigneten Raumteil geschlachtet, nach dem Zerlegen fanden die vielfältigen weiteren Prozesse in der - möglichst sehr geräumigen - Küche statt, so wie hier sicherlich auch. Bis zur Wende 1989 war das Hausschlachten in einem großen Teil dörflicher Haushalte üblich.

Foto: M. Klammer

Details der Kochmaschine, die von einer Lommatzscher Firma hergestellt wurde.

Mit etwa 50 Jahren Funktionstüchtigkeit hatte diese Anlage eine technische Nutzungsdauer, von der wir nur träumen. Die heute hergestellten Heizungsanlagen erreichen längst nicht einmal die Hälfte ununterbrochenen und verlässlichen Betriebs. Viele neue und in der unteren Preishälfte angebotenen Anlagen sind bereits nach 15 Jahren technisch und moralisch total verschlissen. Wir sprechen von den sich ständig verringernden „Halbwertszeiten“ technischer Einrichtungen.

Der erste, der früh in einem Dorfhaushalt aufstand, war für das „Feuermachen“ zuständig. Weil die Arbeiten äußerst vielfältig waren und ständige Umsicht und größte Beweglichkeit des Einzelnen verlangten, lief ohne gute und eingespielte Vorbereitung nahezu nichts. Heizmaterial wurde am Vorabend bereit gestellt, sodass früh fast im Vorbeigehen das Feuer entzündet werden konnte. Alle Kräfte und alle Konzentration waren naturgemäß auf die Tierversorgung ausgerichtet.

Nach ein bis zwei Stunden war meist ein Raum durch die Schwerkraftheizung temperiert, in gut eingespielten Wirtschaften stand hier duftender Kaffee auf dem Tisch und ein gutes Frühstück. Ohne ein jeweils angepasstes und über lange Zeiträume entwickeltes Ordnungssystem war das Funktionieren einer Bauernwirtschaft undenkbar. Auch die einst freien Bauern standen untereinander in einem gewissen Wettbewerb. Unerwartete „Positionsverschiebungen“, Mobbing und jähe Abbrüche, wie es heute im Arbeitsleben üblich geworden ist, gab es längst nicht in der gegenwärtigen Häufigkeit. Jeder auf einem Bauernhof hatte seinen Platz und seine Aufgaben.

Nichts ist davon heute mehr übrig geblieben.

Kaum mehr ist alles nachzuvollziehen.

Ein Foto taucht auf, so wie dieses. Von einem geringen Teil einer großen Ordnung berichtet es dem, der zu lesen versteht.

Die Botschaft ist wertvoll, weil sie einfach ist:

Ordnung - das klügste Energiesystem!

Foto: M. Klammer

Obwohl es vordergründig kaum etwas mit herkömmlichen Energien – vielleicht aber mit ganz anderen, aber auch sehr wichtigen Energien - zu tun hat, liebe Leserin und lieber Leser, möchte ich dieses beeindruckende symbolhafte Bilddokument, als Fortsetzung der vorherigen, einfach hier mit einstellen. Zur Erklärung, und vielleicht auch zur Erinnerung, muss ich etwas ausholen.

Wie anderswo auch suchten in der Lommatzscher Pflege zum Ende des 2. Weltkrieges unzählige Flüchtlingsfamilien eine vorübergehende Bleibe; nach dem Krieg ergossen sich regelrechte Menschenströme von Vertriebenen in das Gebiet. Auf der anderen Seite verließen nicht wenige der über-100-ha-Bauern 1945 durch Enteignung das Gebiet, ein großer Teil folgte bis 1953 durch DDR-stalinistische Repressalien. Nahezu alle Höfe wurden spätestens 1961, dem Jahr der zwangsweisen Vergenossenschaftlichung, aufgegeben.

Erst zum Ende der 1960er Jahre kamen die großen und mit viel Leid  verbundenen Bevölkerungsumschichtungen langsam zur Ruhe. Ehemalige Flüchtlinge und Vertriebene, meist Mütter mit Kindern, die bisher unter primitivsten Bedingungen gelebt haben, kamen plötzlich zu Hofeigentum, wenn der letzte Eigentümer ging oder verstarb. Konsequent sparsame und konsequent ordentliche Lebensweise war für viele dieser gebrandmarkten Menschen überhaupt das eigentliche Rückrat ihrer Existenz geworden. Aber wiederum auch nicht wenige andere Menschen entwickelten asoziale Tendenzen, ohne dass ein Vorwurf daraus zu formulieren wäre. Die zerbrochenen Familienstrukturen waren einfach nicht zu kitten. Und die Bodenhaftung an den neuen aufgezwungenen Lebensraum gelang einfach nicht.

Die Person auf dem Bild, sagen wir Herr K., gehörte zu der Generation, die mit Mutter und Geschwistern in der Lommatzscher Pflege angestrandet sind und Jahrzehnte lang auf bescheidendste Weise zu leben gezwungen waren. Die Mutter von Herrn K. war mittlerweile verstorben und die Geschwister noch vor dem Mauerbau in den Westen gegangen. Ein Nachziehen war durch die Grenze nicht möglich. Nach dem nun auch die Besitzerin des Hofes verstorben war, ihr Mann und ihre Söhne waren im Krieg geblieben, lebte Herr K. auf dem mittelgroßen Hof nun allein. Sorgsam – in Strenge anerzogen - ging er mit der gesamten Haustechnik um, die, einige kleine Wartungen sicherlich ausgenommen, nach mindestens 45 Jahren immer noch einwandfrei funktionierte.

Der Eimer Kohlen stand schon für den nächsten Tag bereit. Die immer wieder ausgewaschenen Plaste-Milchtüten auf der Leine dienten dem Einpacken von Schnitten und vielleicht ein oder zwei Äpfeln, wenn es zur Arbeit ging. Der verlässlich stabile Blechtopf mit Malzkaffe oder Tee stand immer am selben Platz in der Ofenröhre. So nahm er immer noch einen Hauch Wärme mit, die von Ofen abstrahlte. War der Topf ausgetrunken oder halbleer, wurde er stets nachgefüllt, damit zum Trinken wenigstens eine einigermaßen mildwarme Temperatur erreicht war...