Land in Sicht? Die Energiewende als soziologische Herausforderung im ländlichen Raum.

Die Energiewende brach über unser Land hinein wie der Tsunami in Fukushima. Sie ist von hoher soziologischer Sprengkraft, da die Entwicklungen von Energieerzeugung, Speicherung, Leitung und Preisbildung in einer freien Gesellschaft und Wirtschaft nicht fixierbar sind. Fixierbar ist allenfalls der zukünftige Ort des Geschehens: Mit der Auflösung einer punktuellen Energieversorgung durch Kraftwerke zugunsten der flächenhaften Energieerzeugung wird der ländliche Raum quasi über Nacht zum Kraftwerk der Nation und Hauptbetroffener der energetischen Neuausrichtung eines ganzen Landes.

Der ländliche Raum fristete über die letzten Jahrzehnte ein Schattendasein im Vergleich zur urbanen Lebenswelt. Die Stadt mit Ihrem ungeheuren Wandel von der Industrie- zur Freizeitmetropole erfüllte nach dem kriegsbedingten Wiederaufbau die emotionalen Sehnsüchte aber auch materiellen Bedürfnisse einer Konsumgesellschaft, die sich ganz dem Fortschritt und – mit zunehmendem Wohlstand – auch der individuellen Selbstverwirklichung verschrieben hatte. Zunächst Wohnstatt Vertriebener, dann Landflucht und eine im Ostteil unseres Landes durchgreifende Mechanisierung, Zwangs kollektivierung und Flurbereinigung veränderten unsere Dörfer zum Teil dauerhaft. Nach der politischen Wende haben durch den Wegzug vieler junger Menschen aus Ostdeutschland, hernach hüben wie drüben vor allem die demographischen Veränderungen zur Entvölkerung ganzer Landstriche geführt. Sachsen ist aufgrund seiner vergleichsweise hohen Bevölkerungsdichte und des hohen Gewerbeanteils im ländlichen Raum noch „gefühlsmäßig“ wenig davon berührt. 

Aber es gibt auch gegenläufige Trends: Im Westen nahm z.B. mit dem Erscheinen der Zeitschrift „Landlust“, dem erfolgreichsten Zeitungsprojekt der letzten Jahre, eine Bewegung Ihren Lauf, die dem Städter als Individuum in seiner räumlichen wie zeitlichen Enge das Landleben als eine neue, wahre Lebenswelt, fernab globaler Ströme suggeriert. Sie fällt zusammen mit dem Zeitgeist einer „Entschleunigung“ und hält nunmehr seit knapp zwei  Jahrzehnten an. Im Osten wurde der ländliche Raum vor allem über Förderprojekte umgekrempelt, die vorrangig auf die Modernisierung und den Ausbau der Infrastruktur zielten und weniger auf individuelle Erneuerung und schöngeistige Wahrnehmung. Das alles gesteuert von der Deutungs- und Entscheidungshoheit festgefügter Verwaltungsstrukturen. Beides, eine Zeitung als Sinnbild neuer individueller Freiräume und der Staat als Verwalter kollektiver Grundsicherung, scheint zunächst dem Leben auf dem Land wieder mehr Geist einzuhauchen. Vor allem hat es besonders in Sachsen zu einer beispiellosen Sanierung und Modernisierung geführt, die manchmal über das Ziel hinausschoss. Probleme wie Mobilität, Versorgungssicherheit und Bildung scheinen lösbar. Das Land ist in vieler Hinsicht lebenswerter geworden, doch bahnen sich mit der Energiewende nun neue Herausforderungen an.

Über der Sinnfälligkeit erneuerbarer Energien besteht in der gesamten Bevölkerung mittlerweile Konsens. Bezüglich einer gerechten Lastenverteilung in der Erzeugung hingegen nicht. Die gegenwärtig stark ideologiegeführte Debatte fördert dazu wilden Aktionismus. Das war nicht immer so, wie die Entwicklung des urbanen Raumes in der jüngsten Vergangenheit zeigt: Da ist ein beispielhafter Aufbau vieler ostdeutscher Städte, bei dem aus den Fehlern der alten Bundesländer gelernt wurde. Hier wirkte ein erstmalig vom Denkmalschutz getragenes Programm der städtebaulichen Erneuerung, das Bauherrn wie Verwaltung Grenzen setzte. Auch private Initiativen wie die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, die sich sehr um Werterhalt unserer Kulturlandschaft verdient gemacht haben, trugen hierzu bei. Sie sind beispielgebend für eine Raumentwicklung vor dem Hintergrund einer profunden wissenschaftlichen Basis und überlegten Handlungsweise. In der Energiewende, so scheint es, findet sich keine solche Basis. Expertokraten schießen wie Pilze aus dem Boden, vorauseilender Gehorsam und der Kampf um Wählerstimmen beherrschen die Szene. 

Das macht es leider nicht leicht, das Land stetig und im Sinne aller Bewohner nachhaltig zu entwickeln. Zumal der Bauplatz Energie nicht die einzige Herausforderung für den ländlichen Raum ist: Mit der Bewirtschaftung der Agrarflächen im Zeitalter der Massentierhaltung, Bodenversiegelung und Bodenvergiftung wachsen neue Handlungsfelder heran, die von gleicher Bedeutung wie die Energiewende sind. Doch werfen wir zunächst einen Blick auf die Fakten. Die Notwendigkeit einer Neuausrichtung der Energieerzeugung und -versorgung ist unstrittig. Für den Strommarkt kommt das jüngst erschienene Sondergutachten des Sachverständigenrates „Wege zur 100% erneuerbaren Stromversorgung“ zu dem Schluss, dass „die nutzbaren Potenziale an erneuerbaren Energien in Deutschland und Europa bei entsprechendem Ausbau von Speichern und Netzen es erlauben, zu jeder Stunde des Jahres die maximal anzunehmende Nachfrage nach Strom zu bedienen. Eine detaillierte Analyse des Potenzials der regenerativen Energiequellen zur Stromerzeugung in Deutschland, Europa und Nordafrika zeigt, dass eine ausschließlich auf regenerativen Energiequellen basierende Stromversorgung bis 2050 unter Beachtung strenger Anforderungen des Naturschutzes und bei Vermeidung von anderen Nutzungskonflikten möglich ist. Aus nationaler Perspektive ist die Kooperation Deutschlands mit den Nordseeanrainerstaaten von strategischem energiepolitischem Interesse, um die Anbindung und Erschließung der erheblichen und vergleichsweise kostengünstigen Pumpspeicherpotenziale Skandinaviens voranzutreiben. Der Windenergiegürtel im Nordseeraum von Schottland bis Dänemark spielt für die Weiterentwicklung der erneuerbaren Energien in der EU eine wesentliche strategische Rolle. Um diese zu nutzen, sind eine koordinierte Netzplanung im Nordseeraum sowie die Integration der skandinavischen Pumpspeicherpotenziale in die Planung notwendig“.

Das Gutachten ist von Wissenschaftlern verfasst und auch im Hinblick der Ausgewogenheit persönlicher Präverenzen nahezu frei von ideologischen oder persönlichen Duftmarken. Die Komplexität ist auch derart groß, dass kaum ein „Expertokrat“ über der Weisheit letzten Schluss verfügt. Was besagt das Gutachten nun in unserem Kontext? Interessant ist, dass das Gutachten zur Umsetzung der Energiewende eine konzertierte und gebündelte Aktion zur Erschließung großer und räumlich begrenzter Energie- und Speicherreserven empfiehlt. Indirekt nimmt es damit den ländlichen Raum als Schutzgut wahr. Das Gutachten, dass unter anderem bei der Stromeinspeisevergütung eine differenzierte und gezieltere Förderung anmahnt, bei der Fotovoltaik nicht erforderliche Kapazitäten vermeiden will und bei der Biogasnutzung die prioritäre Nutzung von Reststoffen fordert, steht damit im Widerspruch zu vielen kleinteiligen Maßnahmen, die nunmehr vor allem die Lokalpolitik und Interessenverbände betreiben. Dies zieht sich über „Energiekommunen“ und sogenannte „Energieautarke Dörfer“ über „Energiekonzepte für Landkreise“ bis hinauf zum jüngst veröffentlichten Entwurf des Energie- und Klimaprogamms des Freistaates Sachsen hin. Von der Ministerialebene bis hinunter zu den Bürgerkraftwerken Einzelner wird Energiepolitik gemacht, als wenn es den Bund gar nicht gäbe. Die Folgen sind sichtbar: Durch Windkraftanlagen entstellte Kulturräume, Dachlandschaften, die Dörfern das Aussehen von Raumstationen verleihen und Monokulturen mit gravierenden Einschnitten in die Landschaftsökologie, Biodiversität und zweifelhafter CO2-Bilanz. Hinzu kommen Planungsunsicherheiten bei Netzausbau sowie Grundlasterzeugung durch konventionelle Energieträger, deren Brückenfunktion außer Frage stehen, aber ebenso ökonomischen Zwängen unterliegen. Symptomatisch für unsere Zeit ist, dass nicht wenige private Anlagen vor allem der subventionsgesicherten Rendite ihre Existenz verdanken. Wieder einmal regiert der Mammon das Land, nun unter dem Deckmantel der Energiewende. Besonders beim Wind steht Sachsen aufgrund seines hohen Windpotenzials auch im Blickpunkt von großen – auch internationalen – Kapitalanlagegesellschaften. Bei diesen Projekten bleibt die Rendite am allerwenigsten im Dorf. Dies ist umso schmerzlicher, weil der Osten schon jetzt weit mehr Anlagen pro Einwohner betreibt als zum Beispiel die süddeutschen Länder, aber den Strom gar nicht verbraucht. DIE ZEIT schreibt in ihrer Ausgabe vom 24.11.2011, dass vor allem die geschlossenen Windkraft-Fonds die hohen Erwartungen nicht erfüllen konnten, weshalb der Zirkus schon weiter fährt und sich nunmehr auf die Solardächer stürzt. Auf der Strecke bleiben letztendlich auch geprellte Anleger und eine zerfledderte Energielandschaft.

Dieser Beitrag wendet sich nicht pauschal gegen die Energieausbeutung des ländlichen Raums, will aber den Blick für eine überlegte und im Einklang mit anderen Lebenswerten stehende Energieerzeugung schärfen. Die im oben genannten Gutachten gegebenen Empfehlungen stehen für eine kollektive Fürsorgepflicht des Bundes, aus dessen Verantwortung man ihn auch nicht entlassen sollte. Die Offshore-Stromerzeugung greift am wenigsten in die Ökologie und Lebenswelt auch des Menschen ein. Der Autor geht davon aus, dass der Mensch ebenso unter die im Gutachten hervorgehobene Begrifflichkeit des Naturschutzes fällt.

Für unseren ländlichen Raum zeigt die Fotovoltaik gegenüber der Windenergie noch zu geringe Wirkungsgrade und hat sich bislang im Hinblick auf ihre Umweltverträglichkeit nur schlecht in Bestandsgebäude integriert. Dabei gibt es vielversprechende Ansätze bei der Materialentwicklung (Fensterflächen, Dachsteine etc.), die durchaus Kompromisse schließen ließen. Treibt mich aber allein der Renditegedanke, so werde ich auf das billigere chinesische Fabrikat setzen. Interessante Neuerungen bleiben damit auf lange Sicht erst einmal außen vor. Auf der anderen Seite zeigen die aktuellen Zahlen auch im Bereich des nicht minder wichtigen Wärmemarktes, dass die Sanierung des Bestandsbaus die eigentliche Herausforderung ist und bleiben wird. Erfreulicherweise steht hier auch Energieerzeugern und -verteilern, wie dem Grund-/Kachelofen mit fortgeschrittener Haustechnik eine Renaissance bevor. Heute werden hiermit bereits ganze Zentralheizungen geplant. Die Nutzung CO2-neutraler Wärmeerzeugung mit – am besten auch noch eigenem – Holz, hat zum Beispiel Holzscheitkessel besonders auf dem Land immer beliebter gemacht. Auch für die Nutzung von Erdwärme haben die Hersteller mittlerweile überzeugende Wärmeverteilersysteme im Angebot, die der Komplexität eines Fachwerkbauernhauses in der energetischen Sanierung gerecht werden, und nicht dessen Totalsanierung bis hin zur Unkenntlichkeit bedürfen. Erdwärmepumpen sieht und hört man nicht.

Sorgenkind bleibt aber der Strommarkt. Dabei tritt er kostenseitig im Budget eines Privathaushalts eher hinter die Ausgaben für Wärme. Auch hier bieten sich mittlerweile interessante Lösungen an: Erste Miniblockheizkraftwerke (BHKW) auf Basis von Erdgas und nunmehr auch Bioölen sind bereits auf dem Markt.

 Wenn wir der Versuchung nach dem schnellen Geld widerstehen, Leben mit Lebensqualität verbinden, unsere Ressourcen schonen und die Schätze unserer Kulturlandschaft erhalten wollen, muß die Energiewende umsichtig gestaltet werden. Sie darf nicht zum Vorteil einiger weniger vollzogen werden. Einschnitte sollten begrenzt und auf das notwendige Maß reduziert werden. Die neuen Energiereservoire sind bereits identifiziert, und fleißige Ingenieure arbeiten bereits an deren Erschließung und Verteilung hin zu mehr Nachhaltigkeit und Energiesicherung. Lassen wir uns also nicht treiben, sondern treiben selbst die Entwicklungen mit voran. Es ist Land in Sicht!

Dr. Wolfgang Reimer

Dieses und das nachfolgende Foto: „Raumstation mit Fachwerk” an exponierter Stelle in Niederbobritzsch bei Freiberg.
Konkurrenzsituation Ackerfläche-Energiefläche? Wer von „Energiewirt” spricht, muß auch sagen können, woher dann einmal unsere Lebensmittel kommen werden.
Die gegebene Situation ist eine heizseitig vollwertige Alternative und auch Übergangslösung für eine Zentralheizung. Auch hernach lassen sich mit dem Kachelofen Kältespitzen gut abfangen.