Energielandschaft von gestern

Energielandschaft - in Morbach im Hunsrück gibt es sie schon: ein Freizeit- und Informationsangebot zwischen Windrädern und Fotovoltaikfeldern. Eine Menge Fotos im Internet zeigt eine parkähnliche Landschaftsgestaltung.

Auch die Lausitz versucht mit dem Label Energieland Freizeittouristen anzulocken. Und mancherorts ist man geneigt zu fragen: Was bleibt ihr anderes übrig? Der Energiehunger des 19., vor allem aber des 20. Jahrhunderts hat tiefe Wunden in die Kulturlandschaft gerissen. Immer größere Fördertechnik durchwühlte immer größere Flächen im Tagebau. Der billige Strom war (und ist) jederzeit wichtiger als das Feld, das Dorf, die Kirche. Über die Dokumentation der Bauernhäuser in Heuersdorf vor dem Abbaggern berichteten wir in den Heften 2 und 3 2007. Die spektakuläre Umsetzung der Heuersdorfer Kirche nach Borna kann ein Beitrag zur Erinnerung sein, ein Ersatz für die verlorene Geschichte ist sie nicht.

Wenn die Bagger vorüber sind, sind die Konzerne heute zur Rekultivierung verpflichtet. Die ländliche Kultur ist damit weniger gemeint. Schon der Aufwand, auf den völlig ebenen Flächen wieder Forstwirtschaft betreiben zu können, ist immens. Der Sand der Lausitz wurde in der Eiszeit von der Last der Gletscher verfestigt und damit tragfähig. So wie er aus der Backerschaufel fällt, gleicht er jedoch Treibsand. Schmerzlich wahrgenommen wurde das, als im Juli 2009 in der Gemeinde Nachterstedt eine Siedlung teilweise in einen Tagebausee rutschte. 120 m lang war die Sandfläche, die auch ein Einfamilienhaus mit drei Bewohnern in die Tiefe riss. Niemand hatte sich die Gefahr bewusst gemacht, als in den 1930er Jahren die Wohnsiedlung auf der Bergbauhalde errichtet worden war. 

Milliarden werden derzeit ausgegeben, um ähnlichen Ereignissen in Zukunft vorzubeugen. Riesige Rüttelgeräte und Sprengungen in der Tiefe sorgen für die Verdichtung wenigstens eines Teils des Sandes, der dann den andern halten, aber auch Straßen und Forstwege tragen soll. Die Problematik wird verstärkt durch das ansteigende Grundwasser. Jahrzehntelang wurde der Grundwasserspiegel mittels Pumpen drastisch abgesenkt. Die Menschen hatten schon vergessen, was für eine feuchte Landschaft die Lausitz einst gewesen ist. Jetzt führt das steigende Wasser immer wieder zu neuen Rutschungen. Massen von Sand werden bewegt, um den Boden ein, zwei Meter, und damit über den Grundwasserspiegel, anzuheben. Substrate werden eingebracht, damit Pflanzen wachsen können. Das Ergebnis hat mit der zum Park gestalteten Energielandschaft in Morbach nichts gemein.

Oder doch. Besteigt man eines der Zeugnisse energieproduzierenden Größenwahns, die Förderbrücke F60 in Luckenwalde, so sieht man sie auch, die neuen Engergielandschaften. Endlos aneinandergreihte Photovoltaikanlagen können die Langeweile der Bergbaulandschaft nicht übertreffen. Wenn sie nicht allso schematisch aufgestellt wären, könnten die Windräder sogar belebend wirken in den endlosen Kieferwäldern. Was für Landschaften wollen wir hinterlassen?

Olav Helbig

Die Abraumbrücke F60 ist heute für Touristen zugänglich. Von hier sieht man
die Windräder in einer sonst eintönigen Landschaft.
Bodenbewegungen im früheren Tagebau.