Mit dem Schinken nach der Wurst?

Die Bundesrepublik Deutschland ist ein Land mit sehr hoher Regelungsdichte. Das gilt für viele Bereiche des täglichen Lebens. In manchen Fällen führt diese Dichte dazu, dass das Ziel, das mit einer Regelung erreicht werden soll, aus dem Focus gerät und der Weg das Ziel wird. Die Energieeinsparung ist ein solcher Fall. Sie wird inzwischen so detailliert geregelt und genormt, dass für weiterführende, tiefgreifende oder alternative Ansätze und Maßnahmen kaum Raum bleibt.

Unsere Dämmstoffindustrie feiert ihr Konjunkturhoch. Der mündige Bürger nimmt, was auf den ersten Blick billig ist. Keiner fragt danach: Wie viel Energie wird für die Herstellung des Dämmmaterials gebraucht? Was verschlingen Transport und Verarbeitung an Energie? Wie lange garantiert das verwendete Material den versprochenen Dämmwert? Wie viel Energie benötigt man für die Demontage und Entsorgung einschließlich aller damit verbundenen Arbeiten? Wie viel Heizenergie wird wirklich im Verwendungszeitraum der Dämmung eingespart? Letztendlich stellt sich die Grundfrage: Ist das Ergebnis der ganzen Prozedur wirklich eine Energieeinsparung?

Wir scheinen in der Unrast und dem permanenten Druck, sofort Erfolge vorweisen zu müssen, völlig aus dem Auge verloren zu haben, das es Vorgänge gibt, die so langsam ablaufen, dass es auch Zeit braucht diese wahrzunehmen und zu analysieren. Da unsere Gesellschaft glaubt diese Zeit aber nicht zu haben, kann man nur auf die Erfahrungen bereits abgerechneter, abgeschriebener Zeit zurückgreifen. Der Blick in die Geschichte – ein Recyclingmodell – ein Aufarbeiten von bereits vorhandenen, ungenutzten Wissensressourcen. Aber diese Ressource scheint uninteressant zu sein, vielleicht weil sie nicht bilanzierbar ist.

Im vergangenen Jahr wurde am Fachbereich Bauingenieurwesen / Architektur der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden (FH) durch den Hochschullehrer Prof. Dr.- Ing. Walter-Reinhold Uhlig eine Diplomarbeit mit dem Thema: Beitrag zur energetischen Bewertung bäuerlicher Gebäude - Untersuchung am Beispiel eines Bauernhauses mit Bohlenstube in Röhrsdorf (Kreis Meißen) vergeben.

Der Diplomand, Herr Andreas Naumann, inzwischen Diplomingenieur (FH), betrachtete dazu intensiv das durch Familie Gursinski seit 1999 wiederhergestellte und zur Wohnung ausgebaute Wohnstallhaus mit Umgebinde in Röhrsdorf Kirchberg 1. Das Haus wurde 1666, 18 Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, erbaut und verfügt über die, bis weit in das Zeitalter der Industrialisierung typische Raumgliederung bäuerlicher Wohngebäude. Es wird von einem Mittelflur, an dessen hinterm Ende sich die Schwarzküche befindet, erschlossen. Links davon liegt der Wohnraum, eine Stube in Blockbauweise mit separater Decke, rechts vom Flur der Stall. Diese Gliederung weist auch das Obergeschoss auf, links vom Flur zwei Räume (Oberstube und Kammer) und rechts Kammern zum Schlafen und für Lagerzwecke. Heute wird das Haus insgesamt als Wohnhaus genutzt. Die Veränderung der Raumstrukturen war bis auf die Unterteilung des Stallraumes, geringfügig. Der signifikante Unterschied liegt im Volumen der zu beheizenden Räume. Während um 1666 nur die Stube durch einen von der Küche aus zu beschickenden Kachelofen beheizt wurde und die restlichen Räume durch die Abwärme vom Küchenherdfeuer oder der Tiere temperiert wurden, besteht in unserem heute verbreiteten Verständnis Anspruch auf gleichmäßige Beheizung aller bewohnten Räume ohne Nutzungsdifferenzierung. 

Andreas Naumann nahm eine Energetische Bewertung des Objektes vor, prüfte die Energetische Verbesserung durch Anwendung verbesserter Tür- und Fensterelemente und durch Wärmedämmaßnahmen an der Außenhaut. Er kommt im Kapitel „Gesamtbewertung von möglichen energetischen Verbesserungen hinsichtlich ihrer Effizienz einschließlich der möglichen Inanspruchnahme von Förderung für die Maßnahmen“ zu einem interessanten Schluss: „ Die Beispielrechnungen zeigen, dass sich der wesentlich höhere Kostenaufwand der neuen Fenster und Türelemente zum Erreichen der Förderungsanforderungen nur bedingt lohnt. Die zu erreichende Energieersparnis steht hier in keinem Verhältnis zur investierten Summe, auch wenn die geförderte Finanzierung bei der Beispielrechnung sehr gut abschneidet. Neben den finanziellen Gründen gibt es noch einen bauphysikalischen Grund, warum sich der Einbau der Fenster- und Türelemente in Verbindung mit der zusätzlichen Dämmschicht nicht nur positiv auswirken könnte. Der nach dem Einbau erreichte Dichtheitsgrad der Hüllfläche des Objektes verhindert neben dem Verlust von Wärme auch eine gewisse Luftzirkulation im Gebäudeinneren. Die Folge dessen ist ein „Luftstillstand", der ein kontinuierliches Zunehmen der relativen Raumluftfeuchte hervorruft, der von normaler Luftbefeuchtung, wie z.B. durch Atemluft, Tiere, Pflanzen, Kochen und Wäsche waschen entsteht, bedingt. Da das physikalische Prinzip von Luft ihrer aufnehmbaren Feuchte stark von der Umgebungstemperatur abhängig ist, kondensiert das in der Raumluft enthaltene Wasser an kälteren Bauteiloberflächen und kann bei kontinuierlichem Auftreten zur Schimmelbildung führen.“

Besonders überraschend waren die Ergebnisse der Untersuchung zur Gesamtenergiebilanz des Gebäudes in der historischen Nutzung als Wohnstallhaus (1666) im Vergleich mit der als Eigenheim (2010): „Die Analyse des historischen Bauzustandes sowie des damaligen Wohnkonzeptes bringt hier erstaunliche Ergebnisse mit sich. Hier kann bestätigt werden, dass bedingt durch die bauliche Ausbildung sowie vor allem durch das damalige Wohnkonzept ein erheblich geringer Energieverbrauch zu verzeichnen ist. Um hier möglichst realistische Verbrauchskennwerte ermitteln zu können, wurde für den Fall der unterschiedlichen Energiequellen in zwei unterschiedlichen Räumen das Berechnungsverfahren angepasst. Die Betrachtung der Bohlenstube wurde zudem von einem Praxistest an einem Beispielofen unterstützt. Dieser half bei der realistischeren Berücksichtigung im heutigen Berechnungsverfahren und machte deutlich, wie unterschiedlich das Beheizen durch den Ofen im Vergleich zu heutigen Wärmeträgern wie z.B. Wandheizkörpern war. Als Endaussage dieser Untersuchung wird festgestellt, dass die Sanierung von bäuerlichen Gebäuden nach den Anforderungen der EnEV´09 eines sehr großen Aufwandes bedarf, deren Auswirkungen und Nutzen im Vorfeld genau abgewogen werden sollten. Auch wenn die Außenhülle der jeweiligen Gebäude erhalten bleibt, sind die Veränderungen im Innenraum relativ umfangreich und müssen von Gebäude zu Gebäude angepasst werden...  Für eine Anwendung der damaligen Wohnkonzepte in heutigen Wohnhäusern (Nutzung des thermischen Verhaltens von warmer Raumluft) ist eine Untersuchung der entstehenden Wärmeströme sowie der Luftqualität bei stark frequentierten Räumen erforderlich. Zudem ist hier eine genaue Untersuchung des heutigen Wohnverhaltens von in bäuerlichen Gebäuden lebenden Personen und ihrer Anpassung auf die historische Umgebung erforderlich.“

Nach der Lektüre dieser Arbeit stellten sich mir mehrerer Fragen:
Warum prüfen wir nicht, ob das Nachnutzungskonzept unserer Vorfahren für den Umgang mit Heizenergie in unseren modernen Wohnbauten verwendbar ist?
Kann man mit der Abluft aus den Wohnräumen (Wärmerückgewinnung) nicht nachgeordnete Räume temperieren?
Wer befasst sich mit dem Thema was ist besser Konvektionswärme oder Strahlungswärme?
Warum können wir historische, vor allem als Kulturdenkmale eingestufte Bauten, nicht auch als Primärquellen für den Umgang mit Energie und Material begreifen, akzeptieren und schützen?

Dr. Andreas Christl

 

Das Haus in Röhrsdorf wurde sorgsam saniert.