Wieviel Energie braucht ein Mensch, liebe Leserinnen und Leser?

Am Anfang steht eine andere Frage: Nämlich ist das Energieproblem wirklich ein Energieproblem? Oder wälzen wir eher das Problem unserer Trägheit und Beqemlichkeit nur auf die Energiefrage ab?

Nehmen wir zum Beispiel unsere Arbeits- und Wohnkultur. Selbstverständlich ist heute für eine vierköpfige Familie eine Wohnung mit allermindestens drei warmen Haupträumen. Natürlich müssen Bad, Flur und Küche nicht nur temperiert, sondern ebenfalls richtig warm sein. Den Tag über steht die warme Wohnung in der Regel leer. Die Eltern sind arbeiten und die Kinder im Kindergarten oder in der Schule. Die Heizung ist lediglich drei bis vier Grad heruntergestellt, weil es heißt, noch weiter herunter sei Energieverlust. 

Die Arbeitsstätten der Eltern, sagen wir die Büros, Kindergarten und Schule sind meist großvolumige Räume, die viel Heizenergie verlangen. Wie in der eigenen Wohnung sind auch hier nicht nur die Haupträume warm, sondern durchweg alle Flure, Treppenhäuser, Toiletten und Nebenräume. Hier stehen nachts die Gebäude leer. Die Heizung wird um drei bis vier Grad heruntergestellt, weil es heißt, noch weiter herunter sei Energieverlust...

Das insgesamt riesige Volumen der Verkaufs- und Logistikzentren und schließlich auch der Industrie kommt hinzu. Wärme- und Klimaversorgung macht den Hauptteil unseres Energieverbrauchs aus. Nicht das Licht, die Waschmaschine oder der Kochherd. 

Die Zeiten haben sich sehr geändert. Vor einem halben Jahrhundert gab es in vielen Häusern nur einen einzigen Raum, der – und das auch nur zeitweise – so richtig warm war. Und zwar dann, wenn sich auch Menschen in ihm aufhielten. Bei einem Kohleofen war das gut regulierbar. Außerdem war der körperliche Anteil der Arbeit und der Anteil der Arbeit im Freien um ein Wesentliches größer und der menschliche Körperkreislauf war nicht ganz so empfindlich wie heute.

Überall wurde gespart, so wie heute, aber auf einem völlig anderen Niveau. „Mach die Tür nicht so weit auf, es kommt kalt `rein“, höre ich noch meine Mutter in unserer Berliner Mietwohnung sagen. Sachen „zum Drüberziehen“ waren für jeden in der Wohnung in Reichweite. Wenn es sein musste, wurden sogar Stühle oder Sessel lieber ein bisschen mehr an den kuschligwarmen Ofen gerückt. In Bauernhäusern gab es meist nur einen einzigen warmen Raum für 6 bis 14 Personen, der zum Aufwärmen und Wohlsein für alle zur Verfügung stand.

Wir meinen, durch unseren nun schon fast verschwenderisch hohen Komfort an Lebenskultur zu gewinnen. Das ist nicht von der Hand zu weisen, aber es ist auch nicht die gesamte Wahrheit. Auf der anderen Seite zahlen wir einen hohen Tribut. Wir geben dafür Werte und wiederum Lebenskultur auf. Im kleinen fängt es damit an, dass wir bei einem Einfamilienhaus nicht mehr nach einer optimalen Vermaterialisierung unseres wirklichen Lebensgefühls fragen, nach Realisierung von gewissen idellen Maßstäben. Wir fragen eigentlich nur noch nach Wärmedämmung, Heizung und Kosten. Und im Großen opfern wir ganze hochwertige Kulturlandschaften, weil wir es in Sachsen zum Beispiel immer noch nicht zustande bringen, Windrädern die wirklich richtigen Standorte zuzuordnen.

Die Häuser werden technischer und verpackter und empfindlicher und gesicherter und verknüpfter und abhängiger und ihre Erscheinungen lassen immer mehr Assoziationen zu „Raumstationen“, wie es unser Fördermitglied Dr. Wolfgang Reimer auf Seite 22 nennt, zu. Ist dieses Sattsein, ist diese Trägheit, ist diese Bequemlichkeit unsere Zukunft?

Da ist das Motto „Leben wie vor hundert Jahren“ schon interessant! Als eine Art „Auduck“, als eine zumindest zeitweise Möglichkeit. Hier und da fängt man wieder an, und zwar mit gutem Erfolg, aufgelassene alte Häuser für`s Wochenende oder für ständig zu vermieten oder zu verkaufen. Dass es nicht in Sachsen ist, liebe Leserinnen und Leser, versteht sich aus unserer ganz besonderen eingepressten Lebensart ganz von selbst. Ja, „Leben wie vor hundert Jahren“ heißt es in diesen Regionen! Die Nachfrage besonders von jungen Leuten ist nicht gering! Nicht nur mal fix am Rad drehen, wenn’s zwei Grad zu kalt ist. Nein, einfach etwas Einfaches Tun. Und eine Menge dafür zurückbekommen.

Alte schöne Häuser kommen wieder zum Vorschein. Alte schöne Häuser werden wieder geachtet. Alte schöne Häuser werden erhalten. Zum Beispiel. Dazu gehören auch Holzsammeln im Wald und ein Holzstapel auf der Wiese davor. Kerzenschein am Abend. Und Strickjacke, wenn man im Winter aufs Klo geht. Kein Problem. Und knisternde Scheite im Ofen, der unübertroffen wohlige Wärmewellen ausstrahlt...

Da ist nicht nur Wärme als Energie im Spiel, rein physikalisch-technisch gesehen, liebe Leserinnen und Leser. Da spielen auch andere Energien eine Rolle. Lebenswichtige Energien. Sind sie den meisten von uns verloren gegangen?

In diesem Sinne förderliches Nachdenken und viel Vergnügen beim Lesen dieses Heftes!

Ihr Manfred Hammer