Die 2000 Watt-Gesellschaft - Die Schweiz macht es vor

Glashaus Amsterdam

Die Pole schmelzen, ungewöhnliche Umweltphänomene nehmen zu, fossile Energievorräte nähern sich ihrem sichtbaren Ende. Dass alle Menschen in Zukunft Energie sparen müssen, ist mittlerweile unumstritten. Viele Einzelvorgaben, wie zum Beispiel die Energieeinsparungsverordnung an Gebäuden, sind Versuche, eine schwierige Situation langfristig in den Griff zu bekommen. Ob sie sich bewähren, muss sich erst noch zeigen und bedarf womöglich vieler an die Praxis angepasster Korrekturen.

In der Schweiz wurde an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ) das energiepolitische Konzept der 2000-Watt-Gesellschaft entwickelt. Danach sollte auf Dauer der Energiebedarf jedes Menschen der durchschnittlichen Leistung von 2000 Watt entsprechen. Zurzeit beträgt der Verbrauch pro Kopf in der Schweiz rund 5500 Liter Öl pro Jahr. Das entspricht einer Dauerleistung von 6300 Watt. Oder, anders ausgedrückt, sind das pro Person 63 Glühbirnen à 100 Watt, die permanent brennen. Global nachhaltig erstrebenswert wären pro Mensch 2000 Watt. Sie machen den weltweiten Durchschnitt (2006) aus. Menschen in Entwicklungsländern verbrauchen pro Jahr nur einige hundert Watt, während die Industrieländer meist ein Vielfaches in Anspruch nehmen. Das angestrebte Modell sieht vor, dass pro Kopf 500 Watt aus fossilen und 1500 Watt aus erneuerbaren Energien stammen sollen.

Die Schweiz hat sich die landesweite Umsetzung der Ziele der 2000-Watt-Gesellschaft bis zum Jahr 2050 vorgenommen. Die Idee kam erstmalig auf den Energietagen 1994 (Kesselring & Winter) auf und durchlief mit großem Erfolg diverse gesellschaftspolitische Stationen in der Schweiz. 2008 stimmten die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt Zürich mit 76% für die Umsetzung der Ziele der 2000-Watt-Gesellschaft. 2010 begann der Aufbau der Fachstelle, die nun landesweit berät und von jedermann und jederfrau, der Politik und Behörden in Anspruch genommen werden kann. Bis 2020 soll das Programm „EnergieSchweiz 2011-2020“ konkrete Schritte in Richtung der 2000-Watt-Gesellschaft einleiten. Konkret geht es um die Reduktion des Endenergieverbrauchs durch Verbesserung der Energieeffizienz im Brennstoff-, Treibstoff- und Elektrizitätsbereich. Ferner sollen die CO,-Emissionen und der Verbrauchs an fossilen Energien um mindestens 20 Prozent bis 2020 gegenüber dem Stand 1990 gesenkt werden. Gleichzeitig wird der Anteil der erneuerbaren Energien zwischen 2010 und 2020 am Gesamtenergieverbrauch um mindestens 50 Prozent betragen. Der zunehmende Elektrizitätsverbrauch soll möglichst durch erneuerbare Energien abgedeckt werden.

Studie untersucht Energieverbräuche in verschiedenen städtischen Quartieren

In der Schweiz sind Gebäude für rund 45 % des Primärenergieverbrauchs und für 40 % der gesamten CO2-Emissionen verantwortlich. Hier liegen riesige Einsparpotentiale. Deswegen hat die Denkmalpflege Winterthur eine Vorstudie zu Verbrauchswerten unterschiedlicher Quartiere in Auftrag gegeben. Sie mündete in die  „Stadtstrukturelle Energiestudie Winterthur“. Hierbei wurden vier typologisch unterschiedliche Stadtbereiche hinsichtlich ihrer Energieverbräuche detailliert analysiert. Maßgeblich waren zwei Fragen, a) wie hoch die Primärenergieverbräuche in den Quartieren pro Quadratmeter Energiebezugsfläche und pro Bewohner liegen, und b) wie die Ziele der „2000-Watt-Gesellschaft“ mit minimalinvasiven, kompensatorischen und kostengünstigen Maßnahmen umgesetzt werden können. Reto Bieli vom Institut für Energie am Bau der Fachhochschule Nordschweiz trug auf der Tagung „Denkmalschutz und Energieeinsparung“ in Wiesbaden im Februar 2012 die hochinteressanten Ergebnisse vor, nachzulesen in dem dazu erschienenen http://www.igbauernhaus.de/index.php?id=42&no_cache=1&tx_ttnews[tt_news]=1653&cHash=b61b49a3bc88acc7b1c07fcb458b8af3Tagungsband.

In Deutschland gibt es eine solche groß angelegte Initiative noch nicht, dennoch lohnt sich der Blick in die einzelnen Aufschlüsselungen der Schweizer Energieverbräuche. Es gibt verschiedene Berechnungen, wie viel Energie ein Mensch für welche Bedürfnisse – Wohnen, Mobilität, Essen usw. – verbraucht. Die Zahlen fallen ganz unterschiedlich aus. Person A, die in der Stadt in einem alten, energetisch ertüchtigten Haus wohnt, kein Auto hat und ausschließlich den ÖPNV benutzt, verbraucht weniger Energie als Person B in einem neuen Niedrigenergiehaus auf dem Land mit Pkw und langen Fahrwegen zum Arbeitsplatz. Fliegt Person A aber sechs Mal im Jahr mit dem Billigflieger in europäische Metropolen und einmal in die USA, übersteigt ihr Energieverbrauch den von Person B um ein Vielfaches. 

Veränderungen fangen im Kopf an

Es sind die fünf Bereiche Fahrzeug, Ernährung, Wohnen, Mobilität und Freizeit, bei denen jeder und jede Einzelne mit dem Energiesparen beginnen kann. Hier setzt die Fachstelle „2000-Watt-Gesellschaft“ mit unzähligen Informationen und praktischen Handlungsansätzen, die dort abrufbar sind, an. Lebe ich beispielsweise mit meiner vierköpfigen Familie in einem alten ungedämmten Bauernhaus, und drei Autos stehen auf dem Hof, habe ich zunächst einen hohen Verbrauch (im Sinne der 2000-Watt-Gesellschaft). Ich könnte aber den Pro-Kopf-Bedarf an Quadratmetern senken, indem ich Mieter in einer Einliegerwohnung oder ausgebauten Tenne oder Scheune aufnehme sowie partielle energetisch ertüchtigende Maßnahmen an der Gebäudehülle vornehme. Oder indem ich nur noch zwei Mal die Woche Fleisch esse und auf Flüge durch die Welt ganz verzichte. Veränderungen fangen im Kopf an, und Zahlen können hierbei durchaus helfen. So stecken zum Beispiel in einer Tasse Tee 35 Liter, einer Tasse Kaffee 140 Liter und einem Kilo Rindfleisch 15.000 Liter Wasser, und zwar nur, um den jeweiligen Rohstoff herzustellen.

Natürlich müssen auch Staat, Gesellschaft und Politik ihren Beitrag dazu leisten, und mit gezielten Maßnahmen auf diesen fünf Feldern kurz-, mittel- und langfristige Veränderungen herbeiführen. Die Schweiz hat diesen Weg unter Beteiligung ihrer Bürgerinnen und Bürger sehr nachhaltig beschritten. Es bleibt abzuwarten, ob sie mit dieser Haltung eine europäische Leuchtturmfunktion einnehmen wird.

Für die IgB heißt das, sich weiterhin dafür einzusetzen, dass alte Häuser nicht unisono als Klimakiller angesehen werden. Natürlich können zum Charakter des Hauses passende energetische Ertüchtigungen zum Energiesparen beitragen. Es kommt jedoch auf die jeweilige Gesamtenergiebilanz eines Menschen an, und gerade darin liegt, bei entsprechendem Bewusstsein natürlich, das größte Sparpotential.

Michaela Töpfer, Öffentlichkeitsreferentin