Anstrichtechnik: Kalk-Kasein-Farben

Stefan Haar und Bernd Froehlich, IgB, AG Bautechnik

Im Holznagel 1/2009 hatten wir Ihnen die Grundlagen der Kalk-Anstriche vorgestellt. In dieser Ausgabe möchten wir nun unsere kleine Serie zur Anstrichtechnik mit den Kalk-Kasein-Farben fortsetzen. Kalk-Kasein-Farben sind quasi eine Weiterentwicklung, eine Art Aufrüstung der Kalkfarben. Die Übergänge zwischen diesen beiden Arten sind fließend und hängen von der verwendeten Menge Kasein ab.

Was ist eigentlich Kasein? Kasein ist der Name für den Eiweiß-Anteil der Milch, der nicht in die Molke gelangt und beispielsweise zu Käse und pharmazeutischen Hilfsmitteln weiterverarbeitet wird. Kasein ist der Hauptbestandteil von Quark (Topfen) und erhält durch die Gerinnung des Kaseins seine feste Konsistenz. Nach der letzten Käseverordnung enthält Magerquark ca. 11% Kasein.

Seit Jahrtausenden ist bekannt, dass sich einige Eiweiße sehr gut als Bindemittel (für Farben) verwenden lassen. In der (Kunst-) Malerei wurde und wird als Farbe z. B. auch sehr häufig die Ei-Tempera verwendet.

Eine Kalk-Kasein-Farbe ist also ein Anstrichmittel, bei der die Pigmente mit einem Bindemittel auf Basis von Kasein gebunden werden. Unbedarfte Gemüter können bei dieser Vorstellung schnell mal ablehnend die Nase rümpfen – haben sie doch im „Hinterkopf“, „sich Quark an die Wand zu schmieren“. Dem ist aber nicht so: der alkalische Kalk – also das Calciumhydroxid schließt das Kasein auf und es entstehen sog. (wasserunlösliche) Kalkseifen.

Beim Arbeiten mit einer Kalk-Kasein-Farbe entsteht zwar für kurze Zeit der dezente Duft einer Molkerei, der dürfte aber angenehmer zu ertragen sein als Dunstwolken chemischer Lösemittel.

Kalk-Kasein-Farben waren über Jahrhun-derte das Mittel der Wahl für Wandanstriche – sowohl für innen als auch für außen.

In den letzten Jahrzehnten wurden sie zwar von Dispersionsfarben verdrängt, mittlerweile besinnt man sich aber wieder mehr auf die Vorteile dieser historischen Farben – und immer mehr Hersteller natürlicher Farben haben verschiedene Varianten von Kalk-Kasein-Farben in ihrem Angebot.

Ein entscheidender Vorteil der „Kasein-Farben“ ist, dass sie wesentlich mehr „Fremdpigmente“ zum Abtönen binden können als eine Kalkfarbe. In einer Kalkfarbe ist der Kalk gleichzeitig Bindemittel und Pigment – in einer Kaseinfarbe kann das Pigment Kalk fast beliebig durch andere Pigmente ersetzt werden. Dadurch können auch sehr intensive Farbtöne erzielt werden.

Die Farben lassen sich aber auch relativ einfach selbst herstellen und zum Ausprobieren möchten wir Ihnen auch ein konkurrenzlos preisgünstiges Basisrezept für einen Weißanstrich vorstellen: 

- 10 kg Weißkalkhydrat (Sumpfkalk, bzw. eingesumpfter Kalk)

- 1,25 kg Magerquark (Topfen)

- 25 ml Distelöl

- ca. 20 Liter Wasser

Zuerst muß der Magerquark mit etwas Sumpfkalk vermischt werden. Hierdurch wird das Kasein aufgeschlossen. Als Richtwert für die Mischung kann von einem Volumenverhältnis von ca. 3 : 1 (Magerquark : Sumpfkalk) ausgegangen werden. Diese Mischung sollte einige Zeit stehen bleiben, um den notwendigen Aufschluß zu gewährleisten. Die Angaben in der Literatur über den Zeitbedarf gehen sehr weit auseinander – von einigen Minuten bis zu zwei Stunden. Sie können den Ansatz also auch problemlos am Vorabend herstellen.

Das restliche Weißkalkhydrat wird dann mit dem Kasein-Ansatz und dem Öl vermischt und mit Wasser auf Streichfähigkeit – fast wässrig – eingestellt. Alle Zutaten müssen sehr intensiv vermischt werden. Der Zusatz von Distelöl bewirkt eine verbesserte Anhaftung sowie einen Spannungsausgleich beim „Auftrocknen“. Grundsätzlich könnten auch andere „trocknende Öle“ verwendet werden, wie z. B. Sonnenblumen- oder Leinöl. Distelöl hat sich aber bewährt, da es besonders vergilbungsarm ist und deshalb – gerade bei Weißanstrichen – Vorteile hat. 

Achtung: Sehr langes Rühren führt zu einer Verdünnung der Suspension. Daher sollte das notwendige Wasser erst nach und nach zugegeben werden.

Geeignete Untergründe sind:

Bei Außenanstrichen:

  • alle mineralischen Untergründe, z. B. Kalk- und Zementmörtel, bedingt auch Lehm
  • Frische, noch alkalisch reagierende Kalk- und Zementmörtel sind besonders geeignet, da sie zu einem witterungsbeständigen, naßwisch- und abriebfesten Anstrich führen.

Die Festigkeit beruht darauf, dass sich beim Trocknen und der CO2-Aufnahme zwei wasserunlösliche Verbindungen bilden – das feste Kalk-Kasein (Kalkseife) und das auch am alkalischen Untergrund gebundene Calciumcarbonat.

Bei Innenanstrichen:

  • alle mineralischen Untergründe wie bei  Außenanstrichen
  • Naturstein und Keramik
  • ungehobeltes Holz
  • Alte, haftfeste Kalk- und Kalk-Kasein-Anstriche
  • saugfähige Papierbekleidungen, z. B. Rauhfaser

Alle Untergründe müssen gereinigt und staub- und fettfrei sein. Im Zweifel sind Probeflächen anzulegen.

In der Regel sind zwei Anstriche notwendig. Die Untergründe sollten vorgenässt werden. Bei sehr stark saugenden Untergründen empfiehlt sich u. U. eine Vorgrundierung mit stärker verdünnter Farbe oder mit einem sehr stark verdünnten Kasein-Ansatz (s. o.)

Als Werkzeug ist die Malerbürste (Quast) am besten geeignet. Die Bürste sollte aus Kunststoffborsten bestehen, da Naturborsten von der alkalischen Suspension langsam aufgelöst werden. Immer im Kreuzgang streichen – erst waagerecht, dann senkrecht. In noch feuchtem Zustand wirken die Farben etwas glasig oder milchig. Der richtige Farbton stellt sich erst nach vollständigem Auftrocknen ein.

Kaseinfarben sind nicht lange haltbar. Alle fertigen Mischungen sollten möglichst am gleichen Tag – sonst aber am zweiten Tag – verarbeitet werden.

Die Vorteile gegenüber den heute üblichen Dispersionsfarben:

  • natürliche Materialien
  • sehr dünner Auftrag
  • diffusionsoffen
  • hohe Wischfestigkeit
  • preisgünstig

Anders als in einer reinen Kalkfarbe ist das Weißkalkhydrat in einer Kaseinfarbe eher Pigment denn Bindemittel. Wir empfehlen aber deshalb den Kalk für eine Kaseinfarbe, weil er ausgesprochen preisgünstig ist und sich deshalb auch für große Flächen bei Au-ßenanstrichen hervorragend eignet. 

Für hochwertige Innenanstriche können natürlich auch andere Pigmente – auch gemischt mit Kalk – eingesetzt werden. Für Weißanstriche eignen sich u. a. die natürlichen Kreiden und Marmormehle oder das synthetische Titanweiß (Titandioxid). Zum Abtönen oder für Vollfarben eignen sich alle kalkechten (alkalibeständigen) Pigmente, wie z. B. Erdfarben und Eisenoxidfarben.

Pigmente werden i. d. R. in Pulverform geliefert. Vor der Vermischung mit einem Kalk-Kasein-Ansatz (s. o.) müssen sie deshalb pastenförmig mit Wasser angeteigt werden. Als Richtwert gilt: ca. 0,3 Liter Wasser pro Kilogramm Pigment.

Berichte über selbst angemischte Farben stellen i. d. R. altes Wissen dar, das heute in den einschlägigen Berufen nicht mehr vermittelt wird. Was früher quasi Allgemeingut war, müssen wir uns jetzt wieder erarbeiten, aus alten Büchern und aus den Erfahrun-gen derjenigen, die bereits damit gearbeitet oder experimentiert haben. Gerade diese Erfahrungen sind aber auch eine Fundgrube für Wissen, das wir weiter tragen möchten. Schreiben Sie uns doch deshalb auch von Ihren Erfahrungen – mit welchen Rezepten Sie gearbeitet haben, welchen Mengenverbrauch (pro qm) Sie hatten usw. Und schreiben Sie uns ggf. auch von Ihren Mißerfolgen - auch die können hilfreich sein.