Fachwerk in Not!

Heinz Riepshoff

IgB-Landesbeauftragter Niedersachsen

Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, daß die Überschrift im letzten Holznagel identisch war, nur statt eines Fragezeichens glaube ich jetzt ein Ausrufungszeichen verantworten zu können. Sie erinnern sich an meinen Beitrag über ein Fachwerkhaus in Verden von 1577 (i), eines der bedeutendsten Fachwerkhäuser Norddeutschlands. Dabei hatte ich eine Reihe von Fragen gestellt, zu denen ich Antworten erbeten hatte. Für die zahlreichen, vor allem sehr kompetenten Zuschriften bedanke ich mich auf diesem Wege ausdrücklich. Bevor ich den Inhalt der Antworten zusammenfasse (im Anhang finden Sie einige Briefe im Originaltext), sind noch einige Anmerkungen zum Fortschritt der Restaurierung notwendig.

Die Dachpappe unter den Eichenschwellen wurde wieder entfernt, ob mit Überzeugung, ist fraglich. Darum werde ich im Folgenden mit den mir vorliegenden Antworten trotzdem darauf eingehen. Die beschriebenen Klötze unter den Schwellen sind Betonklötze, die mit Eisen armiert aus dem Betonfundament herausragen. Die Eichenschwellen sind mit Schrauben auf diesen Klötzen fest verschraubt. (Kann ein Fachwerkhaus wegfliegen oder warum macht man das? Hat das nicht zur Folge, daß diese Wand nie wieder zu reparieren ist und Probleme entstehen, die das Haus bis jetzt nicht gekannt hat?)

Es ließen sich noch weitere Details des zwischenzeitlich restaurierten Nordgiebels und der Ostwand anfügen, ich beschränke mich aber nur noch auf einen Punkt, der mir symbolhaft für die ganze Restaurierung erscheint. Die östliche Traufwand besteht aus 8 Ständern. Bis auf wenige, leicht zu reparierende Schadstellen, stehen diese Ständer mit gesunden Füßen auf einer Schwelle, die abgängig ist. Zunächst wird eine Sackung in der Mitte dieser Wand von 52 cm mit Hydraulik, entsprechenden Absteifungen und viel Aufwand um knapp 20 cm korrigiert. Dann wird ein neues Fundament hergestellt, daß 20 cm tiefer liegt als das alte, um darauf wieder die neue Schwelle (altes Holz) zu verschrauben. Für die nun fehlenden 20 cm müssen sämtliche Ständer verlängert werden. Wahrlich eine treffliche Arbeitsbeschaffungsmaßnahme zu Lasten der Gesamtkosten.

Dachpappe unter den Schwellen

Ohne Ausnahme sind alle Schreiber der Auffassung, daß der Schaden größer ist als der Nutzen. Also unbedingt weglassen. (Siehe auch Schreiben im Anhang.)

Fachwerkreparaturen

Wenn auch die eine oder andere Verbindung (schräge Dollen oder Jagdzapfen) im Einzelfall richtig sein kann, bei Austausch einer ganzen Wand bleibt es völlig unverständlich, warum keine vernünftigen Zapfenverbindungen gewählt wurden. Das seitliche Blatt bei der Anlängung von Ständern wird uneingeschränkt von allen abgelehnt, da hier ungehindert Wasser eindringen kann und zur Zerstörung des Holzes und des dahinter liegenden Wandaufbaus führen kann.

Neues Holz oder Altholz

Für die Schwellen hätten alle Schreiber neues Holz genommen, wenn auch mit dem Hinweis, möglichst zwei Jahre abgelagerte Eiche zu verwenden. Für das übrige Holz für Ständer, Riegel und Streben kann man sich Altholz vorstellen. Alle Schreiber sind überzeugt, hier wurde Altholz von schlechtester Qualität verwendet. Bezogen auf die Wand, wie sie sich jetzt darstellt, hätten sich alle eher einen völligen Neuabbund vorgestellt.

Verantwortung

Zunächst möge sich niemand damit herausreden, hier handele es sich um einen extremen Einzelfall. Die Zuschriften und Telefonate der letzten Wochen signalisieren mir „Fachwerk in höchster Not”! Ob es sich überwiegend eher um kostspielige öffentliche Bauten handelt, oder auch um private Bauten, ist z. Zt. noch nicht zu übersehen. Mich hat dieses Problem deswegen so überrascht, weil in meiner Heimatregion der Grafschaft Hoya und dem Großraum Bremen (der Geburtsort der IgB vor über 30 Jahren) ein solcher Umgang mit Fachwerk bisher nicht üblich war.

Wer ist denn nun verantwortlich wenn hier technisch-handwerkliches Versagen dazu führt, daß ein teuer restauriertes Gebäude in wenigen Jahrzehnten erneut zu einem Problem wird, wenn unnötig Originalsubstanz eines hochrangigen Baudenkmals zerstört wird und wenn (was ich persönlich für das Schlimmste halte) mit unglaublichen Bausummen öffentliche Baudenkmale saniert werden, die in Folge jeden unwissenden privaten Denkmalbesitzer abschrecken und bei diesem die Angst vor dem Denkmalschutz größer erscheinen lassen als vor Naturkatastrophen.

In unserem Fall steht der Bauleiter jede Woche auf der Baustelle, aber sieht nichts. Die Handwerker glauben wahrscheinlich eine gute Arbeit zu machen, können es aber nicht besser. Die Stadt Verden ist Eigentümer und Bauherr und vertritt, stellvertretend für uns Steuerzahler, 1 Mio. Euro Bausumme (850.000,- Euro Zuschuß Städtebauförderung) und ob das reicht, wage ich zwischenzeitlich zu bezweifeln. Dort gibt es vorrangig die Sorge der Endtermin könnte nicht erreicht werden, was schlimme Folgen auf die Zuschußmittel hätte (Warum hat eigentlich eine schlechte Restaurierung keine Folgen?). Nach dem Willen unserer Landesregierung ist ausschließlich die untere Denkmalschutzbehörde verantwortlich. Die sitzt im Verdener Rathaus geht auf Tauchstation und sieht auch nichts. Die obere Denkmalschutzbehörde, bisher bei der Bezirksregierung, ist so gut wie abgeschafft. Das Bemühen des noch zuständigen Bezirkskonservators nimmt bei dem Versuch, zu retten was zu retten ist, privat-engagierte Züge an. Die neue obere Denkmalschutzbehörde, ab 1. Januar 2005 das Ministerium für Wissenschaft und Kunst, ist noch nicht eingerichtet und möchte vor allem bis Jahresende keinen Ärger.

Liebe Landtagsabgeordnete, haben Sie sich die Niedersächsische Denkmalpflege so vorgestellt? Ich hoffe nicht, daß Sie nach der Devise verfahren, „wer sich zuerst bewegt ist tot”. Haben Sie den Mut und schreiben Sie mir oder dem Holznagel. Überzeugen Sie sich doch einmal vor Ort, wie es mit unseren Baudenkmalen bestellt ist.

...und hier drei Antworten auf meine Frage:

"Fachwerk in Not?"

Was wie machen...

....Ihre im Holznagel 5/2004 aufgeworfenen Fragen und die von Ihnen beobachtete Sanierung zeigen einen immer öfter kritisch zu betrachtenden Aspekt der Denkmalpflege. Gerade für die Unteren Denkmalschutzbehörden eröffnet sich derzeit ein sehr zwiespältiges Bild. Auf der einen Seite müßte man froh sein, wenn ein bedürftiges Gebäude instandgesetzt wird und dafür auch beachtliche Geldbeträge aufgewendet werden, auf der anderen Seite stellt man immer häufiger bei der Durchsicht der Planungsunterlagen oder spätestens beim ersten Baustellenbesuch fest, daß es für das Gebäude wohl besser gewesen wäre, die Finanzierung der Maßnahme wäre nicht zustande gekommen...

Wie auch an ihrem Beispiel deutlich wird, ist das Ansehen eines historischen Gebäudes heutzutage quer durch alle gesellschaftlichen Schichten sehr hoch. Historische Gebäude, besonders die Fachwerkhäuser, sind Sympathieträger.

Diese, sicher auch sehr begrüßenswerte Wertschätzung treibt nun immer öfter seltsame Blüten. Statt einer substanzschonenden, preiswerten und vor allem dauerhaften Reparatur, werden die Schäden unter teilweise grotesker Einbeziehung von Originalfragmenten in einer Art "saniert", die weder handwerks- noch sachgerecht ist. Die missverstandene  Bewahrung des Alten  führt in Verbindung mit durchweg mangelhafter oder fehlender Bestandsaufnahme (Schadenskartierung) und unzureichender Planung zu  Lösungen" die dann finanziell oft nur durch Pfusch in der Ausführung darstellbar sind.

Schon bei der skizzenhaften Schadensaufnahme vor Ort ließe sich zutreffend abschätzen, ob die Reparatur eines geschädigten Bauteils oder der Austausch sinnvoll ist. Auf dieser Basis kann dann eine wirkliche Planung der Instandsetzung erfolgen, bei der die detaillierte Behandlung einer jeden Reparaturstelle beschrieben und dann auch ohne Nachtragsrisiko ausgeschrieben werden kann.

Nun aber zu Ihren Fragen:

Sie haben Recht, die Verwendung des Gebrauchtholzes in diesem Umfang ist aus baudokumentatorischer Sicht unglücklich. Allerdings wird auch ein zukünftiger Bauforscher an den Holzverbindungen (und den dann wieder aufgetretenen Schäden) schnell erkennen können, daß die Sanierung zu Beginn des 21. Jahrhunderts stattfand... ! Die Zweitverwendung von Bauholz kann ja aus zweierlei Gründen durchaus Sinn machen. Einerseits können durch zweitverwendetes Holz ggf. Beschaffungskosten gemindert werden. Besonders wenn heute nur zu horrenden Preisen oder gar nicht mehr lieferbare Querschnitte benötigt werden. Andererseits kann durch unauffälliges Einfügen von Gebrauchtholz eine Reparatur am Ende fast unsichtbar erfolgen. Oftmals wird das Altholz jedoch verwendet, weil es nun mal "alt" aussieht und die Scharfkantigkeit des neuen Holzes nicht dem Schönheitsideal des Bauherrn (oder auch des Denkmalpflegers!) entspricht. Oftmals kann aber der gekonnte Einsatz des Zugmessers zum Brechen der Kanten hier auch Wunder wirken!

Auch wird immer wieder der Fehler begangen, die vorgefundenen Verbindungselemente des Gebrauchtholzes geradezu zwanghaft weiter zu benutzen. Dies führt dann zu wackelnden Verzapfungen und Reparaturen der eigentlichen Reparaturstellen. Vielmehr sollte das zweitverwendete Holz in solchen Fällen eher als "Meterware" verstanden werden. Zufällig passende Verbindungen können dabei natürlich verwendet, notwendige neue, dem Original entsprechend eingearbeitet werden. Dann ist auch gegen verschlossene überzählige Zapfen- und Dübellöcher nichts zu sagen. Eine so große Anzahl von Reparaturstellen an einem Bauteil wie in Ihrem Beispiel läßt sich aber allenfalls durch die Hochwertigkeit der Originalsubstanz (Schnitzwerk, Farbfassungen, o. ä.), nicht aber mit reiner Bestandserhaltung begründen.

Eine weitere Unsitte ist die Verwendung von runden Holznägeln oder Dübeln. Nur ein kantiger, leicht konischer Holznagel kann die ihm zugedachte Aufgabe sicher erfüllen, da er sich kraftschlüssig ins Ständer-Riegel-Holz einzieht.

Ob neues oder altes Holz zur Schwellenreparatur geeigneter ist, läßt sich nicht pauschal beantworten. Neues, zu feucht eingebautes Holz führt ebenso zu Problemen wie altes, dessen eventuell unentdeckter Befall Schäden verursacht. Viel wichtiger als die Frage nach altem oder neuem Holz ist nach meiner Auffassung die konstruktiv richtige Auflagerung der Schwelle. Hier werden, wie Ihr Beispiel zeigt, noch unglaublich viele Fehler gemacht, die das am aufwendigsten zu reparierende Bauteil eines Fachwerkhauses immer wieder zum Pflegefall werden lassen.

Zunächst muß man sich über die Funktion des Sockels im Klaren werden. Zuallererst sollen die Gebäudelasten auf den Baugrund abgetragen werden. Überraschenderweise funktioniert das oft ohne frosttiefe Gründung vorzüglich und eine zur Ruhe gekommene Setzung sollte, wenn möglich, gar nicht angefasst werden! Als nächstes soll durch den Sockel das Schwellholz aus dem Spritzwasserbereich herausgehoben werden. Soweit eigentlich alles klar.

Eine weitere Funktion liegt aber in der Fernhaltung der Erdfeuchte und des Kondenswassers vom Holz. Hier wird leider immer noch auf die untergelegte Dachpappe gebaut und sich über die dann auftretenden Schäden gewundert. Man unterliegt hier einem kapitalen Irrtum. Gebäude die mit eingebauten Dachpappen schadenfrei blieben, haben dies nämlich dem früher in der Dachpappe eingesetzten Teer und seinen Giftstoffen zu verdanken. Heutige Bitumenpappen führen nur zu unerwünschtem Wassereintrag und haben keine konservierende Wirkung. Auch muß man wissen, daß ein Iuftkalkvermörteltes, aus Feld- oder anderen Natursteinen bestehendes und ggf. mit einer Ziegelrollschicht versehenes Sockelmauerwerk keine Feuchtigkeit zur Schwelle durchläßt. Auftretendes Kondensat oder auch Feuchte durch Schlagregen, Spritz- oder Oberflächenwasser wird hier nämlich kapillar nach außen weggetrocknet, bevor es Schäden anrichten kann. Eine Auflagerung auf Betonfundamenten, die diese Fähigkeit nicht besitzen, ist daher nicht zielführend.

Die Ständerreparaturen in Ihrem Beispiel sind zum großenTeil unfachmännisch ausgeführt. Wenn man denn schon ansetzen möchte oder muß, so ist der Wassereintritt konstruktiv zu unterbinden. Dies funktioniert nicht bei nach außen gerichteten seitlichen Überblattungen. Hier hat an der Fassade ablaufendes Wasser ungehinderten Zutritt zum Hirnholz. Eine solche Reparatur hat nur dann eine gewisse Berechtigung, wenn die Gefache nicht entfernt werden können oder sollen. Die durch Setzungen oft bis in obere Geschosse reichenden Verformungen sind tunlichst so zu belassen, um nicht das komplette Gefüge in Unordnung zu bringen (nicht mehr passende originale Zapfenlöcher u. a.). Auch sind oft Zweifel angebracht, ob die Verformungen wirklich Setzungen oder nicht vielmehr der Verwendung von krumm gewachsenen Hölzern anzulasten sind.

Dollen oder Jagdzapfen sind Metallverbindungen immer vorzuziehen und probate Reparaturmittel. Bei einer so umfangreichen Zerlegung der Wand ist dies aber weder konstruktiv noch finanziell verständlich (wenn der Ausführende noch den Umgang mit Streichmaß und Stemmeisen oder Kettenfräse beherrscht...).

Foto: H. Riepshoff

Zur Erklärung der Ablehnung von Metallverbindungen jeglicher Art in Außenwänden muß gesagt werden, daß an der Kontaktstelle von Holz und Metall immer Kondensat anfällt, was das Metall zum Korrodieren und das Holz zum Faulen bringt. Gegen eine Bauklammer als Not- oder Sofortmaßnahme an kontrollierbarer Stelle ist nichts zu sagen, in Ihrem Beispiel aber wurden Nägel und Bolzen so eingesetzt, daß erst der Totalschaden die Folgen sichtbar werden läßt. Weiterhin ist mir der statische Nutzen der gerade eingeschlagenen Nägel nicht ersichtlich. Ein auch für Baulaien verständlicher Leitfaden zur Fachwerkreparatur ist immer noch das von der IgB herausgegebene und meines Wissens nicht mehr neu aufgelegte Büchlein "Was wie machen? Instandsetzen und Erhalten alter Bausubstanz" von Julius H. W. Kraft. Hier sind z. B. auf Seite 23 bis 26 anschaulich die Reparaturmöglichkeiten erläutert. Dies sollten sich sowohl Planer als auch Bauherren eingehend anschauen, um eine "Sanierung  beurteilen zu können. Ich hoffe, Ihnen mit meinen Ausführungen etwas gedient zu haben. Es würde mich freuen, wenn durch solch intensives Hinterfragen das Erkennen von kostenintensiven aber of wenig dauerhaften „Sanierungstechniken” gestärkt würde. Die alten Gebäude haben nämlich nur dann eine Überlebenschance, wenn sie im Erhaltungsaufwand und in der Langlebigkeit mit Neubauten mithalten können. Eine fachgerecht geplante und ausgeführte Minimalsanierung, bei der die Reparaturstellen die selben Zeiträume wie die Grundsubstanz überdauern, kann dabei im Ergebnis, sowohl optisch als auch finanziell, jeden Skeptiker überzeugen.

Marcus Wagner, Untere Denkmalschutzbehörde Lkr. Helmstedt  

Fachwerksanierung - mehr als nur Holzreparatur

Die von Heinz Riepshoff beschriebenen Zimmererarbeiten am Verdener Bürgerhaus von 1577 haben selbstverständlich mit Restaurierung wenig zu tun. Wenn man dann noch erfährt daß in diesem Fall sogar eine gründliche Bau- und Schadensaufnahme der Ausführung zugrundeliegt, staunt man umso mehr. Hier zeigt sich einmal mehr, wie wichtig immer noch die Vermittlung von Grundlagen im Umgang mit alter Bausubstanz ist. Jedes Detail der beschriebenen Wandreparatur ließe sich eventuell begründen, in der Gesamtheit zeigt sich ein erschreckender Mangel an Sensibilität. Sollte der Zustand der Wand eine so umfassende Zerstückelung nötig gemacht haben, wäre sicher ein sauber rekonstruierter Abbund aus neuem Holz besser gewesen. Aus Erfahrung vermute ich allerdings, daß wesentlich weniger Erneuerung und damit eben auch Zerstörung von Bausubstanz nötig gewesen wäre, wenn der Erhalt, und nicht die Sanierung im Vordergrund gestanden hätte. Schon lange ist unumstritten, daß der Erhalt eines Gebäudes zunächst einmal bedeutet, auch Umbauten, Verformungen und sogar Schäden als materielle Zeugnisse der Hausgeschichte zu akzeptieren. Die beiden wesentlichen Grundsätze der Denkmalpflege sind Erhaltung des Gebäudes und seiner Teile in situ und weitestgehende Erhaltung der gesamten überkommenen Substanz (soweit sie nicht fachlich falsch und/oder grob verunstaltend ist). Selbstverständlich müssen Schäden, die Folgeschäden verursachen umgehend repariert werden, auch wenn dabei ganze Bauteile, z.B. Dachhaut oder Fenster, ersetzt werden. Im Wandbereich ist dieses üblicherweise nicht nötig. Vor allem ist das Wesen der Fachwerkwand das Zusammenwirken von Holzgerüst und Ausfachung. Mit der Missachtung dieser Grundtatsache beginnt meistens die umfangreiche Zerstörung von Bauteilen. Auch in Bereichen der Denkmalpflege und sogar in Beispielen im  Holznagel  sind leere Hausgerüste zu sehen: Bereits die  Entkernung  vernichtet einen großen Teil der überkommenen Substanz und ihres Ausdrucks. Fatal wird aber in Folge die übermäßige Reparatur des Holzgerüsts, denn nun kann man ja alle Schäden beheben, besser als in absehbarer Zeit wieder. Auch wenn das Ergebnis glücklicherweise meistens nicht eine so verheerende Zerstörung wie im Beispiel aus Verden ist, bleibt doch üblicherweise weniger als ein Drittel der Ausgangsmaterie der Wand erhalten. Was in jedem Fall verschwindet, ist die Integrität des Bauteils als Gesamtzeugnis. Da ein Gebäude optisch wie auch räumlich am meisten durch die Wände wahrgenommen wird, ist die Veränderung enorm. Daher meine Aufforderung: Erhaltet soviele Wände wie möglich als Gesamtheit. Reparaturen von punktuellen Schäden am Holz sind auch unter Erhalt der Ausfachung möglich, selbst bei Unterschwellungen ist es möglich, die unteren Fache zu erhalten, wenn sie nur halbwegs stabil sind. Verrutschte Fächer lassen sich meistens wieder zurechtrücken oder zumindest fixieren. Und sollte die Wand statisch unzureichend sein, so kann man durch innen aufgedoppelte Stützen die Standsicherheit wieder herstellen. All das erhält nicht nur den geschichtlichen und gestalterischen Wert des Gebäudes, sondern spart bei sinnvoller Ausführung auch noch erheblich Aufwand und Kosten. Sollten Holz und Ausfachungen soweit geschädigt sein, daß die gesamte Wand ausgebaut werden muß, um sie zu reparieren, halte ich eine Erneuerung, eventuell unter Wiederverwendung noch kompletter Hölzer, für angemessen. Eine neue Wand auf der Grundlage einer umfassenden Rekonstruktion wird dem Gebäude besser gerecht als eine unüberschaubare Flickerei.

Knut Hose, Zimmerer/Dipl.-Ing. Architekt, IgB Wendland

...im Einklang mit dem Wert und Alter eines Hauses

...mit Deinem Beitrag werden wesentliche Diskussionspunkte der bei Sanierungen im öffentlichen Bereich gängigen Sanierungspraxis angesprochen. Wir in unserer Region erleben es leider öfter, daß statt eines sinnvollen Austauschs von größeren Einheiten eine Zerstückelung des Restfachwerks vorgenommen wird. Das läßt an manchen Stellen vermuten, daß hier die Bausumme über die Arbeitszeit erhöht werden soll. Ein Abbund mit neuem, trockenem Holz ist sicherlich einfacher und schneller herzustellen. Die Verbindungen lassen sich passgenau herstellen und bedürfen in der Regel keiner Metallverbindungen. Die von Dir aufgezeichnete Wand kann unmöglich die eigentlichen statischen Aufgaben erfüllen, da kein Gebinde ohne Schwachstellen dasteht. Die kurzen Schwellenstücke lassen den Eindruck entstehen, daß nicht einmal geeignetes Altholz zur Verfügung stand. Bei einer folgenden Sanierung kann dann nur ein Totalaustausch stattfinden. Die jetzige Wand ist nicht mehr reparaturfähig. Aus hauskundlicher Sicht wäre hier eine Komplettsanierung der Wand, wenn sie denn so schlecht war, mit neuem, trockenem Holz sinnvoller und sicher auch in der nicht gerade mageren Haussumme unterzubringen. Im übrigen ist der Rest des originalen Holzes auch nur als eine Zweitverwendung anzusehen, da die meisten Hölzer nicht mehr in der ursprünglichen Ebene eingebaut sind, sondern neue Zapfenlöcher und Holznagellöcher bekommen haben. Diese sind in späterer Zeit dann haus- oder gefügekundlich nur als schlechte Zimmerarbeiten zu deuten. Die verwendeten Reparaturverbindungen machen auf mich den Eindruck, als hätte hier eine unfähige Zimmerei oder zumindest eine Zimmerei ohne "Herz" für ein altes Haus gearbeitet, denn sonst wären die geraden Blätter der Ständerverlängerungen zumindest angeschrägt, damit sie sich auf Druck ineinander schieben. Ebenso können Ständer oder Riegel nachträglich auch mit Fremdzapfen eingebaut werden, so daß zumindest der alte Verbindungszustand wieder hergestellt wird. Aber die Arbeitsstunden sind lieber in heillose Zerstückelung der Wand investiert worden. Als IgB-Mitglied und hauskundlich Interessierter stehe ich auf dem Standpunkt, dass Reparaturen sich im Einklang mit dem Wert und Alter eines Hauses befinden müssen. Dabei können dann auch nur zimmermannsmäßige und keine ingenieurmäßigen Holzverbindungen durchgeführt werden. Reparaturen an Häusern sind zu allen Zeiten eigentlich immer unter dem Aspekt der Langlebigkeit vorgenommen worden. Dabei sind nicht selten komplette Wandteile oder sogar Geschosse/Stockwerke ausgetauscht worden. Aber alte Reparaturen, die eine derartige Zerstückelung abgegeben haben, sind mir bis jetzt noch nicht untergekommen. Der Gesamteindruck stellt allerdings den Verantwortlichen das schlechteste Zeugnis aus, sonst wäre Dein Artikel anders ausgefallen. Es wäre wünschenswert, wenn kein weiteres, altes Haus in die Mangel dieser Bauleitung oder Planer käme.

Dr. Christian Schade, IgBGöttingen/Eichsfeld