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Fachwerk in Not?

Heinz Riepshoff

IgB-Landesbeauftragter Niedersachsen

Als ich vor über 30 Jahren auf die IgB stieß, war, neben dem Retten von Bauernhäusern vor Abriß und Verfall, das vorherrschende Thema: Wie restauriert man ein schadhaftes Fachwerkgerüst? Zunächst waren die einzigen Fachleute ältere Zimmermänner auf dem Lande, die ganz selbstverständlich noch sämtliche Verbindungen und Reparaturmöglichkeiten kannten und auch ausgesprochen kreativ damit umgingen. Viele hatten noch kurz vor dem Krieg Zimmermann gelernt und standen mit allen Handgriffen in einer Tradition, die bis in das 19. Jahrhundert zurückreicht.

Durch zimmereitechnische Seminare und die gemachten Erfahrungen der ersten Jahre sprach sich in der IgB ein gewisses Grundwissen unter den Mitgliedern herum. Metallwinkel und Schrauben wurden zwar probiert, aber deren Gebrauch auch umgehend wieder fallen gelassen. Schnell wurde uns der Wert einer Zapfenverbindung mit einem vernünftigen Holznagel klar. Diese Einstellung unserer Mitglieder übertrug sich auch auf die neu gegründeten Handwerksbetriebe in unserer Region (Bremen und Umzu). Natürlich gibt es immer noch unverbesserliche Handwerker, die mit Pfusch den schnellen Euro machen wollen, aber die Anzahl guter, zu empfehlender Betriebe ist stetig gewachsen.

In jüngster Zeit häufen sich nun allerdings die Beschreibungen von Fachwerksanierungen (z.B. Rathaus Uslar, Holznagel 4/2004), wo man schon ins Grübeln kommen kann.

Und dieses Grübeln will mich nun gar nicht mehr verlassen, seitdem in Verden mein direktes Nachbarhaus restauriert wird. Genau ein Meter neben meinem, vor 14 Jahren mit meiner ganzen Erfahrung restaurierten Haus, passieren Sachen... Also ich kann Ihnen sagen! Oder habe ich da etwas nicht mitbekommen?

Wie dort gearbeitet wird, soll in Süd-Niedersachsen (die Wiege der Weser-Renaissance) üblich und vor allem richtig sein.

Bitte lieber Leser, helfen Sie mir!

Zunächst noch zu dem Objekt selbst. Es handelt sich um ein 1577 (i) gebautes Bürgerhaus. Nicht irgendeins, sondern das Haus mit dem prächtigsten Giebel (übersät mit Fächerrosetten) in Verden und als solches weit über die Region hinaus bekannt. Als weitere Besonderheit ist zu erwähnen, daß alle falsch verstandenen und die Gebäude verstümmelnden Renovierungen der letzten 50 Jahre an diesem Hause vorbeigegangen sind. Kurzum ein Kleinod. Das Haus gehört der Stadt und nach vielen Diskussionen entschloß sich letzten Winter der Rat der Stadt, das letzte Geld der Städtebauförderung, nämlich 1 Mio. Euro in die Restaurierung dieses Gebäudes zu stecken. Gut so!

Nun zu Ihrer Hilfe.

Ich werde versuchen, mit Hilfe obiger Zeichnung und mehrerer Fotos, so genau wie möglich zu beschreiben, was mich beunruhigt und ins Grübeln bringt und Sie schreiben mir bitte möglichst bald, was Sie davon halten. Auch wenn Sie staatlicher Denkmalpfleger sind oder sonstwie mit dieser Materie vertraut sind, bitte machen Sie davon Gebrauch!

Bei der Beschreibung und Zeichnung handelt es sich um die Westwand, die bis auf das erste Fach (i.d. Zeichnung rechts) – das schon vor ca. 200 Jahren komplett durch Rotstein ersetzt wurde – als Fachwerkwand erhalten war, mit den üblichen Schädigungen wie fehlende Schwelle, verrottete Ständerfüße usw. In der Mitte war die Wand um ca. 30 cm gesackt. Zunächst wurde komplett entkernt, unten alles frei gemacht und ein Betonfundament gegossen. Dann ging es rechts los. Mehrere Meter komplett abgebaut und abschnittsweise eine neue Schwelle verlegt, die als Abstand zum Betonfundament mit Klötzen unterlegt wurde. Auf die Schwelle wurden die Ständer gestellt, so daß sie auf Druck durch die Balken fest standen, und dann die Riegel anschließend dazwischen geklemmt. Dabei immer nur eine Seite gezapft, die andere gedollt. Auch die ersten beiden Ständer wurden nicht auf die Schwelle gezapft, sondern ebenfalls gedollt. Sämtliches Reparaturholz, einschließlich Schwellen, stammt aus Abbrüchen von Fachwerkhäusern, mit deren alten Zapfen- und Holznagellöchern.

Nachdem der zuständige Denkmalpfleger der "noch" Oberen Denkmalpflege über die vielen Dollen (schräg genagelte Holzdübel) meckerte, wurde im Weiteren gezapft. Allerdings das System, erst die Ständer, danach die Riegel dazwischen geklemmt, wurde beibehalten. Dabei bediente man sich auf der gegenüberliegenden Seite der normalen Zapfung mit einem Jagdzapfen (verkürzt), der über ein schräg auslaufendes Zapfloch eingeklappt wurde. Durch die vielen Zapfenlöcher des zweitverwendeten Holzes landeten natürlich einige Riegel in viel zu großen Zapfenlöchern, was in der Verbindung erhebliche Probleme bereitete.

Alte schadhafte Ständer wurden angeschäftet. Bei zwei Ständern verwendete man die üblichen hintereinander liegenden Blätter, bei denen von hinten das Blatt mit vier verdübelten Schrauben verbunden wird, in drei Fällen mit seitlichem Blatt. Diese Verbindung kannte ich so noch nicht. In der Mitte eine ca. 20 mm versenkte Schraube, darüber und darunter von beiden Seiten mit acht langen Nägeln verbunden.

Noch ein Wort zu den verwendeten Holznägeln, bzw. Dübeln. Es wurden 20 mm Stabdübel verwendet, die an der Außenkante bündig abschneiden. Unmittelbar unter der Schwelle, bei der natürlich alle alten Zapfen- und Holznagellöcher sauber verschlossen wurden, hat man zum Schutz gegen aufsteigendes Grundwasser eine Dachpappe gelegt. Das macht man bei uns seit 15 Jahren nicht mehr, da man annimmt, daß sie als Feuchtigkeitsfänger mehr schadet als nützt. Ist diese Annahme falsch?

Unter der Schwelle hat man nun angefangen Findlinge zu dekorieren. Also, die Fachwerkwand steht auf Betonklötzen, zwischen denen und herum Findlinge gemauert werden. An dieser Stelle ein genereller selbstbewußter Einwand. Als ich vor 14 Jahren mein Haus in Ordnung brachte, haben wir dicke Findlinge in einer Ebene auf das frische Betonfundament gelegt und danach im Abbund Schwelle und Wand darauf gestellt. Zwischen den Findlingen haben wir danach, mit kleineren Steinen und Mörtel, zurückliegend die Löcher geschlossen, so daß eine Dachpappe als Horizontalsperre unserer Meinung nicht notwendig war.

Nun lieber Leser/innen

einige Fragen,auf die ich gerne kompetente Antworten hätte:

Ich sehe die nächste Generation Hausforscher verwirrt vor dieser Wand stehen, die sich ohne Sanierungsunterlagen aus dem Jahre 2004 nicht mehr zurecht finden werden. Hätte man diesen Kameraden nicht durch Verwendung von neuem Holz für die Reparaturen helfen können? Darüber hinaus wären den jetzt arbeitenden Zimmerleuten die großen Schwierigkeiten erspart geblieben, durch alte Zapfenlöcher vernünftige Verbindungen herzustellen. Ist nicht neues Holz mindestens für die Schwellen wesentlich langlebiger, sprich nachhaltiger?

Was halten Sie von den Reparaturen der Ständer und der Vorgehensweise die Riegel zu integrieren? Gehört unter eine Schwelle eine Dachpappe oder nicht?

In der Hoffnung auf viele, auch kontroverse Antworten, wünsche ich eine lebhafte Diskussion (bitte nur schriftlich p. Post) an:

Heinz Riepshoff, Strukturstraße 9, 27283 Verden

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