Überarbeitung der EU-Richtlinie über die Gesamtenergieefzienz von Gebäuden (EPBD)

Die Europäische Kommission hat im Rahmen einer öffentlichen Konsultation um Stellungnahmen zur Überarbeitung der Richtlinie über die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden gebeten. Im Rahmen des European Green Deal sollen in die Überarbeitung der Richtlinie insbesondere Aspekte aus der EU-Renovierungswelle einfließen, zu der sich die IgB ebenfalls schon gegenüber der EU sowie Ministerien und Fraktionen im Bund und in den Bundesländern geäußert hat (hier finden Sie unsere Stellungnahme zur Renovierungswelle). In beiden Stellungnahmen betonen wir, dass historische Gebäude aufgrund ihre langen Existenz und der in ihrer Substanz gebundenen Grauen Energie bereits von sich aus klimafreundlich sind. Daher ist es uns wichtig, dass dies in zukünftigen Regularien und Verordnungen auch berücksichtigt wird – und zwar zum Schutz denkmalgeschützer und nicht denkmalgeschützten, aber erhaltenswerter Bauten.

Unsere Stellungnahme zur Richtlinie über die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden

Die Interessengemeinschaft Bauernhaus (IgB) begrüßt ausdrücklich die Ziele des European Green Deal sowie das Strategiepapier „Eine Renovierungswelle für Europa – umweltfreundlichere Gebäude, mehr Arbeitsplätze und bessere Lebensbedingungen“, in dem die Bestandserhaltung erstmals in dieser Deutlichkeit und Größenordnung als relevanter Faktor zum Klimaschutz formuliert wird. Leider berücksichtigt die EU-Renovierungswelle das energetische Potential in Bezug auf die Graue Energie sowie den baukulturellen Wert des historischen Gebäudebestands nicht angemessen. Ein Schutz von Denkmalen sowie von nicht denkmalgeschützten Bauten, die aufgrund ihres ortsbildprägenden und/oder regionaltypischen Charakters besonders erhaltenswert sind, ist nicht ausdrücklich erwähnt. Europa besitzt eine überaus reiche Architektur, die Zeugnis seiner Geschichte und Ausdruck einer großen kulturellen Vielfalt ist. Wenn Regularien bauhistorischen Aspekten keine wesentliche Bedeutung beimessen, ist europaweit der Verlust jahrhundertealter, individueller Ortsbilder zu befürchten.

Gewachsene, bewahrte Strukturen sind eine wesentliche Voraussetzung für die Lebensqualität und sie gehören zu einer modernen und zukunftsfähigen Ortsentwicklung. Die aus der Renovierungswelle resultierenden Gesetze und Verordnungen – auch die zukünftige EPBD – müssen daher die individuellen Potentiale und Bedingungen des gebauten Erbes berücksichtigen sowie seinen Schutz und seine Bewahrung sicherstellen.

Bauhistorische Aspekte als Bewertungsmaßstab

Für die IgB geht eine Gefährdung historischer Bausubstanz insbesondere von standardisierten Bewertungskriterien und Rechenmodellen aus. Unflexible, allgemeingültige Vorgaben – wie sie die Renovierungswelle andenkt – bedrohen vor allem den kulturhistorisch bedeutsamen Gebäudebestand jenseits denkmalgeschützter Bauten. Aus unserer Sicht ist eine differenzierte Betrachtung von Altbauten dringend notwendig. Eingetragene Baudenkmale sowie die nicht staatlich geschützte, erhaltenswerte Bausubstanz müssen gleichermaßen von starren energetischen Vorgaben ausgenommen werden. Wir befürchten, dass sich die Energieeffizienz-Maßnahmen sonst negativ auf das Erscheinungsbild von Baudenkmalen und insbesondere auf die nicht unter staatlichen Schutz gestellten Bauten auswirken, die aufgrund ihres historischen, ortsbildprägenden und/oder regionaltypischen Charakters außerordentlich wertvoll sind. Sie dürfen nicht den an Neubauten orientierten Regelungen zur Energieeffizienz und daraus resultierenden Förderanreizen ausgesetzt werden. Energieeffizienzberechnungen von Bestandsgebäuden dürfen nicht nur energetische Aspekte beurteilen, sie müssen gleichermaßen auch die architektonische und baukulturelle Qualität in die Bewertungen mit einbeziehen.

Genauso wie für Denkmale muss die Richtlinie zur Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden auch Standards für die nicht denkmalgeschützte aber besonders erhaltenswerte historische Bausubstanz festlegen. Diese Standards sollen abhängig sein vom Alter des Gebäudes, der Baukonstruktion, dem Baumaterial, der Nutzung sowie der geografischen Lage bzw. des Klimas. Nur so können Konzepte für eine behutsame energetische Ertüchtigung von Altbauten entwickelt werden, die einen baukulturell und bauphysikalisch fachgerechten Umgang mit dem Bestand garantieren.

Gesamtenergiebilanz als Bewertungsmaßstab

Energieeinsparungs- und Energieeffizienzmaßnahmen dürfen sich nicht nur auf die Betriebsenergie und die Nutzungsphase von Gebäuden beziehen. Sie müssen den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes berücksichtigen, um wirklich nachhaltig zu sein. Mit Blick auf ihre Gesamtenergiebilanz ist eine Instandsetzung von Bestandsbauten der beste Klimaschutz – insbesondere, wenn bei Bewahrung von Originalsubstanz alte Bauteile wiederverwendet sowie Ressourcen und Materialien schonend eingesetzt werden. Der Bewertungsmaßstab für Altbauten soll insofern der Energieeinsatz ab Herstellung aller Baustoffe und Bestandteile sowie die Betriebsenergie über den gesamten Lebenszyklus (inkl. Energieeinsatz bei Abriss und Entsorgung) sein. Viele historische Gebäude sind Jahrhunderte alt. Mit ihrer lange andauernden Existenz sowie den meist lokal gewonnenen, natürlichen Baustoffen und -materialien sind sie von sich aus schon klimafreundlich und sollen in Bezug auf die Energieeffizienz auch entsprechend beurteilt werden. Die Richtlinie zur Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden muss diese im Bestand gebundene Energie berücksichtigen, um eine adäquate Bewertung historischer Gebäude vornehmen zu können.

Ausbildung

Historische Gebäude können wichtige Erkenntnisse für klimaangepasste und nachhaltige Bauweisen liefern. Diese sollen eine Grundlage für die Entwicklung von ökologisch und bauphysikalisch verträglichen Energiesparmaßnahmen für Bestandsgebäude und für Neubauten sein. Ein neues, interdisziplinäres Denken, das ganzheitliche und auf erneuerbaren Energien beruhende Instandsetzungskonzepte einschließt, die außerdem den Altbauten individuell entsprechen, muss gefördert werden. Grundlage für eine altbau- und klimagerechte Instandsetzung ist eine entsprechende Ausbildung von Baufachleuten, die obligatorisch den Bereich "Bauen im Bestand" abdecken muss – sowohl in der akademischen als auch der handwerklichen Lehre, inklusive der ökologischen Baustoffkunde.

Im Sinne von Klimaschutz und Baukultur halten wir es für zwingend notwendig, die oben angeführten Aspekte bei der Überarbeitung der EPBD zu berücksichtigen.

Vorstand & Geschäftsführung, Interessengemeinschaft Bauernhaus e. V

21.06.2021

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