Stellungnahme der IgB zur geplanten EU-Renovierungswelle

Unter dem Titel „Eine Renovierungswelle für Europa – umweltfreundlichere Gebäude, mehr Arbeitsplätze und bessere Lebensbedingungen“ hat die Europäische Kommission im Oktober 2020 ihre Strategie veröfentlicht, mit der sie bis 2030 die Energieeffizienz von europaweit bis zu 35 Millionen Gebäudeeinheiten wesentlich verbessern will. Die Renovierungsquote, so das Papier, soll sich in den nächsten zehn Jahren mindestens verdoppeln. Baustoffbedingte Treibhausgasemissionen will die EU durch umfassende Renovierungen und Kreislaufwirtschaft verringern. Außerdem sollen Neubauten auf bislang unverbauten Flächen durch die Renovierungen reduziert werden – zur Erhaltung der Natur und der biologischen Vielfalt. Zudem ist ein Europäisches Bauhaus geplant, das eine neue europäische Ästhetik fördern soll, die Nachhaltigkeit, Funktion und Erfindergeist miteinander vereint.

Die Interessengemeinschaft Bauernhaus (IgB) begrüßt es sehr, dass die Bestandserhaltung erstmals in dieser Deutlichkeit und Größenordnung als entscheidender Faktor zum Klimaschutz formuliert wird. Ganz in diesem Sinne mahnen wir in unserem Positionspapier „Bestandserhaltung ist Klimaschutz“ vom Juli 2020 an, dass der Bausektor weltweit zu den energie- und ressourcenintensivsten Branchen gehört, der zur Bodenversiegelung und zum Verlust an freier Landschaft maßgeblich beiträgt, was sich negativ auf die Artenvielfalt, das Mikroklima, den Wasserhaushalt und damit auch auf die Lebensqualität auswirkt. Wir fordern daher in unserem Positionspapier eine radikale Beschränkung der Neuausweisung von Baufächen. Die Bewahrung traditioneller Baukultur bzw. die maßvolle Umgestaltung bereits vorhandener Gebäude sollte stattdessen massiv – nicht nur finanziell – gefördert werden.

Gesamtenergiebilanz als Maßstab

Besorgniserregend ist für uns die Vehemenz, mit der das EU-Papier die Energieeffizienz zum Leitprinzip ihrer Strategie erklärt. Unseres Erachtens nach ist es notwendig, dass Altbauten ganzheitlich betrachtet werden – auch durch die Berücksichtigung ihrer Gesamtenergiebilanz, also nicht mehr nur des reinen Energieverbrauchs in der Nutzungsphase. Bewertungsmaßstab sollte der Energieeinsatz ab Herstellung aller Baustoffe und Bestandteile sowie die Betriebsenergie über den gesamten Lebenszyklus (inkl. Energieeinsatz bei Abriss und Entsorgung) sein. Viele historische Gebäude sind Jahrhunderte alt. Mit ihrer lange andauernden Existenz und den meist lokal gewonnenen, natürlichen Baustoffen und Materialien sind sie per se klimafreundlich und sollten in Bezug auf die Energieeffizienz eine Neubewertung erfahren (s. auch IgB-Positionspapier). Genauso wie die Landesdenkmalpfleger, der Schwäbische Heimatbund und das Denkmalnetz Bayern appellieren, plädiert die IgB dafür, dass eingetragene Baudenkmale sowie die nicht staatlich geschützte, erhaltenswerte historische Bausubstanz davon ausgenommen wird, starre energetische Vorgaben erfüllen zu müssen.

Recycling statt Downcycling

Erfreulich finden wir, dass der Einsatz nachhaltiger Rohstoffe, die Nutzung von Sekundärrohstoffen sowie Wiederverwendung und Recycling gefördert werden sollen. Wir halten es allerdings für notwendig, diese Aspekte nuanciert zu betrachten. Wenn im Zusammenhang der Kreislaufwirtschaft stärker auf industrialisierte, technische und digitalisierte Lösungen gesetzt werden soll, um Kosten und Arbeitszeit zu begrenzen, ist ein Downcycling herkömmlicher hochwertiger Baustoffe zu befürchten. Das heißt, dass eine zukünftige Verwendung der Materialien nicht ihrer eigentlichen Qualität gerecht wird. Außerdem sollte sichergestellt sein, dass die Möglichkeit des Recyclings nicht dazu führt, dass Bauten leichtfertig dem Abriss geopfert werden können.

Individuellere statt große Lösungen

Kritisch sieht die IgB die von oben nach unten gedachte, hierarchisierende Betrachtungsweise des Gebäudebestandes von der EU-Ebene hinein in jede europäische Stadt und in jedes Dorf. Bedenklich finden wir die geplante europäische Datenbank über den Gebäudebestand und seine Energieeffizienz, die mit einer durchgehenden Digitalisierung von Bestandsbauten auch die Erfassung eines immensen Datenvolumens mit sich bringt. Derartige verallgemeinernde Ansätze lassen sich sicherlich gut bei öffentlichen, großen Bauten anwenden. Für die regionaltypische ländliche Baukultur sollten vielmehr individuellere Maßstäbe gelten. Jahrhundertealte Architekturzeugnisse mit ihren je eigenen baulichen Besonderheiten sollten keine Smart-Homes nach allgemeingültigen Vorgaben sein müssen. Und die stark hierarchische Bewertung von Gebäuden darf im Zweifelsfall nicht als Vorwand für Abriss oder Verfremdung kulturell wertvoller Substanz dienen.

Historische Baukultur bewahren

Mit großer Sorge stellen wir – wie auch Landesdenkmalpfleger, Denkmalnetz und Schwäbischer Heimatbund – fest, dass die Bewahrung des baukulturellen Erbes im Rahmen der Renovierungswelle offenbar nur eine untergeordnete Rolle spielen soll. Dem Appell der Landesdenkmalpfleger an die zuständigen Stellen der Länder und des Bundes schließen wir uns an. Wir bitten Sie sich dafür einzusetzen, dass das europäische Kulturerbe von den von der EU-Kommission verfolgten Maßnahmen ausgenommen bleibt bzw. dass Genehmigungsvorbehalte der zuständigen Denkmalbehörden ausdrücklich formuliert werden. Der Begriff „Kulturerbe“ erscheint nur einmal im gesamten EU-Papier, wenn es heißt, dass die Grundsätze der Planung, des Handwerks, des Kulturerbes und der Erhaltung des öffentlichen Raumes berücksichtigt werden. Von einem ausdrücklichem Schutz ist dagegen keine Rede. Auch wird die Davos-Erklärung von 2018, die baukulturelle Aspekte gleichberechtigt neben ökonomischen oder technischen Interessen sieht, nur in einer Fußnote berücksichtigt. Wir befürchten daher, dass sich die EU-Strategie negativ auf das Erscheinungsbild von Baudenkmalen und insbesondere auf die nicht unter staatlichen Schutz gestellte Bausubstanz auswirken dürfte, die aufgrund ihres historischen, ortsbildprägenden und/oder regionaltypischen Charakters außerordentlich wertvoll ist. Gerade auch diese Bauten würden umfassenden Regelungen zur Energieeffizienz und den daraus resultierenden Förderanreizen ausgesetzt sein. Die IgB befürwortet die im EU-Papier formulierte Idee eines europäischen Bauhauses, wenn damit ein neuer kultureller Ansatz und gesellschaftlicher Diskurs zum Bauen und nachhaltigen Design einhergeht. Wir halten es außerdem für notwendig, dass die Ausbildung von Baufachleuten obligatorisch den Bereich "Bauen im Bestand" abdeckt, sowohl in der akademischen als auch in der handwerklichen Lehre, inklusive der ökologischen Baustoffkunde.

Wenn denkmalfachlichen und bauhistorischen Aspekten keine wesentliche Bedeutung eingeräumt wird, ist ein Verlust jahrhundertealter, individueller Ortsbilder zu befürchten. Gewachsene, bewahrte Strukturen sind für die IgB eine wesentliche Voraussetzung für Lebensqualität – auf dem Land und in der Stadt. Zu einer modernen und zukunftsfähigen Ortsentwicklung gehört für uns unbedingt auch die Bewahrung der spezifischen Eigenarten des Baubestands. Die intensive Beschäftigung mit historischen Gebäuden und ihrem baulichen Charakter könnte sogar wichtige Erkenntnisse für klimaangepasste und nachhaltige Bauweisen bringen. Diese sollten dazu genutzt werden, um ökologisch und bauphysikalisch verträgliche Energiesparmaßnahmen für Bestandsgebäude zu entwickeln.

Zum Schutz des baukulturellen Erbes ist es aus unserer Sicht zwingend notwendig, dass sich die zuständigen Stellen aller Ebenen von der EU bis in die Kommunen dafür einsetzen, dass die genannten Aspekte entsprechend berücksichtigt und die Schwerpunkte insoweit erweitert werden.

IgB-Vorstand & Geschäftsführung, Februar 2021

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Und hier unterstützt der Schwäbische Heimatbund den Appell der Landesdenkmalpfleger.