Stellungnahme vom 20.10.2004

Bezirksregierung Braunschweig

Dezernatsleiter 01

Zum Artikel "Ja, wo ist es denn hin, das (Rat)Haus?? - und wo bleibt die wirklich verantwortungsvolle Denkmalpflege?"

Der Holznagel 4/2004

Hier ist sie, die verantwortungsvolle Denkmalpflege!

Obere Denkmalschutzbehörde nimmt Stellung zu den Vorwürfen in
Der Holznagel 4/2004
von Jens-Thilo Schulze, Pressesprecher der Bezirksregierung Braunschweig
Die Sanierung und denkmalgerechte Erhaltung des Uslarer Rathauses stellt in der Tat eine herausfordernde und komplexe Aufgabe dar. Umso wichtiger muss es daher sein, sich vor dem Verfassen eines Artikels über das Projekt umfassend zu informieren. Da die Autorin des Artikels "Ja, wo ist es denn hin, das (Rat)haus??" (Der Holznagel 4/2004) selbst einräumt, die Zeit habe für "verlässliche Recherchen" nicht ausgereicht, sind wir als zuständige Obere Denkmalschutzbehörde gern bereit, an dieser Stelle etwas zur sachlichen Einordnung des Projektes beizutragen.
Vielleicht sollte man vorausschicken, dass das Rathaus Uslar, das in seinen ältesten Teilen mehr als 500 Jahre alt ist, 1998 schlicht und einfach eingestürzt wäre, hätte nicht ein Statiker die Überlastung und Schwächung der Konstruktion erkannt und Alarm geschlagen. Das Bauamt hat daraufhin eilig Stützpfeiler anbringen und das Gebäude räumen lassen - offenbar keinen Tag zu früh, denn das Rathaus sackte kurz darauf ab, zum Glück für alle Beteiligten auf die angebrachten Notstützen. Insofern fehlt uns jedes Verständnis für die Aussage der Autorin, dass "ein Gebäude, das seit 1476 ohne Stahlskelett ausgekommen ist, dies auch weiterhin darf". Auf den Vorfall folgten eine Bauschadensanamnese des damaligen einsehbaren Bestandes, eine bauhistorische Untersuchung mit begleitender restauratorischer Befundermittlung, später auch bauarchäologische Sondagen und Dokumentationen. Darauf aufbauend wurden die neuen Nutzungsabsichten planerisch entwickelt und das hierfür erforderliche statische Sanierungskonzept erarbeitet. Allgemeiner Konsens war dabei, die Rathaushalle von 1476, welche sich auch bei dem maßgeblichen Neu- und Erweiterungsbau von 1667/1674 erhalten hatte, zurück zu gewinnen.
Im übrigen sollte der vorgefundene substanzielle Bestand der letzten maßgebliche Umbauphase im 18. Jahrhundert der den Denkmalwert und die Gesamtplanung bestimmende sein. Diese sieht vor, die Tourist-Information, das Standesamt, multifunktional nutzbare kleinere Säle und die Halle als einen größeren Versammlungsraum neu zu schaffen.
Die Beschäftigung mit dem statisch-konstruktiven Ist-Zustand und dem beabsichtigten Sanierungskonzept zeigte, dass das Rathaus tatsächlich "in die Knie gegangen" ist.
Offensichtlich fehlte von Anfang an eine ausreichende Aussteifung, die der großen Halle, dem schweren Glockenturm und den Sollingplatten auf dem Dach angemessen Rechnung getragen hätte. Bereits älteste Fotos zeigen die starken Verformungen in alle Richtungen.
Diese Gesamtanalyse bedingte das Erfordernis umfangreicher statischer Verstärkungen. Um die historische Bausubstanz als Ganzes zu erhalten, war der Einsatz von Stahl zur Verstärkung der Konstruktion unabwendbar. Wo immer es möglich ist, wird die originale Bausubstanz erhalten und dabei gleichzeitig von pflanzlichem und tierischen Befall befreit. An vielen Stellen konnte durch den Einsatz von Holzdollen auf Metallbauteile verzichtet werden.
Der hinter dem Rathaus entstehende Neubau ist ein Glücksfall für die Bausubstanz des historischen Gebäudes. Er entlastet das alte Rathaus von den Erfordernissen des modernen Baurechts: Toilettenanlagen, Heizungsräume, Stuhllager. Zahlreiche Leitungsrohre können zudem im historischen Rathaus entfallen, Entkernungen für Treppenhäuser und Fahrstühle sind nicht notwendig. Mehr noch: Das Gebäude wird um einen weiteren, historisch belegten Saal bereichert. Im übrigen standen dort, wo nun der Neubau errichtet wird, bis etwa 1960 Mühlengebäude. Das letzte war ein großer, lang gestreckter, roter Backsteinbau. Der Standort war somit auch aus siedlungsgeschichtlichen Gründen unproblematisch.
Was noch bleibt, sind einzelne Behauptungen der Autorin des Artikels in Der Holznagel 4/2004, die, wie sie selbst zugestand, nur auf persönlichen Eindrücken beruhen. Hier also die sachliche Erläuterung:

  • "Kunst am Bau. War Christo da und verhüllte das Rathaus?":
    Es ist grundsätzlich eine sinnvolle Entscheidung, ein Gebäude komplett einzuhausen, wenn eine umfangreiche Sanierung ansteht, bei der auch die Dacheindeckung abgenommen wird, die Wände offen stehen und im Inneren für Feuchteschäden anfällige Materialien wie Lehm verbaut sind. Dies verhindert auch die Ausbreitung von Staub, wie er z.B. beim Einsatz des so genannten Rotec- Verfahrens zur Abnahme alter Farbschichten in großem Umfang anfällt. Die Einhausung geschah also nicht zuletzt zum Wohle der Bevölkerung und vor allem der Passanten.
  • "Höchstens 30 Prozent der historischen Bausubstanz blieb meiner Einschätzung nach erhalten":
    Für die aus statischen Gründen zwingend notwendigen Arbeiten am Holzgefüge mussten sowohl Deckenfelder als auch Ausfachungen entfernt werden. Die Wellerhölzer für die Decken wurden sorgfältig ausgebaut und - sofern kein Schädigungen erkennbar waren - zum Wiedereinbau zwischengelagert. Dies war unproblematisch möglich, da sie nur auflagen und nicht in die Balken eingenutet waren. Auf zirka einem Drittel der Grundfläche werden diese und um neue ergänzte wieder eingebaut. Im übrigen Bereich hat man sich auch aus Kostengründen für einen anderen Deckenaufbau mit Trockenlehmschüttung entscheiden müssen. Für die Fassadengefache wurde zunächst eine detaillierte Dokumentation der dort vorgefundenen Materialien erstellt. Auch hier mussten aus Gründen des handwerklichen Bauablaufes Ausfachungen ausgebaut werden, jedoch nicht alle. Es handelte sich bei zirka 50 Prozent jedoch um neuere der letzten Instandsetzungen, die aus bauphysikalischen Gründen nicht wieder eingebaut werden dürfen. Das vorgefundene historische Ziegelmaterial wurde behutsam ausgebaut und für den Wiedereinbau zwischengelagert. Die Lehmausfachung an der Westseite musste aufgrund umfangreichen Pilzbefalls leider komplett entsorgt werden. Neue Ausfachungen werden mit Lehmsteinen ausgeführt. Auch im Inneren wurden alte Lehmstaken-Ausfachungen weitestgehend erhalten und gesichert. Insofern kann die Obere Denkmalschutzbehörde den Vorwurf, nur 30 Prozent der historischen Bausubstanz bliebe erhalten, nicht nachvollziehen.
  • "Ein potthässlicher riesiger Betonkasten für Aufzug und Klo am Rathaus":
    Die Abbildung der Autorin zeigt den noch nicht fertig gestellten Rohbauzustand des Neubaus, der mehr als ein "Klo" als Nutzung erhält; den Vorteil dieses Neubaus für die zu erhaltende historische Bausubstanz habe ich bereits oben dargelegt. Über die künstlerische Oberflächengestaltung wird in den nächsten Wochen zu diskutieren sein.
  • "Stahl wohin man sieht":
    die unabdingbare Notwendigkeit der statischen Verstärkung des Fachwerkgebäudes habe ich ebenfalls bereits oben erläutert. Auch hierbei wurden vielfältige Alternativen erarbeitet und diskutiert; dies nicht nur mit dem beauftragten Ingenieurbüro, sondern auch unter aktiver örtlicher Beteiligung des Prüfstatikers. Der im Foto abgebildete Metallwinkel an der Schwelle dient der notwendigen Verbindung der vielfach gestückelten Schwellholzteile an den hohen Bruchsteinsockel. Er war diejenige Alternative, die am wenigstens in die Substanz eingreift.
  • "Zimmermanns- und denkmalgerechte Holzreparaturen haben hier anscheinend nicht viel zu suchen":
    Die hierfür verwendeten Abbildungen zeigen zum Teil baulich bedingte Zwischenzustände und noch nicht fertig bearbeitete Details. Diese offensichtlichen Sachverhalte hätten wir der Autorin gern erläutert, wenn Sie sich denn an uns gewandt hätte. Grundsätzlich wurden denkmalgerechte Ausführungen im Sinne einer konstruktiv nachhaltigen Instandsetzung gewählt und diese werden auch realisiert. So wurden vielfältige Verbindungen mit so genannten Holzdollen ausgeführt und hierdurch der Einsatz von Metallbolzen vermindert.
  • "Laut einem Zeitungsartikel [...] werden die Kosten bei etwa 6 Millionen Euro liegen":
    Eventuelle Kostensteigerungen im Rahmen eines solch komplexen Projektes sind sicherlich bedauerlich, haben aber viele Ursachen. Gleich nach Bekanntgabe der Kostenerhöhungen auf einer städtischen Sitzung wurde um Aufklärung und Ursachenaufarbeitung gebeten. Dies erfolgte unter Einschaltung des Staatlichen Baumanagements und war eine aufwändige Aufgabe, die erst vor Kurzem abgeschlossen werden konnte. Es ließen sich weder Hinweise auf unnötige oder fehlerhafte Grundlagenermittlungen feststellen noch waren unbotmäßige Forderungen der Denkmalpflege die Ursache, sondern ein vielschichtiges Gemengelage aus so unterschiedlichen Aspekten und Bereichen wie z. B. Baugrundproblemen durch den benachbarten Mühlbach, Fundament- und Sockelnachsicherungen, Marktpreisanpassungen vor allen beim Stahl, Massenmehrungen durch erst im Bauablauf einsehbare Konstruktionsteile, hinter Brettbohlen und in Konstruktionsknotenpunkten verborgene Holzersatzmassen. In der aktuellen Kostenschätzung liegt die Endsumme von Alt- und Neubau zusammen bei 5,4 Millionen Euro; die vorherige lag bei 4,2 Millionen Euro.
  • "Ist dieses Gebäude noch ein Denkmal?":
    Dies ist angesichts der obigen Ausführungen uneingeschränkt und ohne weiteren Kommentar mit "ja" zu beantworten. Gerne erläutern die Beteiligten auf der Baustelle den Bau- und Entscheidungsablauf.

Der Mittellängsunterzug in der Rathaushalle von 1476: deutlich erkennbar sind die starken Durchbiegungen, die nun durch eine neue Stahlstütze (Rohzustand mit Brandschutzanstrich) abgefangen wird und der lange Riss, der mit Stahlbändern gesichert werden musste

Dort, wo jetzt der Neubau entsteht, standen seit Jahrhunderten Mühlengebäude, zuletzt bis zum Abbruch 1971 ein großer Komplex aus rotem Backstein entlang der gesamten Straßenseite. Das Rathaus war zu zwei Dritteln zugebaut. Der Neubau steht auf Abstand und lässt Durchblicke zu.

Die komplette Einhausung von historischen Gebäuden dient dem Schutz vor eindringendem Regen. Dies ist bei offenen Fassaden und fehlender Dacheindeckung dringend anzuraten. Auch die Handwerker können vor Witterung geschützt besser arbeiten.

Nicht nur an den Außenfassaden wurden historische Materialien erhalten oder zur Wiederverwendung ausgebaut. Auch im Inneren wurden die Zimmererarbeiten behutsam unter Erhalt des Lehmgefachs durchgeführt. Waren Malereireste vorhanden, kam eine zusätzliche Sicherung mit Weichfaserplatten als Schutz gegen Beschädigung.

Der Neubau entlastet das Baudenkmal von umfangreichen Eingriffen und von einer statischen Belastung im Dach für das Stuhllager. Er ist schmaler als die rote Backsteinmühle, schließt die städtebauliche Lücke zur Straße und lässt interessante Durchblicke zum Fachwerk zu.

Da die Aussteifung des Gebäudes auch durch viele Reparaturstellen im Fachwerk mehr als unzulänglich war, mussten vielfältige Maßnahmen getroffen werden, um die Standsicherheit zu gewährleisten. Die Schwellen bestehen aus mehrfach reparierten Teilstücken und sie liegen auf einem hohen Bruchsteinsockel.

Eine kraftschlüssige Verbindung des Fachwerks mit dem Sockel musste hergestellt werden. Die Metallwinkel wurden hierfür als geringster Eingriff bewertet.

Für durch den Bauablauf bedingte Hilfskonstruktionen und Abstützungen wurden selbstverständlich auch sichtbare Metallverbindungen verwendet (siehe Abb. 7), nicht aber bei der tatsächlichen Fachwerkinstandsetzung (siehe Abb. 9 und 10). Hier wurde vorrangig mit Holzdollen und sauberen Holzanschlüssen gearbeitet. Dort, wo sie aus statischen Notwendigkeiten nicht zum Einsatz kommen konnten, wurden die Bolzenverbindungen versenkt eingebaut.

Langsam lässt sich wieder das ursprüngliche und zukünftige Erscheinungsbild erkennen.

Stellungnahme

Diese Stellungnahme haben wir aus folgenden Gründen nicht im Holznagel, sondern hier auf unserer Internetseite veröffentlicht: Die Länge des Beitrags und zahlreiche Fotos hätten im Druck eine unangemessene Kürzung erfordert. Angesichts der Intervalle zwischen den einzelnen Ausgaben des Holznagel (HN) macht es auch wenig Sinn, diese Diskussion dort zu führen. Wir haben uns daher entschlossen, die Stellungnahme der BR statt dessen neben dem ursprünglichen Beitrag im Internet auf den Seiten der IgB zu veröffentlichen. Das erscheint uns ideal, denn so kann hier im Forum zeitnah über beide Beiträge oder auch allgemeiner diskutiert werden. Wir würden uns über eine rege Diskussion zu diesem Thema in unserem Forum unter der Rubrik "Altes Haus - was nun?" sehr freuen. Vielleicht wird ja mehr draus.