Ja, wo ist es denn hin, das (Rat)Haus??

...und wo bleibt die wirklich verantwortungsvolle Denkmalpflege?

Vor einiger Zeit schreckten wir alle auf durch die Berichte von den ungeheuren Schäden an den Denkmalen, die in den letzten Jahrzehnten restauriert worden waren; „moderne“ Baumaterialien und Farben und unsachgemäße Reparaturen schädigten die historische Bausubstanz in alarmierender Weise (der HN berichtete).

Ein solches Beispiel ist das Rathaus in Uslar; Gerhard Sommer schrieb im Holznagel 2/2001 einen Bericht über die Sanierungs-Schäden an diesem Rathaus aus dem Jahre 1476 und lud zu einer Besichtigung ein, an der auch ich als Interessierte teilnahm. Ich war beeindruckt von den vielen noch erhaltenen Details dieses alten Bauwerks, angefangen von Farbbefunden bis hin zu den archäologischen Funden.

Der Untertitel des Berichts von Gerhard Sommer „Beginn einer Sanierung mit hoffentlich gutem Ende“ inspirierte mich vor ein paar Tagen und kurz vor Redaktionsschluß des HN, mit einem Bekannten auf Urlaub in den Solling zu fahren und ihm u.a. dieses Juwel zu präsentieren. Der erste Eindruck: Kunst am Bau. War Christo da und verhüllte das Rathaus? Guter Dinge witzelten wir über diese neue Finanzierungsmöglichkeit für Denkmalsanierung. Während ich dies fotografierte, hörte ich Passanten über ihr Rathaus diskutieren und die magischen Worte „Baustop“ und „nie mehr fertig“. Natürlich wurde ich hellhörig und schnell fiel meine idyllische Vorstellung einer Mustersanierung in sich zusammen.

Ich recherchierte und lugte hinter den Vorhang – real und übertragen. Folgendes erfuhr oder ersah ich:

- höchstens 30 Prozent der historischen Bausubstanz blieb meiner Einschätzung nach erhalten Im Jahre 2001 hieß es, man könne z.B. keinen Fahrstuhl im Gebäude unterbringen, da ein solcher wertvolle Substanz vernichten würde; nun ist das kein Problem mehr: Decken, Wände, Fußböden sind so gut wie nicht mehr vorhanden, freie Sicht aus der unteren Etage ins Dachgebälk. Stattdessen steht aber trotzdem jetzt 

- ein potthäßlicher riesiger Betonkasten für Aufzug und Klo am Rathaus Über Geschmack läßt sich streiten und wir alle haben ja inzwischen zähneknirschend akzeptiert, daß Neues am Denkmal als neu zu erkennen sein muß; ein Passant, mit dem ich redete, meinte, ihm sei jedesmal zum Würgen, käme er an diesem Ding vorbei. Mich ereilten ähnliche Gefühle. Rein subjektiv, natürlich....

- Stahl wohin man sieht

Fachwerkgerüst? Nur noch zur Schau, alles wird gehalten von riesigen Stahlträgern; die Schwellen und Ständer je einzeln angedübelt mit beeindruckenden extra angefertigten Winkeln. Möge diese neuerliche Sanierung nie mehr reparaturbedürftig sein. Mir tut jetzt schon der Zimmermann leid, der mit dieser Stahlkonstruktion im Reparaturfalle kämpfen muß. Ich bleibe einfach nach wie vor bei meiner Überzeugung, daß ein Gebäude, das seit 1476 ohne Stahlskelett ausgekommen ist, dies auch weiterhin darf.

- zimmermanns- und denkmalgerechte Holzreparaturen haben hier anscheinend nicht viel zu suchen So etwas scheint nur für kleine, private Objekte gefordert zu sein; jedes Denkmal in privater Hand würde, wenn beseelt, seinem privaten Besitzer dafür dankbar sein

- laut einem Zeitungsartikel der HNA werden die Kosten bei etwa 6 Millionen Euro liegen 2001, zur Zeit unserer Besichtigung des Rathauses war die Rede von 5 Millionen DM! Seitdem haben sich also die Kosten auf mehr als das doppelte aufgeschwungen, während es mit der Denkmalsubstanz rapide bergab ging, ebenso wie mit am Rathaus arbeitenden Firmen, die im Verlaufe der Arbeiten Pleite machten.

Ich frage mich: ist dieses Gebäude noch ein Denkmal?

Gerüchten zufolge ist mit einer Einstellung der Arbeiten mangels zusätzlicher Geldgeber zu rechnen, das (ehemalige?) Denkmal würde dann nicht nur zur Ruine im Rohbau sondern auch zum Mahnmal. Eine stete, brutale Mahnung an die Denkmalpfleger, daß Denkmalpflege in erster Linie Denkmäler erhalten sollte, nicht sie für Unsummen zerstören.

Wieviele private Denkmaleigentümer hätten mit einem Bruchteil dieses Geldes die Möglichkeit, bedrohte Denkmale zu erhalten!

Denkmalpflege sollte die Maxime beachten und durchsetzen: weniger ist mehr. Das gilt sowohl für die Kosten als auch für Eingriffe in ein Denkmal. Und eine ganz wichtige Aufgabe der Denkmalpflege kann in diesen Zeiten knapper Kassen nur die kompetente Beratung für schonende und kostengünstige Restaurierungen sein. Können es die Denkmalpfleger nicht, so wird es allerhöchste Zeit, es ihnen beizubringen, bevor die Denkmalpflege aufgrund erschreckend vieler solcher ähnlich gelagerter Fälle irreparablen Schaden nimmt!

Denn in den letzten Tagen habe ich mich zum Thema öffentliche Bauten und Denkmalpflege mal in der Region umgehört. Es kocht und brennt an vielen Stellen, sowohl in Niedersachsen als auch in Thüringen!

Die Zeit bis Redaktionsschluß reichte leider nicht aus, verläßliche Recherchen anzustellen. Viele Fragen stellen sich daher, denen in den nächsten Wochen nachgegangen werden muß, zum Beispiel:

Wie konnte es in Uslar zu dieser Denkmalzerstörung und den hohen Kosten kommen, obwohl eine Unzahl an Gutachten, Kostenschätzungen und Schadenskartierungen angefertigt wurden?

Gibt es eine dringend erforderliche Trennung zwischen den Gutachtern, die entsprechende Kostenschätzungen und Schäden an einem Gebäude feststellen und festschreiben und den späteren Auftragnehmern? Denkmale in öffentlicher Hand dürfen keine Selbstbedienungsläden werden!

Achten Geldgeber wie die Deutsche Stiftung darauf, von völlig unabhängiger Seite zu prüfen, wie es um die von ihnen geförderten Bauvorhaben in bezug auf handwerkliche Qualität der Ausführungen und Kostenminimierung bestellt ist? Darauf haben die Spender ihrer Geldmittel sicherlich ein Anrecht!

Viele dieser Fragen werden sich hoffentlich auch politisch Verantwortliche, Geldgeber und sonstige Verantwortliche an dieser Misere stellen. Wenn nicht, wird es sicher die zahlende Öffentlichkeit oder ein Rechnungshof tun.

das Klohäuschen

"denkmalgerechte" Reparatur

Schwellen fliegen gern mal davon

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Stadtsanierung Uslar

Bauvorhaben: Sanierung historisches Rathaus