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Das "Celler Loch"

Foto: Stefan Haar

Heinz Riepshoff

IgB-Landesbeauftragter für Niedersachsen

In Celle gibt es eine jahrzehntelange Tradition, sich bei der Erhaltung von denkmalgeschützten Häusern ausschließlich auf die Vordergiebel zu konzentrieren und dabei das Fachwerk hübsch in die Geschäftsfassade zu integrieren. So wundert es nicht, daß sich das Buch von Hans-Günther Bigalke "Fachwerkhäuser – Verzierungen an niederdeutschen Fachwerkbauten und ihre Entwicklung in Celle" aus dem Jahre 2000, ausschließlich mit den Vordergiebeln beschäftigt.

Das Geheimnis verbirgt sich hinter der verputzten Fassade: der in großen Teilen originale Fachwerkgiebel von 1688.

Ein weniger unrühmliches Schicksal ist dem denkmalgeschützten Haus Neue Straße 35 bebeschieden.

Auch für dieses Gebäude hatten Hausforscher der IgB im Jahre 2001 eine Dokumentation angefertigt. Gott sei Dank hatte der Eigentümer vom "Zapfhahn" mehr Gefühl und Einsehen und ging in seiner Restaurierung auf die Baugeschichte des ganzen Baukörpers ein.

Zwei umfangreich untersuchte Gebäude mit jeweils sensationellen Ergebnissen, Zöllner Straße 20 ein städtisches Nebengebäude von 1511 (d), Neue Straße 35 mit originalen, unverfälschten Farbbefunden von 1576 (i) hinter einer Utlucht. Man mag sich gar nicht vorstellen, was in den vielen nicht untersuchten Baukörpern Celler Häuser in den letzten Jahrzehnten alles verloren gegangen ist.

Die Dramatik wird noch dadurch gesteigert, daß die hübschen Geschäftsgiebel in aller Regel mit Kunststoffarben behandelt wurden, die das Holz der Fachwerkgerüste nicht schützen, sondern mittelfristig eher schädigen. Aus heutiger Sicht haben wir es also nicht nur mit einem Celler Loch zu tun, sondern mit einer Überlebensfrage der renommiertesten Fachwerkstadt in Niedersachsen.

Also noch mal die Frage, wie ist das möglich?

Ausgangslage: Zu Beginn der Bauarbeiten hatte man bereits eine vage Vorstellung von der Bedeutung des Hauses Zöllner Straße 20. In dem Buch "Celler Baudenkmale" aus dem Jahre 2000 von Gernot Fischer ist in dem Kapitel "Entwicklung der Konstruktion" auf Seite 40 zu lesen: "Das Haus Zöllner Straße 20 weist eine Ankerbalkenkonstruktion auf und ist damit möglicherweise das älteste Celler Gebäude." Konsequenterweise hatte die zu Baubeginn noch bestehende Bezirksregierung gegenüber der Stadt Celle auf eine dendrochronologische Untersuchung gedrängt.

Mit der Bitte um schnelle Unterstützung wurde die IgB eingeschaltet. Bereits bei der Kostenfrage für eine solche Untersuchung lehnte die Architektin im Auftrage des Eigentümers jede Beteiligung ab. Man war weder an einer genauen Altersbestimmung noch an Aufmaßen oder an einer Dokumentation interessiert. Statt dessen war in einer Baugenehmigung, der hinter dem verschalten Vordergiebel zu vermutende ältere Fachwerkgiebel, zur Disposition gestellt worden. Insgesamt waren die Hausforscher der IgB in unterschiedlicher Zusammensetzung an vier verschiedenen Wochenende in dem Gebäude tätig, wobei die relevante Bausubstanz unter unseren Augen, als auch natürlich unter den Augen der Denkmalpflege, von mal zu mal weniger wurde. Zuerst fehlten die mittelalterlichen Verstrebungen, dann die ganz ungewöhnlichen Staken, die als ganz seltenes Beispiel fast einmalig senkrecht von den Rähmen aufgenagelt über die innenbündigen Riegel nach unter verliefen. Beim nächsten Mal war das Gebäude völlig entkernt und schlußendlich, am Sonntag dem 3. April war das Gebäude so gut wie weg. Freitagnachmittag und Samstag, ein Schelm der sich bei diesem Zeitpunkt etwas denkt, war der Dachstuhl und das Giebeldreieck entfernt worden, und von dem Gebäude von 1511/28 (d) standen gerade noch 4 Ständer.

Artikel aus der Tagespresse 17.05.2005

Die Sparren waren zum Teil zersägt und mit Riegeln, Ständern und gebrochenen Rähmen auf einem großen Haufen im Hinterhof abgelegt. Jetzt wurde die Stadt richtig böse. In einer Verfügung wurde das abgebrochene Fachwerk beschlagnahmt und ein Wiederaufbau verfügt. Das sollte zunächst mit einem Gutachter und mit einem Zimmermann nach Wahl der Stadt durchgesetzt werden.

Spätmittelalterliche Gefügekonstruktion: mit angeblattetem Kopfband und durchgezapftem Deckenbalken mit Zapfenschloß.

Im Fachwerk zurückspringender Riegel, an dem von außen die langen Lehmstaken angenagelt waren.

Fotos: Bernd Kunze

Die von innen aufgeblattete Längsstrebe und das letzte, verkürzte Fach der linken Traufwand, noch mit Lehmstaken.

Foto: B. Kunze

Wie groß die Gefahr ist, daß zur Vermeidung von öffentlichem Wirbel in Celle und um dem Eigentümer die erhöhten Abschreibungsmöglichkeiten zu erhalten, gewissermaßen ein Baudenkmal neu entsteht, weiß ich nicht. Eines weiß ich aber mit Sicherheit, in der Niedersächsischen Denkmalpflege scheint einigesfaul zu sein. Nach dem Willen unserer Landespolitiker tragen die unteren Denkmalschutzbehörden die ganze Verantwortung über unsere Baudenkmale, egal wie groß die Kompetenzen der Behördenvertreter sind oder sie von lokalen Größen beeinflußt werden, gleichzeitig langweilen sich über 100 Fachleute im Landesamt zu Tode oder sind frustriert, weil sie nur nach Bedarf, oder "wenn es nicht weh tut", gerufen werden.

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