Celle, Zöllnerstr. 20 - das älteste Haus der Fachwerkstadt?

Ulrich Klages, IgB, AG Hausforschung

Längsschnitt mit Blick (von innen) auf die linke Außenwand Zeichnung: Heinz Riepshoff

Dendrochronologie: Erhard Preßler, Opens external link in new windowhttp://pressler.com.de

Die Fachwerkstadt Celle ist zu Recht berühmt für und stolz auf ihre prächtigen Bürgerhausgiebel des 16. und 17. Jahrhunderts (s. a. H.-J. Bigalke, Fachwerkhäuser - Verzierungen an niederdeutschen Fachwerkbauten und ihre Entwicklung in Celle. Hannover 2000).

Trotz massenhafter innerer Durchbauungen scheint aber eine über das Straßenbild hinausgehende Bauforschung in Celle zu fehlen. Kritisch zu betrachten ist auch die ahistorische Farbgebung, die allerdings mit ihren Goldinschriften schon fast eine eigene Tradition entwickelt zu haben scheint.

Dagegen war das Haus Zöllnerstraße 20 mit seinem verputzten Giebel eine "graue Maus", weshalb wohl auch seitens der Denkmalpflege einer Neugestaltung wenig entgegenstand.

Allerdings hatte Gernot Fischer vom Landesamt für Denkmalpflege in dem Kurzführer "Celler Baudenkmäler" 2000 konstatiert (Zit. S. 40): "Das Haus Zöllnerstr. 20 weist eine Ankerbalkenkonstruktion auf und ist damit möglicherweise das älteste Celler Gebäude."

Während des bereits laufenden, umfangreich geplanten Umbaus bat die zuständige Denkmalpflegerin die Hausforscher der IgB um eine bauhistorische Beurteilung und Beratung.

In mehreren "Noteinsätzen" konnten an dem bereits weitgehend "entkernten" Hausgerüst wichtige Befunde, besonders auch für die Bau- und Siedlungsforschung Celles, erhoben und in einem Gutachten dargelegt werden. (Stefan Haar, Ulrich Klages, Bernd Kunze, Heinz Riepshoff, Hans-Joachim Turner).

Neben historistisch geprägten Überformungen und Umbauten um und nach 1900 ließen sich dendrochronologisch (E. Preßler, Gersten) drei ältere Bauphasen jahrgenau festlegen.

Der stöckig abgezimmerte, im oberen Bereich unter dem jüngeren Außenputz erhalten gebliebene Straßengiebel war 1688(d) einem älteren Gerüst vorgesetzt worden, unter Ausbildung einer unterkellerten Giebelstube, eines ausgebauten Obergeschosses und einer Aufzugluke zum Dachboden.

Damit hatte das Gebäude den Charakter und Nutzwert eines für die dichte Bebauung Celles charakteristischen Handwerkerhauses gewonnen.

Im hinteren Dielen- bzw. Wirtschaftsbereich war ein Wandständergerüst erhalten geblieben, das deutlich spätmittelalterliche Züge aufwies. Es handelte sich um sieben Gebinde, bestehend aus 5,40 m langen Wandständern, die von je zwei überwiegend durchgezapften Ankerbalken und schlichten, geblatteten Kopfbändern zusammengehalten wurden. Der Längsverband bestand aus zwei (vorn auch drei) verzapften Riegeln, dem aufgezapften Hochrähm und einzelnen, innen angeblatteten, über ein bzw. zwei Fache reichenden Ständer-Rähm-Streben. Die Höhe des UG betrug knapp drei Meter, die des OG zwei Meter, der Drempel des Daches 30 cm.

Die Sparren standen im ungebundenen System auf den Rähmen, sie waren durch je einen niedrig sitzenden, angeblatteten Kehlbalken ausgesteift, ehemalige Windrispen waren entfernt worden. Die Wandständer und die hinteren Giebelbalken waren vollstämmige, z.T. auch außen waldkantige Eichen, die Rähme und Streben dünne Eichenhalbhölzer. Die übrigen Bauhölzer (Innenbalken, Kopfbänder, Sparren, Kehlbalken) bestanden aus relativ schwachem, waldwüchsigem Nadelholz (dendrochronologisch nicht datierbar). Auf den ersten Blick wirkte das Altgerüst einheitlich, sodaß die orientierenden Dendrodaten zunächst zu der Vermutung einer umfangreichen Zweitverwendung führten. Eine Nachuntersuchung (insgesamt 10 Eichenproben) ergab aber zwei Baukomplexe, nämlich die Fälldaten 1526 bzw. 1527 HW für die drei vorderen Altgebinde und 1511 HW für die vier hinteren Joche. Gefügebrüche und gewisse Unterschiede der Abzimmerung ließen erkennen, daß es sich um eine Verlängerung nach 16 Jahren gehandelt hatte. Fragen nach der ursprünglichen Größe, Giebelgestaltung und Funktion des Kerngerüstes waren leider nicht zuverlässig zu beantworten. Auf Grund fehlender innerer Wandanschlüsse und einer nur geringen Rauchimprägnierung des Obergeschosses und des Dachraumes vermuten die Untersucher eine ursprüngliche Nutzung nicht zu Wohn-, sondern zu Lagerzwecken. Es könnte sich um die frühe Überbauung der seitlichen Hofzufahrt einer der beiden (noch heute größeren) Nachbarparzellen gehandelt haben. Entsprechende archivalische Quellen scheinen für das Grundstück, wie für Celle überhaupt, bisher nicht vorzuliegen; die Befunde am Haus Zöllnerstraße 20 mögen diesbezügliche Forschungen anregen.

Auf eine Besonderheit des Gerüstes von 1511(d) sei noch hingewiesen. Die innen vorgeblatteten Traufwandstreben wurden bereits erwähnt; darüberhinaus waren auch die ursprünglichen Wandriegel nicht außenbündig verzimmert worden, sondern sprangen um ca. 5 cm zurück. Dafür kragte das Rähm in diesem Bereich etwas vor und wies in der Flucht der Ständeraußenkante eine recht breite Keilnute auf. Zwar waren originale Wandfüllungen bei der Untersuchung nicht mehr vorhanden (vielfach schon durch eine ältere Backsteinausmauerung mit eingesetzten Zwischenriegeln ersetzt, z. T. aber erst bei der jetzigen Entkernung herausgeschlagen), doch läßt sich zweifelsfrei eine außenbündige, wandhohe Lehmstakenbauweise der Traufseiten rekonstruieren, bei der höchstens die Wandständer sichtbar blieben, möglicherweise aber auch diese mit einer Lehmschicht überzogen worden waren. Ähnliche Befunde in westfälischen Städten (vgl. Fred Kaspar, in: Beiträge zum städtischen Bauen und Wohnen in Nordwestdeutschland, Münster 1988) erlauben die Annahme, daß es sich um eine Brandschutzmaßnahme bei städtisch-dichter Bebauung handelte. Obgleich es in Celle noch einzelne, etwas ältere Bürgerhäuser gibt, scheint diese Bauweise sonst noch nicht zur Beobachtung gekommen zu sein - ein Grund mehr, hier endlich mit der Bauforschung zu beginnen!

Teil-Innenaufmaß der rechten Außenwand (von innen), mit ursprünglicher Position des Hintergiebels und mutmaßlicher Rauchhaube (angedeutet). Zeichnung: Ulrich Klages

Rekonstruktion des Fachwerkgiebels aus der dritten Bauphase 1688.

Zeichnung: Stefan Haar

Die unscheinbare Fassade vor dem sensationellen Hinterhaus. Welche hauskundlichen Schätze sich noch hinter den bunten Celler Fachwerkfassaden verbergen – niemand weiß das …

Foto: Bernd Kunze

Für die Bebauungsgeschichte des Grundstücks Zöllnerstraße 20 lassen die Befunde den Schluß zu, daß 1511 (d) ein relativ kurzes Wirtschafts- bzw. Durchfahrtsgebäude zwischen zwei schon stehende Häuser eingefügt und wegen der geringen Abstände mit dem traufseitigen Brandschutz versehen wurde.Schon die erste Verlängerung von 1527 (d) hat diesen Wandaufbau nicht mehr erhalten. Hatten sich die städtischen Vorschriften geändert, hatte man die Strohdächer inzwischen durch Pfannendächer ersetzt?

(Leider mußte dieser Bericht in der Vergangenheitsform erstellt werden, da das gesamte Gebäude, inzwischen trotz seines erkannten baugeschichtlichen Wertes und entgegen den Absprachen mit der behördlichen Denkmalpflege, abgerissen wurde.)