Bestandserhaltung ist Klimaschutz

Die IgB steht seit ihrer Gründung für die Nutzung und Umnutzung von ländlicher Architektur, ein ressourcenschonendes Bauen und das Bewahren mit natürlichen Materialien, auch durch die Anwendung tradierter Handwerkstechniken. IgB-ler sind Pioniere, was diesen Umgang mit Altbauten angeht. Über Jahrzehnte ist im Verein ein wertvoller Erfahrungsschatz in Theorie und Praxis gewachsen. Die Bestandserhaltung ist für uns ein wesentlicher Beitrag zum Klimaschutz. Als Verein wollen wir dieses Ziel jetzt stärker in eine gesamtgesellschaftliche Diskussion einbinden und zu seiner Umsetzung mit weiteren Aktivitäten beitragen. Dazu haben wir Forderungen für den Bereich Bauwesen formuliert.

Grundsätzliches vorab

Der Gebäudebestand in der BRD ist für die derzeitige Bevölkerungs­zahl von 83,2 Mio ausreichend groß bemessen; jedes Jahr steigen die m² der Wohnfläche pro Person in Deutschland an, zuletzt auf knapp 47m². Die Verteilung des Gebäudebe­standes in Bezug auf Arbeitsplätze und Verdienstmöglichkeiten ist allerdings vielerorts unausgeglichen und führt ei­nerseits zur Entleerung peripherer ländlicher Räume, andererseits zu einem extremen Verwertungsdruck im Einzugsbereich expan­dierender Ballungsräume.

Der Bausektor gehört weltweit zu den energie- und ressourcenintensivsten Branchen. Allein die Zementindustrie ist für acht Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Verbunden damit nehmen Bodenversiege­lung und Verlust an freier Landschaft zu, was negative Folgen hat für Artenvielfalt und Aufheizung des Mikroklimas, ökologische Landwirtschaft, den Wasser­haushalt und damit auch die Lebensqualität.

Was fordern wir?

1. Siedlungspolitik

Arbeit und Wohnen sollten wieder gemischt gedacht und geplant werden, um unnötige Wege vermeiden zu helfen. Das spart Zeit und Energie.

2. Umbau statt Zuwachs – Bauen im Bestand

Vermeidung von Flächenfraß und Vorrang für den ökologischen Umbau vorhandener Sied­lungs-, Gewerbe- und Verkehrsflächen: Die Neuausweisung von Bauflächen sollte radi­kal beschränkt, der Erhalt traditioneller Baukultur bzw. die maßvolle Umgestaltung bereits vorhande­ner Gebäude massiv gefördert werden.

3. Bauvorschriften

Wir fordern, bei der Gesetzgebung ökologischen Aspekten wie Umweltrelevanz und Nachhal­tigkeit Vorrang einzuräumen. Diese Forderung bezieht sich auch auf das Steuer- und Abgabenwesen.

Was bedeutet dies für das Bauwesen?

1. Um- und Neunutzung vor Abbruch und Neubau

Die Mehrzahl der vorhandenen Gebäude in Deutschland ist solide und mit natürli­chen, umweltverträglichen und wiederverwendbaren Materialien errichtet worden. Über Jahrhunderte war es gang und gäbe, dass nachfolgende Generationen bestehende Gebäude ihren Bedürfnissen angepasst haben. Durch die Verschiebung zwi­schen Material- und Lohnkosten herrscht heute die Devise: Altes muss weg, weil Neubauten „wirtschaftlicher“ sind. In diese Bewertung fließen aber nur mo­netäre, keine ökologischen oder kulturellen Krite­rien ein.

Da Abriss und Entsorgung eines Altbaus Kosten verursachen, werden Neu­bauten meist in großzügig zur Verfügung gestellten Neubaugebieten errichtet – bei gleichzeitigem Leerstand in den historisch gewachsenen Ortskernen. Mit Zentren ohne ortstypische, alte Bausubstanz verlieren Dörfer und Städ­te langfristig ihr Gesicht und damit an Attraktivität.

2. Wie lässt sich hier eine Trendwende erreichen?

  • Dem Prinzip Umbau statt Zuwachs durch Gesetzgebung wirksam Vor­rang ver­schaffen.

  • Gebäude ganzheitlich betrachten und in den gesetzlichen Regularien eine Gesamtenergiebilanz berücksichtigen, also nicht mehr nur den reinen Ener­gieverbrauch in der Nutzungsphase. Maßstab ist der Energieeinsatz ab Herstellung aller Baustoffe und Bestandteile sowie die Betriebsenergie über den gesamten Lebenszyklus (inkl. Energieeinsatz bei Abriss und Entsorgung). Historische Bauten mit ihrer lang andauernden Existenz und den meist lokal gewonnenen, natürlichen Baustoffen müssen eine Neubewertung erfahren – Stichwort „Graue Energie“.

  • Gleiches gilt für den Aspekt Ressourcenverbrauch und Recycling:

    Bereits bei Materialgewinnung, Herstellung und Verarbeitung von Baustof­fen neben energetischen auch weitere ökologische Aspekte in den Fokus rücken und in die Gesamtbewertung verbindlich einbeziehen – insbe­sondere:

    - Eingriff in den Naturhaushalt
    - Langlebigkeit
    - gesundheitliche Unbedenklichkeit
    - Fehlertoleranz
    - Reparatur- und Rückbaufreundlichkeit
    - Wiederverwendbarkeit

Wenn ein Gebäude abgebrochen wird, gilt es Anstrengungen für die Wiederverwendung der dort verbau­ten Materialien zu unternehmen; derzeit produziert der Bausektor 60 % aller Abfälle.

  • Intelligentes Bauen: Damit Gebäude möglichst lange und in gu­ter Qualität genutzt werden können, bedarf es intelligenter Gebäudeplanung, die die bestehende Bausubstanz nicht schädigt. Die intensive Beschäftigung mit historischen Gebäuden bringt wichtige Erkenntnisse für klimaangepasste und nachhal­tige Bauweisen. Diese sollten genutzt werden, um ökologisch und bauphysikalisch verträgliche Energiesparmaßnahmen für Be­standsgebäude zu entwickeln .

3. Reform der Ausbildung von Architekten, Planern und Ingenieuren

Die Ausbildung von Baufachleuten sollte obligatorisch den Bereich "Bauen im Bestand" beinhalten, sowohl in der akademischen als auch der handwerklichen Lehre, inklusive der ökologischen Baustoffkunde.

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