Das Umgebindehaus: Bauernhaus des Jahres 2020

Die sächsische Oberlausitz besitzt eine einmalige Architekturlandschaft: Über etwa 50 Kilometer konzentriert sich in den Dörfern südlich von Bautzen bis in die Region rund um Löbau und Zittau eine beispiellose Zahl an Umgebindehäusern. Manche Ortskerne besitzen fast 300 dieser regionaltypischen Bauten, andere sogar noch mehr. Und ihre Vielfalt ist unermesslich. Kein Haus gleicht dem anderen.

Das Umgebindehaus vereint unter seinem Dach bis zu drei verschiedene, sonst separat auftretende Bauweisen. Sie verleihen ihm seinen ästhetischen Reiz und machen es konstruktiv einzigartig. Jedes Umgebindehaus verfügt an einer der beiden Giebelseiten über eine in Blockbauweise errichtete, beheizbare Stube, traditionell der Arbeits- und Wohnbereich. Ihr steht meistens – getrennt durch einen Flur – an der anderen Giebelseite ein in Massivbauweise ausgeführter Teil mit Stallungen bzw. Lager gegenüber. Das Dach kann entweder diesem Erdgeschoss direkt oder aber auf ein in Fachwerk ausgeführtes Obergeschoss aufgesetzt sein. Fachwerkobergeschoss oder Dach ruhen auf einer rundbogenartigen Stützenkonstruktion: das sogenannte Umgebinde, dem der Gebäudetyp seinen Namen verdankt. Das Umgebinde steht in einem geringen Abstand vor der Blockstube, die als eigenständig eingestellte „Holzkiste“ nicht mit den übrigen Hausteilen verbunden ist.

Nirgendwo sonst haben sich so viele Umgebindehäuser erhalten wie in der Oberlausitz, was jedoch nicht bedeutet, dass sie in dieser Region auch entstanden sind. Umgebindebauten findet man man in diesem Dreiländereck genauso auf der tschechischen (Böhmen) und polnischen Seite (Schlesien). Auch in Bayern und im weiteren Alpenraum gibt es verwandte Architekturen. Das Rätsel ihrer Herkunft ist bis heute nicht gelöst. Es existieren keine Quellen, die Aufschluss darüber geben könnten. Zu vermuten ist, dass der Ursprung der Umgebindehäuser bis ins Mittelalter zurückreicht. Die frühesten datierten Bauteile von Umgebindehäusern in der Oberlausitz stammen aus dem 16. Jahrhundert. Im 18. und 19. Jahrhundert erlebten sie ihre Blütezeit. Umgebindehäuser entstanden vornehmlich aus Fichte und Kiefer und man verwendete Granit, Basalt oder Sandstein. Schiefer kam aus Thüringen, Böhmen und manchmal sogar aus England – als Ballast auf den Schiffen, die zuvor Weberwaren übers Meer brachten. In der Oberlausitz prosperierten die Tuchwebereien. Umgebindehäuser entstanden, je nach Bauherr, zum Beispiel als repräsentative Faktorenhäuser, bei denen das Obergeschoss auch zu Wohnzwecken genutzt wurde, als kleine Weberhäuser oder Bauernhäuser.

Über 6.000 Umgebindehäuser wurden in den 1990er-Jahren in Sachsen als Kulturdenkmale erfasst, davon befinden sich rund 4.700 im Landkreis Löbau-Zittau. Sie machen wohl 90% des damals angetroffenen Gesamtbestandes aus. Die sächsische Oberlausitz ist seit 2003 Teil des Umgebindelandes, ein Zusammenschluss von deutscher, polnischer und tschechischer Seite, der Projekte und Initiativen zur Erhaltung von Umgebindehäusern im Dreiländereck organisiert und durchführt. Baukultur kennt keine Grenzen.

Die Interessengemeinschaft Bauernhaus ernennt 2020 das Umgebindehaus zum Bauernhaus des Jahres, weil wir den kulturhistorischen Wert und die Schutzbedürftigkeit dieses Kulturerbes über Sachsen hinaus in das Bewusstsein der Öffentlichkeit bringen wollen. In den letzten 100 Jahren ging die Zahl der Umgebindehäuser in der Oberlausitz dramatisch zurück – Abbrüche, Umbauten und der Braunkohletagebau rissen Lücken in den historischen Bestand. Umso mehr gilt es, die noch erhaltenen Exemplare zu bewahren und zu pflegen. Denn die Auswirkungen des wirtschaftlichen und demografischen Wandels, von denen die Oberlausitz betroffen ist, sind auch für den Bestand der Umgebindehäuser spürbar.

Gemeinsam mit der Stiftung Umgebindehaus wird die Interessengemeinschaft Bauernhaus im nächsten Jahr das Umgebindehaus würdigen. Zusammen wollen wir für die Bewahrung dieses regionalen Haustyps werben und viele Menschen für ihn begeistern. Die IgB freut sich über die Zusammenarbeit mit der Stiftung Umgebindehaus für die regionale Baukultur und die Kulturlandschaft. Dank des großen Engagements der Stiftung konnte eine immense Zahl an Umgebindehäusern schon gerettet werden, aber es warten immer noch rund 40% der Gebäude auf Instandsetzung. Als eine Art Hilfe zur Selbsthilfe berät die Stiftung seit 15 Jahren über Fördermöglichkeiten und gibt Praxistipps rund um die Sanierung, wobei sie besonders gelungene Projekte mit dem Umgebindehauspreis auszeichnet. Und nicht zuletzt mit dem Tag des offenen Umgebindehauses hat sie es außerdem geschafft, Architekturliebhaber aus der ganzen Welt für ihr regionales Kulturerbe zu gewinnen.

Die feierliche Proklamation zum Bauernhaus des Jahres findet am 3. Mai ab 11 Uhr im Naturparkhaus in Waltersdorf statt. Die Festrede hält Wolfram Günther, Sachsens stellvertretender Ministerpräsident.

Weitere Informationen folgen.

(c) Arnd Matthes, Stiftung Umgebindehaus
(c) Arnd Matthes, Stiftung Umgebindehaus