Das Jurahaus: Bauernhaus des Jahres 2019

In der bayerischen Altmühlregion gab es bis vor wenigen Jahrzehnten Dörfer ganz aus Stein. Seit dem Mittelalter schufen die Menschen hier Gebäude aus dem Jurakalk – ein Material, das sie im Überfluss besaßen. Herausgebildet hat sich auf diese Weise eine weltweit einzigartige wie reizvolle Hauslandschaft, die heute in ihrem Bestand bedroht ist.

Das Aussehen der Ortschaften in dem großen Radius von Treuchtlingen bis Kelheim war Jahrhundertelang von den aus Jurakalk gebauten Jurahäusern bestimmt. 2019 ernennt unser Verein das Jurahaus zum Bauernhaus des Jahres, um die Schönheit und die Schutzbedürftigkeit dieses bayerischen Kulturerbes in das Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit zu bringen.

Jurahäuser sind wuchtige Architekturen, die nur wenige und noch dazu relativ kleine Fensteröffnungen besitzen. Sie sind so einfach, klar und schnörkellos wie die karge Landschaft, in der sie stehen. Was diesen Haustyp so besonders macht: sein Steindach. Charakteristisch für das Jurahaus ist sein flach geneigtes und aus mehreren Schichten dünner Kalkplatten, dem sogenannten Legschiefer, gedecktes weißgraues Dach. Weder gehängt noch genagelt, halten die Platten, die teilweise zehn Schichten bilden, durch ihr eigenes Gewicht. Allerdings darf die Dachneigung 30 Grad nicht überschreiten, sonst fangen die Platten an hinunterzurutschen. Die tonnenschwere Steinlast des Daches ist der Grund für die breitgelagerte Bauweise der Jurahäuser. Und wenn diese eine Fachwerkkonstruktion besitzen – viele von ihnen sind jedoch reine Steinbauten – dann kommen dafür nur massive Balken aus Fichte oder Eiche zum Einsatz.

In der Altmühlregion haben sich heute vermutlich rund 3.000 Jurahäuser erhalten. Maximal ein Viertel von ihnen steht unter Denkmalschutz. Viele sind jedoch dem Verfall preisgegeben. Keine Hauslandschaft der Alpenregion wurde so ausgelöscht wie die der Jurahäuser rund um Eichstätt. Noch in den 1950er und 1960er Jahren gab es ganze Dörfer aus Jurastein, dann begann ihr Abbruch. Oftmals war man sich des kulturhistorischen Werts der Gebäude nicht bewusst, oder es fehlten die Ideen für eine attraktive Nutzung oder Umnutzung.

Gemeinsam mit dem Eichstätter Jurahausverein will die Interessengemeinschaft Bauernhaus in diesem Jahr für das Jurahaus werben. Wir freuen uns über diese Zusammenarbeit für die regionale Baukultur und die Kulturlandschaft. Außerdem feiert 2019 die Jurahausforschung ihr 100. Jubiläum. Ein weiterer Grund, das Jurahaus als Bauernhaus des Jahres zu würdigen, verbunden mit dem Appell für mehr Rücksicht und Sensibilität im Umgang mit der historischen Bausubstanz. Als sich 1919 Heinrich Ullmann erstmals mit dem Jurahaus wissenschaftlich auseinandersetzte, warnte er bereits vor der Zerstörung dieser regionaltypischen Architektur. Was damals schon erkannt wurde, hat bis heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Dank des Jurahausvereins und seines Engagements haben die Häuser eine starke Lobby gefunden. Diese Arbeit findet ihre Anerkennung, indem die Erhaltung der Jurahäuser in die bayerische Liste des Immateriellen Kulturerbes, Kategorie „Gute Praxis“ aufgenommen und zur Aufnahme in die Bundesliste weitergeleitet wurde.

Ein Bauernhaus des Jahres wird die IgB von nun an Jahr für Jahr ernennen, um auf die vielfältigen wie reizvollen Hauslandschafen in Deutschland aufmerksam zu machen. Mit der Aktion Bauernhaus des Jahres wollen wir der regionalen Baukultur eine Stimme geben und dazu beitragen, dass immer mehr Menschen die Schönheit und Unverwechselbarkeit dieses kulturellen Erbes erkennen. Für uns ist dies ein erster, wichtiger Schritt dafür, dass sich ein breites Interesse und Engagement für die Bewahrung der jahrhundertealten Baukultur und ihrer gewachsenen Umgebung entwickelt. Und wir hoffen, dass sich unserem Verein dadurch mehr Menschen anschließen, damit wir gemeinsam für das baukulturelle Erbe wirken können.

Julia Ricker

Der Jurahausbestand ist heute gefährdet. © Jurahausverein Eichstätt
Kleinbauernhaus © Jurahausverein Eichstätt
Typisches Jurahausdach © Jurahausverein Eichstätt
Jurahaus-Ensemble Obermühle © Anton Brandl, Jurahausverein Eichstätt