27.06.2018

Heimat in Gefahr

Die alte Lohgerberei in Hellenthal soll einem Einzelhandelszentrum weichen

Würden Sie ein Stück Heimat für ein Einzelhandelszentrum aufgeben? Eine Frage, die fast jeder von uns mit NEIN beantwortet. Im Eifelort Hellenthal soll dies geschehen: Einzigartige Geschichte ist in Gefahr!

Die auf das Jahr 1817 zurückgehende alte Lohgerberei soll abgerissen werden. Heute präsentiert sich das Gebäude mit unschönen Eternit-Platten verkleidet, die Fenster sind durch Bretter verdeckt. Der Architekt und IgB-Mitglied Johannes Prickarz entdeckte aber im Rahmen einer Bauuntersuchung, dass sich dahinter eine gut erhaltene Fachwerkkonstruktion verbirgt. Noch dazu hat sich eine Gerberei dieses Alters im gesamten Rheinland nicht erhalten. Das Gebäude in Hellenthal ist das einzige Beispiel und von unschätzbarem Wert. Sie gibt Auskunft über das Gerberhandwerk vor der Industrialisierung.

Bei vielen Hellenthalern, Denkmalpflegern und den Mitgliedern der IgB stößt die Haltung der Gemeinde, die das Gebäude zugunsten eines Einzelhandelszentrums abreißen will, auf Unverständnis. Man will ein jahrhundertealtes Zeugnis der örtlichen Handwerkstradition und die Reste der Auenlandschaft um die Olef für einen Gewerbebereich aufgeben, dessen Lebensdauer vergleichsweise kurz sein wird. Wie der Einzelhandel in Hellenthal diese Ansiedlung verkraftet, sei darüber hinaus dahingestellt. Discounter und Drogeriemarkt würden eine Zerstörung des gesamtes Ortsbildes mit sich bringen. Hellenthal mit seinem in dieser Gegend einzig verbliebenen Ortseingang ohne Gewerbegebiet und das in unmittelbarer Nähe gelegene, malerisches Fachwerkensemble wären beeinträchtigt.

Gerade in Nordrhein-Westfalen ist der scheinbar unbekümmerte Umgang mit heimatlicher Kultur nicht nachzuvollziehen, weil sich das neu gegründete Heimatministerium gerade deren Schutz verschrieben hat.

Für die IgB sind die Planungen in Hellenthal beispielhaft für ein besorgniserregendes Vorgehen zahlreicher Städte und Gemeinden in Deutschland. So hat die IgB schon 2015 in ihrer Zeilitzheimer Erklärung gemahnt, dass historisches Kulturerbe im ganzen Land zu verschwinden droht. Täglich werden alte Häuser abgerissen und das dazugehörige Umfeld bis zur Unkenntlichkeit verändert und umgebaut. An einem einzigen Tag wird zerstört, was Jahrhunderte lang Bestand hatte und damit auch das umfangreiche Wissen über dieses Erbe. Diese Entwicklung will die IgB mit ihrer Arbeit aufhalten und möglichst viele Menschen dazu bringen, sich ihr und ihren Zielen anzuschließen.

Die IgB unterstützt die Hellenthaler, die sich auf Initiative von Dirk Maas zusammengeschlossen haben, um die alte Lohgerberei zu retten. Die Initiative, die im Dorf Unterschriften für die Bewahrung des Denkmals sammelt und gleiches in einem offenen Brief an die Heimatministerin Ina Scharrenbach fordert, plant einen gemeinnützigen Zusammenschluss von Hellenthalern für Hellenthal, die das Ortsbild verbessern und die alte Gerberei nachhaltig und sinnvoll nutzen möchten.

Julia Ricker


Hajo Meiborg, Bundesvorsitzender der IgB und Dr. Julia Ricker, Geschäftsführerin der IgB äußerten sich gegenüber dem Kölner Stadtanzeiger zur alten Gerberei.

Die Idylle trügt: An der Stelle der alten Gerberei in Hellenthal soll ein Einzelhandelszentrum entstehen. Damit würde ein noch von Gewerbegebieten verschonter Ortseingang bebaut. © Julia Ricker

Der Architekt und IgB‘ler Johannes Prickarz erstellte ein Aufmaß von der Fachwerkkonstruktion des Gebäudes. Schon der mächtige Schornstein deutet darauf hin, dass es sich nicht um ein gewöhnliches Wohnhaus handelt. © Johannes Prickarz