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Tag der offenen Höfe und Gärten in Bad Langensalza

Unter dem Motto "herzlich willkommen zu einem Blick in Nachbars Idylle..." öffneten Ende Juni 84 Höfe und Gärten in Bad Langensalza ihre Pforten. Die Stadt „der schönsten Gärten Thüringens“ vertritt Deutschland beim Europawettbewerb „Entente Florale“ um die blühendste Stadt Europas – entsprechend vielversprechend waren die Aus- und Einsichten in das urbane Grün. Sabine Pönicke und ihr Lebensgefährte Jörg Schneemann folgten der Einladung, weil sie als IgB-Mitglieder „immer wieder gerne den Blick in ein offenes Hoftor wagen“. Im folgenden Bericht schildert Sabine Pönicke ihre Erlebnisse.

„Im Gespräch mit der Touristeninformation habe ich erfahren, dass dieser interessante Tag der unermüdlichen Vorbereitung von Dr. Olaf Deja und Anita Ludewig zu verdanken ist. Sie  kennen alle Haus- und Gartenbesitzer persönlich und konnten sie für die Aktion gewinnen. Dafür möchte ich meinen persönlichen Dank voranschicken, weil ich aus eigener Erfahrung ermessen kann, wie viel Einsatz eine solche Vorbereitung bedeutet!

Nun bin ich keine große Gärtnerin, sondern mich interessiert die Gestaltung und Nutzung der einzelnen innerstädtischen Häuser, Höfe, Schuppen, Scheunen, Gärten und was sonst noch als Nebengelass in der mittelalterlichen Stadtanlage erhalten ist.

Entsprechend haben wir die Veranstaltung „umgewidmet“, um einen tieferen Einblick in die Hofanlagen zu bekommen. Ich hoffe, die Veranstalter nehmen es mir nicht krumm; die Hofbesitzer waren jedenfalls einverstanden – ich konnte mit einigen von ihnen interessante Gespräche über die heutige Nutzung und den Sanierungs-  und Instandhaltungsaufwand führen. Leider gibt es nicht so viele passende Fotos aus diesen Höfen, weil Jörg mit dem Fotoapparat andere Eindrücke eingefangen hat.

Travertinabbau direkt an der Stadtgrenze 

Einen dieser idyllischen Innenhöfe werden die Teilnehmenden der IgB – Herbsttagung 2009 sicher erkennen: es ist der Hof von Bauingenieur Thomas Kühmstedt, der uns damals ganz spontan in seinen Hof eingelassen und in den Gewölbekeller aus anstehenden Travertin geführt hat. Auch dieses Mal stand er jedem Besucher in seiner begeisterungsfähigen Art für Auskünfte zur Verfügung. So war zu hören, dass die gesamte Innenstadt vom Muschelkalk und dem vor Ort abgebauten Travertin geprägt ist. Übrigens ist das höchste Travertin-Bauwerk Deutschlands die Marktkirche St. Bonifatius in Bad Langensalza mit ihrem 81 m hohen Glockenturm!

Der Travertinabbau erfolgte direkt an der Stadtgrenze. So ist es nicht verwunderlich, dass die Stadtmauer mit ihren mehr als 30 Wehrtürmen, die Burganlage, die Kirchen, das Kloster und die Bürgerhäuser, Straßen, Wege, Plätze und Gossen alle aus diesem Material bestehen

Ich hoffe, es bedarf keiner städtischen Satzung, um diese gestalterische Tradition fortzusetzen. Wenn aktuell Gebäudeteile abgebrochen werden, sind die Anwohner schnell zur Stelle, um die behauenen Quader zu sichern und für ihre Zwecke wieder zu verwenden.

Schönste Form der Nachnutzung

Dort, wo die Höfe direkt an die Stadtmauer grenzen, befinden sich großzügige, fast schon parkähnliche Anlagen. So ist die Stadtmauer innen wie außerhalb ein wichtiger Grüngürtel des Stadtzentrums. Wer das Glück hat, einen Stadtmauerturm auf seinem Anwesen zu haben, hat darin auch schon einmal eine gemütliche private Weinstube eingerichtet. Oder wie Familie Kühmstedt, die den Butterturm gepachtet und, im Verbund mit dem kleinen Nachbargebäude, sechs Ferienwohnungen eingerichtet hat. Diese Beispiele sind nach meinem Empfinden die schönste Form der Nachnutzung „militärischer Konversionsflächen“!

Der Stadt Salza wurde im Jahr 1212 von Kaiser Otto IV. das Stadtrecht verliehen. In den folgenden Jahrhunderten kam die Stadt erst durch Waidherstellung, anschließend durch Tuchhandel zu Ansehen und Reichtum. Ob die Höfe nun Ackerbürgerhäuser genannt werden oder nicht, es ist den großzügigen Gehöften anzusehen, dass sie ihr Auskommen durch die Nutzung des hervorragenden Ackerbodens im Thüringer Becken hatten. Große Scheunen und Lagergebäude zeugen davon.

Ihrer damaligen Nutzung beraubt, stellen diese Anlagen ihre Besitzer heute vor die große Frage der Nachnutzung und Erhaltung. Auch die Stadtverwaltung muss entscheiden, wie leerstehende Häuser heute vermakelt werden sollen. Denn hinter vielen schmalen Wohnhäusern befindet sich das Vielfache an Baumasse in Form von fast verfallenen Lagergebäuden. Die Stadt hat einen nicht ganz konfliktfreien, aber wirkungsvollen Kompromiss gefunden: Sie kauft diese Grundstücke auf und reißt die verfallenen Nebengelasse mit Mitteln der Städtebauförderung ab. Die Areale werden quasi entkernt, um sie anschließend zu verkaufen oder zu vermieten.

Neu entstandene Blickachse

Zu guter Letzt habe ich noch ein Foto von dem Abrissgelände an der Herrenstraße machen lassen, um einen Vergleich mit der Aufnahme von Dietrich Maschmeyer vom gleichen Standort im Jahr 2009 zu haben (siehe Holznagel 6/2009, Seite 17).

Gerrit Haase, Fachbereichsleiter für Stadtentwicklung, erläuterte im Gespräch, dass die Schotterfläche so, wie sie sich momentan darstellt, kein Dauerzustand sein kann! Über einen städtebaulichen Wettbewerb wurde eine gestalterische Lösung ermittelt, die den Ansprüchen als hochwertig gestalteten Parkplatz, so wie wir es von Bad Langensalza kennen, gerecht wird. Schnellstmöglich soll die Gestaltung mit Travertin-Mauer, hochwertiger Pergola und ansprechender Pflasterung umgesetzt werden. Nicht zu verachten ist außerdem die durch den Abriss neu entstandene Blickachse auf die St. Bonifatius Kirche, sozusagen als kleiner Trost für das Verschwinden alter Gebäudesubstanz.

Noch ein Schmankerl zum Schluss: die Lösung, das Fachwerkgerüst des Laubenganges stehen zu lassen und dahinter eine neue Außenwand zu errichten, ist vielleicht weniger ungewöhnlich als erst von mir vermutet. Doch die architektonische Verbindung von Alt und Neu versetzt die Besucher doch ganz schön in Erstaunen!

Nach diesem ereignisreichen Vormittag haben wir uns sehr gefreut über die Gastfreundschaft unserer IgB-Freunde von der Zimmerei Krieghoff (KS Bad Langensalza). Sie hatten selbstverständlich ebenfalls ihren Garten zu dieser Veranstaltung geöffnet.

Leider konnten wir uns nur einen Bruchteil der geöffneten Höfe anschauen, und aus Zeitgründen kann ich an dieser Stelle nicht alle erwähnen. Aber ganz bestimmt folgen wir nächstes Jahr wieder der „Einladung zum Blick in Nachbars Idylle“!

Sabine Pönicke

Abrissgelände Herrenstraße mit neuem Ausblick
Schade um den Laubengang!
Keine gelungene Verbindung von Alt & Neu

Kontextspalte

Alle Fotos:

S. Pönicke / J. Schneemann

Kleiner Innenhof mit ehemaliger Schusterwerkstatt
Ausblick zum Nachbarn
Umgebaut für 10 Mietsparteien
Für jeden Mieter eine grüne Niesche
Blick auf Ausfachung
Vorne Hof wie bäuerliches Gehöft
Hinten Garten wie Stadtpark
Links Gefache mit Wasserglas beschichtet
Umnutzung als großer Trödelmarkt in Stall und Scheune
Ingenieur Kühmstedt in Aktion