Ich bin in diesem Haus nur Gast für kurze Zeit

Interview Ulli Mathes

Ulli Mathes, Jahrgang 1958, lebt über 20 Jahren in seinem alten Dreiseitenhof (Dendro 1661) in Wackernheim nahe Mainz und leitet ehrenamtlich die IgB-Kontaktstelle Rheinhessen/ Mainspitze. Er hat eine Lehre als Staudengärtner gemacht und danach in Essen Landespflege studiert.

Ursprünglich führte die IgB-Öffentlichkeitsreferentin Michaela Töpfer im Frühsommer das Interview, um nach und nach einige im Süden der Republik tätige IgB-Mitglieder vorzustellen. Niemand konnte vorhersehen, dass Ulli Mathes ab Dezember 2012 der neue Geschäftsführer der IgB sein würde. So kommt der Beitrag über Ulli Mathes und sein altes Haus zum richtigen Zeitpunkt, damit sich die IgB-Vereinsmitglieder und der IgB-Wohlgesonnene ein Bild von ihm machen können. 

M.T.: Wie kam es zu deiner Leidenschaft für alte Häuser?

U.M.: Während meiner Kindheit in einem Dörfchen nahe Rüsselsheim bin ich ständig mit alten Bauernhöfen in Berührung gekommen. Mein Großvater war Bauer und Gastwirt. Ich mochte diese Hofreiten, die von vier Seiten umschlossen sind, mit einem riesengroßen Tor davor. Du kannst es zumachen, dann wirkt es wie eine Festung, und wenn du es aufmachst, können alle Leute hineinströmen. Direkt nach meinem Studium zum Landespfleger habe ich die ehemaligen Stallgebäude auf dem Hof meines Großvaters umgebaut. Da fing es bei mir mit dieser Droge Altbau an. Also habe ich mich autodidaktisch in die Altbauthematik eingearbeitet. Bereits während des Studiums hatte ich viele Vorlesungen bei den Architekten gehört und war von der Materie begeistert. Warum auch immer, kam für mich ein Architekturstudium damals nicht in Frage. Als ich dann 1991 mein Heimatdorf wieder verließ und auf die Suche nach etwas „Neuem“ ging, kam für mich nur alte Bausubstanz infrage.

M.T.: Wie kam es dazu, dass du dich auch beruflich mit alten Häusern beschäftigt hast?

U.M.: Nachdem ich dieses Haus hier gekauft und saniert hatte, fragten mich immer mehr Leute, ob ich ihnen nicht auch an ihrem alten Haus helfen könnte. So rutschte ich zunehmend in den Denkmalschutz und die Altbausanierung, und arbeite mittlerweile fast ausschließlich als Planer in diesem Bereich. Meine Arbeit fängt mit der Konzeptentwicklung an. Zum Beispiel erbt jemand einen Bauernhof. Es gibt dort eine Menge umbauten Raum, Wohnhaus, Scheune, Ställe. Was soll damit passieren? An diesem Punkt fängt meine Konzeptentwicklung mit Standortanalyse an, und sie geht über die Entwurfsplanung, Genehmigungsplanung, Ausführungsplanung bis hin zur Bauleitung. Natürlich behalte ich auch die Kosten in allen Entwicklungsphasen im Auge.

M.T.: Interessiert dich auch die Hausforschung?

U. M.: Ich hatte einen Onkel, der Gartenarchitekt war und den ich öfter in den Sommerferien besuchte. Er lebte in Braubach. Dort gibt es die einzige mittelalterliche erhaltene Höhenburg am ganzen Mittelrhein, die Marxburg. Über einen Freund meines Onkels durfte ich über Tage hinweg in der Bibliothek der Deutschen Burgenvereinigung, die dort ihren Sitz hat, schmökern. Ich bekam Pappdeckel in die Hand gedrückt mit der Anweisung, sie an der Stelle, an der ich ein Buch herausziehe, einzustecken um den genauen Buchstandort wieder zu finden. Ansonsten durfte ich dort tun, was ich wollte. Vieles konnte ich nicht lesen, oder verstand es nicht, aber es war eine tolle Zeit. Vielleicht waren das prägende Begebenheiten. Für mich sind alte Häuser auch ein großer Abenteuerspielplatz, weil man bei jedem Handschlag, den man in so einem alten Haus macht, etwas Neues entdeckt. Irgendetwas Unerklärliches, etwas, über das man sich Gedanken machen muss, warum, wieso, weshalb ist es so ausgeführt geworden?

Neben meinem Hof habe ich ein Haus von 1705 zu einer Arztpraxis umgebaut. Die Dachsparren waren schwarz vom Ruß über der schwarzen Küche im Erdgeschoss. Es stammt aus der Zeit vor den ersten feuerpolizeilichen Erlassen, hat also keinen Kamin über Dach und keine Ziegeldeckung, sondern eine Esse im Erdgeschoss. Im Obergeschoss waren nur drei Bretter, die den Rauch in den Dachboden leiteten. Man sah an diesen Dachsparren die Spuren der Seile, mit denen das Stroh auf dem Dach festgebunden war. Das macht einfach Spaß, in so eine Hausgeschichte einzutauchen oder sich für Unerklärlichkeiten Erklärungen zu schaffen, ein bisschen Detektiv spielen. Und dann eine andere Nutzung hineinzubringen, ohne dem Haus seine Seele und seine Geschichte zu rauben. Wenn ich hinterher aus so einem Haus hinausgehe, verbeuge ich mich einmal und hoffe, dass ich dem Haus nicht allzu wehgetan habe.

Wenn jedoch etwas verändert oder neu eingebaut wird, sollte es auch nachvollziehbar sein. Da können auch Stahl, Glas und Leimholz zum Einsatz kommen. Man soll sehen, dass es eine neue und keine historisierend nachgebaute Treppe ist. Das siehst du auch in meinem Haus. Leider war es von allen historischen Bauelementen „befreit“, die in den 60er Jahren durch minderwertige Türen, Fußböden und anderes ersetzt worden waren. So stellte sich für mich die Frage, an welcher der Epochen des 350 Jahre alten Hauses ich mich orientiere.

Die Antwort war für mich schnell klar. An keiner. Es konnte nur falsch sein. Das neue Konzept ist klar, sachlich und einfach: weiße Wände und die Balken, die in der Decke sind, schauen heraus. Der Bodenbelag in Erdgeschoss besteht aus Granit,  im Obergeschoss habe ich Eichenparkett verlegt.

M.T.: Weißt du etwas über die Geschichte dieses Hauses?

U.M.: Als ich mich hier niedergelassen habe, überreichte mir ein Dorfhistoriker die Geschichte dieses Hauses. Sie lässt sich für dieses Haus gut nachvollziehen, weil es in seinen Anfängen eine Außenstelle des Klosters Bleidenstadt war. Klöster haben ihre Historie im Gegensatz zu den einfachen Bauern dokumentiert. 1350 wurde der Hof erstmals erwähnt. 1354 wurde er an Graf Gerlach zu Nassau übergeben und als Lehen an die Herren von Engelstadt weitergereicht. 1619 wurde durch die Truppen Spinolas die Scheune zerstört und das Haus niedergebrannt. Laut Dendro wurde das Haus 1661 in seiner jetzigen Form gebaut. Das Holz stammt aus dem Südschwarzwald. Um 1850 wurde der kreuzgewölbte Halbkeller errichtet. Im Haus selbst wurden mit Sicherheit immer wieder Renovierungen vorgenommen, die jetzigen Fenster wurden im 19. und Anfang des 20. Jahrhundert eingebaut. Im Nachbargehöft haben wir eine bauzeitliche Fensteröffnung, die zugemauert war, gefunden, sie wieder geöffnet und mit Butzenscheiben versehen, um zu zeigen, wie klein früher die Fenster waren. In meinem Haus gab es aber keine solchen Überraschungen.

M.T.: In welchem Zustand hast du das Haus übernommen?

U.M.: Für mich war das Haus zum Teil in einem wunderbaren Zustand. Es war seit den 1920er Jahren nichts mehr an der Haustechnik saniert oder repariert worden. Leider waren im Obergeschoss in den 1960er Jahren neue, einflügelige Holzfenster eingebaut worden. Das Haus wurde, was ich sehr bedauere, in dieser Zeit sämtlicher historischer Bauelemente beraubt. Ansonsten war in jeder Stube eine Glühbirne, in der Küche gab es eine Wasserzapfstelle mit einem Steinwaschbecken, das Abwasser floss, zur „Freude“ der Nachbarn, in deren Hof. Es  gab kein Bad, keine Toilette, ein Plumpsklo vor dem Stall über der Jauchegrube. Das ist ein Glücksfall, denn so gibt es auch keine Bauschäden, die nach den Badeinbauten der 1960er Jahren meist folgten. Das Wohnhaus war in den 20er Jahren mit Falzziegel der örtlichen Kaserne in Zweitverwendung neu gedeckt worden. Die anderen Bauten waren mit historischen Hohlziegeln belegt. Das Fachwerk des Wohnhauses war zum Teil durch den Hausbock und durch den Einbau „moderner“ Fenster geschädigt. Der Südgiebel der Scheune war einsturzgefährdet. Auch der kreuzgewölbte Halbkeller war durch die Verformung der Wände gefährdet.

Das Kreuzgewölbe ist eine typische rheinhessische Erscheinung, diese sogenannten Kuhkapellen wurden 1840 bis 1860 mit Säule aus Gusseisen oder Sandstein gebaut. Mitte des 19. Jahrhunderts waren hier viele Unruhen, Räuberbanden haben die Leute  erpresst. Die Kreuzgewölbe wurden über die Viehställe gebaut, um sie vor marodierenden Banden zu schützen, wenn die Bauern auf den Feldern waren. Selbst bei einem gelegten Brand blieben die steinernen Gewölbe ganz und das Vieh war geschützt.

Leider hatten viele Eigentümer solcher Gewölbeställen in den 1960er und 70er Jahren „ihren Spaß daran“, eine Kette an der Mittelsäule zu befestigen, einmal kräftig mit dem Trecker daran zu ziehen und schon lag das ganze Gewölbe flach – und „der alte Krempel“ war weg. Bei uns im Dorf gibt es nur noch mein Gewölbe und eines im Feuerwehrgerätehaus, als historisches Alibi eines abgebrochenen Bauernhofes. Ich nutze meinen Raum als Werkstatt, und manchmal werden Lesungen oder Konzerte darin veranstaltet. Auf meinem Grundstück stehen ansonsten noch eine mittlerweile verkleinerte Scheune, ein weiteres Nebengebäude und ein Backofen für Brot und Pizza. Diesen Pizzaofen habe ich aus Italien mitgebracht, aufgebaut und mit Bruchsteinen verkleidet. Bei Dorffesten (unserer Kerb – zu hochdeutsch Kirchweih) öffne ich den Hof und backe Pizza im Ofen. Die Leute stehen dann bis auf die Straße Schlange, um was von der Pizza zu ergattern.

M.T.: Du hast mit den Fensterisolierungen experimentiert. Mit welchem Ergebnis?

U.M.: Ich musste einige Fenster hier im Haus erneuern und selbstverständlich sind sie an das historische Vorbild angepasst. Ich bekam Rohlinge vom Schreiner geliefert und habe sie in Leinölfarbe aufgebaut. Dieses System ist meinem Erachten nach den normalen Farben weit überlegen, passt aber durch die zeitaufwändige Trocknung nicht mehr in heutige Produktionsabläufe und ist auch teurer. Solche Arbeiten mache ich selbst. Vor meine anderen im Haus verbliebenen Fenster habe ich zur besseren Wärmedämmung Kastenfenster gebaut. Vor ein paar Jahren hatte ich eine zugemauerte Fensteröffnung wieder geöffnet, und da sich in der Fachliteratur nichts zu Kastenfenstern und Isoglasscheiben fand, habe ich einen Selbstversuch gemacht, indem ein einfach verglastes Fenster außen, und ein isoglasverscheibtes Fenster in den Innenraum gekommen ist. Das habe ich über zwei Heizperioden mit Thermometer und Hygrometer gemessen. Es gab keine merkwürdigen bauphysikalischen Prozesse, und so habe ich die einfachen Scheiben der Innenfenster gegen Isoglasscheiben ausgetauscht. Dadurch haben sich auch meine Heizkosten wunderbarerweise erheblich verringert.

M.T.: Wie hast du das Haus gefunden?

U.M.: Wir haben damals nur 14 Tage gesucht. Meine Lebensgefährtin und ich gingen mit der Maklerin zu dem Haus. Sie schloss das Hoftor auf, wir gingen hinein, schauten uns an, haben einvernehmlich genickt und ja gesagt. Die Maklerin meinte dann noch sagen zu müssen, an diesen komischen Steinen im Hof (altes Kopfsteinpflaster) müsse aber dringend etwas gemacht werden. Da konnte ich mir nicht verkneifen, ihr zu sagen, dass der gepflasterte Hof zu diesem Zeitpunkt vermutlich das Einzige war, was noch in Ordnung war.
Die Wackernheimer waren entsetzt über den Kaufpreis, den wir bezahlt haben. Aber wir waren aus dem Rhein-Main-Gebiet ganz andere Preise gewohnt. Letztlich ist noch einmal die Summe des Kaufpreises für die Sanierung hineingeflossen. Ich habe mir statt eines Babyjahrs ein „Häuslejahr“ genommen und wirklich fast alles selber gemacht. Teilweise waren ein paar Helfer mit dabei. Nun lebe ich schon über 20 Jahre hier, mittlerweile allein mit meinem Hund Fritz, und bin dabei, Fehler zu beheben, die ich vor 20 Jahren gemacht habe. Beispielsweise hatte ich damals das Fachwerk freigelegt, und verputze es nun wieder, weil es ursprünglich nicht als Sichtfachwerk gebaut wurde. Diese Erkenntnisse habe ich erst im Laufe der Jahre gewonnen. Es war ein eher unprätentiöses verputztes Häuschen, und letzten Endes war dieser Putz als Schutz für das Fachwerk notwendig. Es wird bestimmt ein Aufschrei durch die Gemeinde gehen, „oh, wie schade, dass du die Fachwerkbalken verputzt“, weil die Meinung besteht, dass Fachwerkbalken immer sichtbar sein müssen. Aber in diesem Fall stimmt es nicht. Viele Häuser sind zwar mit Fachwerk gebaut, aber von Anfang an verputzt gewesen, weil man in dieser Zeit schon den höherwertigen Steinbau sehr schätzte und mit dem Verputz des Fachwerks natürlich einen Steinbau vorgaukeln wollte. Gleichzeitig konnte unter dem Putz minderwertiges Holz als Fachwerk einsetzt werden.

M.T.: Wie bist du im Dorf integriert?

U.M.: Das Dorf hat 3.000 Einwohner, und ich bin hier sehr gut aufgenommen worden. Mein Haus stand lange leer, und es gab einige, die es abreißen und stattdessen Reihenhäuser bauen wollten. Dazu kam es glücklicherweise nicht. Die meisten waren froh, dass so ein Verrückter kam und die „aal Hütt“ wieder hergerichtet hat. Natürlich wurden wir mit Argusaugen beobachtet. Aber ich habe mich vor Kauf des Hauses bei sämtlichen Nachbarn vorgestellt und sie mir angesehen. Wären sie komisch gewesen, hätte ich nicht gekauft. Sie waren jedoch in Ordnung und haben mich mit großer Neugierde aufgenommen.

Ich hatte aus meinem vorherigen Haus eine etwas korpulente Dame in Form einer Bronzefigur von Martin Kirstein mitgebracht. Sie trägt eine Kittelschürze, Pantoffeln und steht über ein Geländer gebeugt. Als ich sie an der Straße vor dem Haus installiert habe, hat das für helle Aufregung im positiven Sinne gesorgt. Mittlerweile geht sie als „Protokollerin“ beim Fasching durch. Ein Büttenredner hat sich wie sie angezogen und das Protokoll des Jahres vorgetragen. Denn sie steht immer draußen und bekommt alles mit. Sie bekam hier in Wackernheim den Namen „Lisbeth“. Die Nachbarn sind auch zufrieden, dass ich den Hof zu verschiedenen Veranstaltungen öffne, sodass das öffentliche Leben hineinkommen kann. Vor kurzem fand ein Kinderkino mit Märchenfilm im Gewölbe statt.

Der Kontakt zu meinen Nachbarn ist gut. Ich war eine Weile im Gesangsverein, habe das aber irgendwann wieder aufgegeben, weil man nicht auf 1000 Hochzeiten tanzen kann. Ich fühle mich hier gut integriert. Wenn ich mich mit alteingesessenen Wackernheimern unterhalte, sagen sie mir, „Ja, der und der machte doch damals dies und jenes. Aber das ist schon 40 oder 50 Jahre her, da war ich noch gar nicht hier.“ Im Bewusstsein meiner Dorfnachbarn scheine ich schon immer hier zu sein. Das ist ein Grad von Angenommen- und Angekommensein.

Einige meiner Fenster gehen direkt in den Nachbarhof, und wir sehen gegenseitig, was wir jeweils machen. Das Küchenfenster wurde vor 20 Jahren restauriert und aus irgendeinem Grund wurde der Riegel nicht mehr angebracht. So kann die Nachbarin das Fenster von ihrem Hof aus aufdrücken, und manchmal stehen hier dann Buschbohnen, Kirschen, Äpfel, Salat, Zucchini, alles, was ihr Garten hergibt. Sie schiebt das Fenster wieder zu und gut ist.

M.T.: Warum habt ihr Nachbarn eure Häuser unter Denkmalschutz stellen lassen?

U.M.: Ich habe öffentliche Fördermittel aus dem Dorferneuerungsprogramm in Anspruch genommen. Damals war das Haus noch kein Denkmal. Mit meinen Nachbarn von rechts und links regten wir an, aus unseren drei Höfen eine kleine Denkmalzone zu machen, weil wir die letzten relativ unverbauten Häuser im Dorf haben. Es hat eine Weile gedauert, bis wir das durch hatten. Wir sind alle sehr froh darüber, denn wir möchten verhindern, dass nach uns sofort der Bagger kommt. Ich begreife mich als Gast in diesem Haus. Wenn ich Veränderungen vornehme, versuche ich sie so zu gestalten, dass man sie auch wieder zurückbauen könnte. Ich will hier keine zerstörerischen Dinge hinterlassen. Das ist auch meine Devise, wenn ich an andere Häuser herangehe: die Einbauten so vorzunehmen, dass sie auch zerstörungsfrei wieder herausnehmbar sind. Damit andere Generationen auch die Luft haben, eigene Ideen einbringen zu können. Das ist einer meiner Planungsansätze.

Weil ich eigentlich Gartenplaner bin, habe ich mich im nicht einsehbaren Innenhof und im Garten wunderbar ausgetobt. Wir haben eine Hanglage, dadurch ergeben sich verschiedene Ebenen. Direkt neben meinem Garten liegt der meiner Nachbarn. Wir hocken uns bis auf ein paar Meter „auf der Pelle“, und wir haben das Glück, über eine Quelle zu verfügen. So wurde durch die Einfriedungsmauer ein Trog gebaut. Das Wasser der Quelle läuft auf der Nachbarseite in den Trog und plätschert, fließt dann durch die Mauer, und plätschert bei mir auch noch einmal. So können wir beide Parteien im Garten sitzen und haben durch das Geräusch eine akustische Trennung. Die Mauer besteht aus mit Steinen gefüllten Drahtkörben, sogenannten Gabbionen, ich kann sie auch wieder zurückbauen, wenn sie nicht mehr gewollt ist. Mir war es sehr wichtig, bei der Mauer nicht mit Beton oder anderen immobilen Sachen zu arbeiten, sondern in einer modernen Form der Trockenmauer, die spurlos zurückgebaut werden kann. Irgendwann hat jemand eine andere Idee und muss dann keinen Presslufthammer nehmen, um meine Gartengestaltung zu demontieren. Zudem ist der Rückbau zerstörungsfrei und wiederverwertbar.

M.T.: Welche Rolle spielt die IgB-Arbeit in deinem Alltag?

U. M.: Als ich vor 20 Jahren saniert habe, kannte ich die IgB noch nicht. Dann bekam ich über einen Bekannten den „Holznagel“ in die Hände und dachte mir, das sind Leute, deren geistige Welt ich teilen kann. Ich wurde 1994 IgB-Mitglied und 1996 auch Kontaktstelle. Oft rufen mich Leute an, die die IgB über das Internet gefunden haben und sich ein altes Häuschen kaufen wollen. Meist mache ich eine Beratung, gehe mit ihnen durch das Objekt und versuche, aus dem Stehgreif eine Erfassung und Bewertung vorzunehmen. Das hilft ihnen in der Regel bei der Kaufentscheidung. Anschließend kommen oft Fragen zur Wärmedämmung, zu Holzanstrichen und den Fenstern und vielem mehr. Ich berate sie, und wenn sie es mir danken wollen, dürfen sie gerne eine Spende an die IgB geben.

Wenn hier bei uns im Dorf Feste sind, stelle ich mich mit meinem Stand und dem Holznagel hin und suche das Gespräch mit den Menschen. Viele können sich die Sanierung von so etwas Altem gar nicht real vorstellen und brauchen Anregungen, Beispiele, Ideen. Ich plane gerade, das Farbkonzept meines Hauses zu verändern, um es näher an den historischen und landschaftlichen Ursprung zu bringen. Das hat etwas mit Vorbildfunktion zu tun. Gleichzeitig erhalten wir damit auch diese Art von dörflicher Kultur. Jedes Haus ist ein Unikat, zeigt Gebrauchsspuren der Menschen, die darin gewohnt haben. Dieses Haus hier entspricht in seinen historischen Vorgaben nicht 100-prozentig meinen Träumen, ist aber in seiner Art trotzdem wunderbar.

Klinke Hoftor
Ulli Mathes vor seinem Hoftor
Straßenansicht Hof
Häuserfront Innenhof
Blick in den Innenhof
Innenraum Granitböden
Sichtbare Balken im Giebel
Innenansicht
Gewölbe Hof
Ofen
Backofen
Blick in den Innenhof
Innenhof mit Blumenpracht
Ulli Mathes mit "Lisbeth"
Blick Innenhof mit blühendem Rosenstock
Hoftor von innen
Fass im Garten
Wasser plätschert