Beobachtungen bei einem Spaziergang durch Lüchtringen, Kreis Höxter

Ulrich Klages, IgB

Ich kannte das Dorf Lüchtringen schon seit Jugendtagen. Im Februar dieses Jahres war ich seit längerem mal in der Nähe und fuhr hinein. Zunächst war es ein Schock: wie sich der Ort in die Feldmark ausgedehnt hatte – wie die Straßen und Wege betoniert waren – wie die alten Häuser verschwunden oder verkleidet waren. Nach einem kurzen Gang um die Kirche wollte ich schon wieder abfahren, da sah ich die alte Scheune mit ihren holzvergitterten Fensteröffnung und dem erhaltenen Tor (Abb.1 u.2), in dessen Bogen folgender Satz eingeschnitzt war:

DURCH GOTTES HÜLFE UND SEGEN LIESS ICH MIR AUF DIE 3te STELLE
BEWEGEN von HEINRICH HEINE – FRIEDRIKA – BEWERUNGEN.
DEN 9ten APRIL 1850.

Nicht nur die Namen muten „literarisch” an, hier dichtet sogar das Gebäude selbst! Und es erzählt uns, daß es 1850 zum zweiten Mal umgesetzt worden ist. Da wird auch klar, warum der Giebel mit seinen Doppelständern „modern“, mit der Vorkragung aber deutlich älter erscheint. Der rechte Torständer ist durch Nadelholz ersetzt worden, im Giebeltrapez wurden Althölzer verzimmert, die Dielenkopfbänder im Inneren sind z. T. altertümlich gekehlt.

Bei dem daneben stehenden Haus, das wohl wirklich aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammt, ist die Toreinfahrt zugunsten der Wohnnutzung aufgegeben worden. Anscheinend ist das Haus auf zwei Familien aufgeteilt, denn der Eingang ist doppelt und die unguten Fenster sind auf beiden Seiten etwas unterschiedlich. Ein Einzelfall der modernen Zeit?

Nanu, ein Nachbarhaus (Abb.3) hat ja auch zwei Eingänge und noch unterschiedlichere Fenster! Und was ist mit seinem Giebel los? Rechts sieht man eine Vorkragung über geschnitzen Füllhölzern, links ist das Fachwerk nüchtern und glatt. Die Längsaufteilung dieses Hallenhauses muß schon lange zurückliegen. Dasselbe wird man wohl von dem nächsten Beispiel sagen können, bei dem sogar der Torbogen halbiert wurde (Abb.4).

Sagt mal, gibt es das hier öfter? Solche Realteilungen der Häuser kenne ich eher von Süddeutschland. Im Braunschweiger Weserbergland, wo ich eigentlich zuhause bin, sieht man so etwas jedenfalls nicht. Zwar liegt Lüchtringen ebenfalls auf der östlichen Seite der Weser, unterhalb des Sollings, doch gehört und gehörte es als Exklave zum westfälischen Höxter und Corvey. Nicht nur die Wegekapellen, wie hier an der ehemaligen Weserfähre (Abb.5), auch die frommen Embleme über den Toren lassen die hochgehaltene katholischen Tradition in der kleinen „Diaspora” erkennen. Dies sei durch das Detailfoto (Abb.6) des daneben stehenden Hauses gezeigt – aber auch da gibt es eine Überraschung: Rechts und links ist das Haus farblich unterschiedlich gestaltet, und zwar nicht, weil die Arbeit aus irgendeinem Grunde unterbrochen wurde. Die unterschiedliche Farbrestaurierung verläuft genau in der Mittellinie vom First bis zum Straßenniveau; sogar das leicht ausmittige Tor ist entlang dieser Senkrechten rechts dunkler, links heller gehalten.

Extrem uneinig scheinen sich die beiden Hälfte-Besitzer eines anderen Hauses zu sein (Abb.7). Dazu kein weiterer Kommentar – außer vielleicht: Denkmalschutz?? Dennoch, solche Entdeckungen spornten den Hausforscher zu einem nochmaligen Rundgang durch das Dorf Lüchtringen an: ein unterschiedlich behängtes Haus mit zwei Eingängen und einem kleinen Mäuerchen dazwischen (Abb.8); ein einheitlich modern verputztes (Abb.9) und ein einheitlich mit alten Blechplatten behängtes Haus mit zwei Türen (Abb.10); ein in Sandstein massiv erneuertes giebelständiges Haus mit zwei etwas unterschiedlich breiten Eingängen (Abb.11); ein fachwerkenes Giebelhaus (Abb.12) mit zwei Türen – aber halt, da läuft ja die alte geschnitzte Inschrift quer durch, einschließlich der Verzimmerung mit Stichbalken und Füllhölzern! Das Haus kann keine Dieleneinfahrt besessen haben. Auch das etwas jüngere Haus mit der Nummer 22 hat denselben Giebelaufbau (Abb.13).

Im 18. Jahrhundert wurden also in Lüchtringen, dem Steinhauer- und Flößerdorf, große giebelständige Hauser ohne befahrbare Diele gebaut. Vielleicht entstand aus dieser Tradition der Kleinen Leute auch die Gewohnheit, die Häuser in Längsrichtung zu teilen? Oder lag es an der Erbgesetzgebung im Corveyer Land? Daß es in Lüchtringen aber immer auch Bauern gab, beweisen zwei sehr qualitätsvolle Dielenhäuser mit historistischen Ziegelsteingiebeln (Abb.14 u.15), nach ihren Schlußsteinen erbaut Anno 1884 und 1905. Trotz aller Verluste an historischer Bausubstanz hat sich mein Spaziergang durch Lüchtringen doch gelohnt!

Alle nachfolgenden Fotos:
Ulrich Klages

Abb. 1
Abb. 2
Abb. 3
Abb. 4
Abb. 5
Abb. 6
Abb. 7
Abb. 8
Abb. 9
Abb. 10
Abb. 11
Abb. 12
Abb. 13
Abb. 14
Abb. 15