(K)eine Zukunft für ein Juwel des Weserberglandes?

An der Modernisierung von Bevern scheiden sich die Geister

Dietrich Maschmeyer

Ulrich Klages, langjähriges Mitglied der IgB und einer der führenden Hausforscher in Norddeutschland, hatte das Forschungsgebiet, für das wir ihn alle kannten und schätzen, erst aufgetan, als er längst aus seiner Heimat, dem Weserberglandstädtchen Holzminden, fortgezogen und sich am Nordrand der Lüneburger Heide angesiedelt hatte. So kreist denn auch der Großteil seines Werkes um die Häuser der Nordheide – vorzugsweise die aus dem 16. und 17. Jahrhundert – und seine Heimat war lange ein weißer Fleck. Das änderte sich abrupt, als der nordwestdeutsche Arbeitskreis für Haus- und Gefügeforschung in Bevern bei Holzminden tagte. Ulrich Klages begann sich nicht nur mit den (ältesten) Häusern dieses Ortes zu beschäftigen, er kaufte auch selbst mit seiner Lebensgefährtin eines der bemerkenswertesten Häuser des Ortes, das damals schon leer stand. Er tat das auch, wie er mir mal erzählte, weil ihn der Ort Bevern ganz besonders faszinierte: Ein Schloss der Weserrenaissance mit vielen Fachwerkteilen, und davor die in etwa gleich alten Häuser der normalen Bevölkerung, von denen viele auch noch eine ungewöhnliche Baugeschichte aufweisen. Das bringt es auf den Punkt.

Fragt man nach der landläufigen Meinung, was denn wichtige Baudenkmale seien, wird man mehrheitlich immer auf die klassische Trias der Klöster, Kirchen und Schlösser verwiesen werden: Sakrale oder oberschichtliche Bauten mit einer entsprechend anspruchsvollen Architektur. Schon Bertolt Brecht fragte aber zu Recht in seinen „Fragen eines lesenden Arbeiters“: Wer erbaute das siebentorige Theben? In welchen Häusern des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute?

Sicher ist es eine wichtige Aufgabe des Denkmal-schutzes, dafür Sorge zu tragen, dass diese Frage auch Generationen später noch zutreffend beantwortet werden kann. Dazu muss man insbesondere die Häuser der „kleinen Leute“ erhalten. Das ist leider nirgends eine einfach zu bewältigende Aufgabe. In Bevern und Umgebung schon gar nicht.

Vorrangig ist der Ort für Kunstinteressierte von Alters her wegen seines Schlosses ein Begriff. Das aber erforderte, wie alle Anwesen dieser Art, zur Bewirtschaftung eine Fülle von Arbeitskräften unterschiedlicher Profession, deren Gesamtheit durchaus die Größe einer Hundertschaft erreichen konnte. Dazu kamen noch Handwerker, Händler usw., so dass auch hier wie zu jedem „herrschenden“ Adelsbau ein Burgdorf mit „dienenden“ Gebäuden gehörte. Nur die Gesamtschau beider gleichrangig nebeneinander stehender baulicher Ensembles vermittelt also, um bei Brecht zu bleiben, ein vollständiges und unverzerrtes Bild der Geschichte. Das ist kaum irgendwo deutlicher zu erkennen als in Bevern. Nach einhelliger Meinung beherbergt der dem Schloss vorgelagerte kleine Flecken nämlich eine sehr große Zahl an ungewöhnlich interessanten Fachwerkbauten, die teilweise sogar noch älter sind als das Schloss, teilweise möglicherweise bei dessen Bau auch den Standort gewechselt haben. So weit, so gut. 

Leider ist das Weserbergland nicht gerade eine Regi-on, in der man Gebäude schon deshalb erhalten muss, weil sie für den Tourismus wichtig sind. Dafür ist der Tourismus dort einfach zu unbedeutend. Auch sonst ist es kein strukturell starkes Gebiet: Die Einwohnerzahl in der Region ist bereits heute leicht rückläufig, stärkere Verluste werden erwartet. Viel Industrie gibt es dort nicht, es siedelt sich dort auch keine neu an. Vielleicht ist dabei Holzminden mit mehreren bedeutenden Betrieben schon eine positive Ausnahme. Immerhin örtlich ein schwacher Lichtblick.

Das größte Problem liegt in der Ortsmitte und ist gar nicht so sehr durch die wirtschaftliche Lage bestimmt, eher durch jahrzehntelange falsche Politik. In den historischen Ortskernen gibt es ein punktuelles städtebaulich-demographisches Problem, das sich mit den ohnehin vorhandenen allgemeinen strukturellen Problemen zu einem extrem schwierigen Komplex verpaart. Wie alle einschlägigen Untersuchungen – und derer gibt es mittlerweile etliche – ausweisen, ist die Bewohnerstruktur solcher Ortskerne im Vergleich mit dem gesamten, auch nicht gerade von Geburtenüberschuss zeugenden Ort noch einmal stark überaltert, oft fast nur noch von Rentnern bewohnt. Viele Gebäude stehen sogar mittlerweile völlig leer und finden keine jungen Hände, die sich ihrer annehmen würden. Dies Problem ist aber keineswegs gottgegeben, sondern selbst gemacht: Zu lange hat man in fast allen Orten am Ortsrand immer wieder neue Baugebiete ausgewiesen. Zu lange hat man dort dann „problemlose“ Neubauten hochgezogen und dabei wohl diffus zu lange darauf gehofft, dass sich das Problem mit den Ortskernen wohl irgendwie von selbst lösen würde. Mittlerweile, wo es schon an allen Ecken brennt, erkennen immer mehr Bewohner des Ortes, dass diese „Lösung“, die sich fast zwangsläufig einstellen musste, in kurzer Zeit zur Zerstörung ihres Ortes führen wird. Manche Ortskerne, die wir an der Oberweser bei der Pressefahrt des Nationalkomitees besichtigen konnten, sind schon heute traurige Frühstadien von Geisterstädten, in denen die meisten Bauten bereits irgendwie vor sich hin verfallen, irgendwo dazwischen mit noch ein paar bewohnten Häusern. Dass sich in so einer Ortslage auch kein Laden mehr halten kann, versteht sich auch irgendwie von selbst. Nicht gerade hilfreich ist in dieser Lage auch noch vielerorts, auch in Bevern, der relativ starke Durchgangsverkehr, der sich auf Grund der Topografie nur schwer umlegen lässt. Tunnel wie in Lügde (HN 5/2010) werden da wohl eine teure Ausnahme bleiben.

Nur zu verständlich ist, dass die noch verbliebenen Bewohner der Ortskerne dringend daran interessiert sind, diese völlig unbefriedigenden Verhältnisse zu verbessern. In Bevern hat man nun ein neues Förderinstrument in Niedersachsen genutzt und begonnen, eine sogenannte Quartiersinitiative aufzubauen, in der Bürger von Ortsteilen die Zukunft ihres Ortes planen. Die Förderung hat den Vorteil, dass die Bürger dabei moderierend und zuarbeitend von Profis begleitet werden, in diesem Falle von Architekt Klaus Scheuer (Planerwerkstatt 3) und Geographin Ingrid Heineking. Eine solche Begleitung und Beratung ist auch unbedingt erforderlich: Offensichtlich hat ja bisher niemand im Ort ohne derartige Unterstützung auch nur irgendein Zukunftskonzept vorgelegt, von einer eventuellen Umsetzung ganz zu schweigen.

Man steht jetzt also vor der undankbaren Aufgabe, einen Ortskern zu revitalisieren, der eigentlich von den meisten Einheimischen faktisch schon aufgegeben worden ist. Mit diesem Ansinnen steht man bei rein wirtschaftlicher Denkweise vor einem Dilemma: Wie überall ist der größere Teil derjenigen Gebäude, deren Erhaltung man nicht nur aus denkmalpflegerischen Gründen, sondern auch zur Erhaltung einer städtebaulichen Einheit am deutlichsten fordern und fördern muss, in einem vergleichsweise schlechten bis verheerenden Zustand.

Ohne irgendeinen Vorwurf zu formulieren, muss man sagen, dass man die Bürger eines solchen Ortes mit einer solchen Aufgabe nicht allein lassen darf. Wenn es schon früher offenbar an Ideen, vor allem aber einem kollektiven Willen zur zukunftsweisen-den „Ortsreparatur“ gefehlt hat, kann man nicht erwarten, das sich das schlagartig ändert, wenn man beginnt, sich etwas intensiver mit den Problemen auseinander zu setzen. Aus der Bürgerschaft kamen dann so auch die zu erwartenden Anregungen: Den Denkmalschutz bei vielen Gebäuden aufzuheben, die leer stehenden Häuser abzureißen, den Ort zu „durchlüften“ und besser zu „belichten“, und die Lücken halbwegs akzeptabel zu gestalten. So ein Vorgehen wäre nun aber gerade in Bevern der Anfang vom Untergang. Denn aus besagten Gründen „wachsen“ die leer stehenden Bauten ja immer wieder nach. Was da mit dem Ortskern passiert, kann man mit dem wackelnden Stuhl vergleichen, den ein untalentierter Mensch dadurch zu festem Stand bringen will, indem er ein Bein einkürzt, leider ein wenig zu viel. Am Ende ist der Gegenstand, den man doch eigentlich verbessern wollte, überhaupt nicht mehr zu gebrauchen.

Was müsste statt dessen geschehen? Eine Patentlösung kann niemand aus dem Ärmel schütteln. An erster Stelle sollte aber unbedingt eine „Inwertsetzung“ der örtlichen Fachwerkbauten stehen. Niemand kann von normalen Bewohnern eines Ortes verlangen, dass sie Bauten, die bisweilen eher Trümmerhaufen ähneln, von sich aus für wertvoll halten. Sie sind schließlich weder Architekten noch Hausforscher. Da bedarf es einiger Vermittlung, aus welchen Gründen diese Häuser so wertvoll sind. Zwar sind die Arbeiten zur Geschichte und Erforschung der örtlichen Bürgerhäuser, die im Zuge des „Oberweserprojektes“ des Niedersächsischen Landesamtes begonnen wurden, noch immer nicht fertiggestellt, aber es gibt als Nebenprodukt schon einen kleinen Führer durch Bevern, der die wichtigsten Gebäude beschreibt. Hierauf gilt es aufzusetzen. Und natürlich muss man eine Perspektive eröffnen, dass sich in solchen Häuser durchaus zeitgemäß und anspruchsvoll wohnen lässt.

Wenn es gelingt, aus den vorliegenden Informationen herauszuarbeiten, dass Bevern wirklich ein geschichtlich einzigartiger Ort ist, und mit einem Konzept, dass diesem Umstand ebenso Rechnung trägt wie den berechtigten Interessen der Beverner Bürger, wird man auch mehr Fördermittel einwerben können, als wenn man sich als Ort verkauft, wie es ihn alle paar Kilometer gibt. Denn diese besondere Förderung wird angesichts der ungewöhnlichen Herausforderung erforderlich sein. Die IgB wird sich nach Kräften – und mit Rat und Tat – dafür einsetzen, dass Bevern eine Zukunft hat! So wie es sich auch Ulrich Klages gewünscht hat, der im Bewusstsein um diesen Wert immerhin für sich einen Anfangsimpuls gesetzt hatte.

Bevern, Breslauer Str. Dieser qualitätvolle Bau steht ebenfalls leer. Den Pultdachschuppen dahinter würde jeder Nachbar gern abgerissen sehen - wer will ihm das angesichts des jetzigen Zustandes verdenken? Eine Lösung wäre das aber nicht.
Bevern, Breslauer Str. Dieser qualitätvolle Bau steht ebenfalls leer. Den Pultdachschuppen dahinter würde jeder Nachbar gern abgerissen sehen - wer will ihm das angesichts des jetzigen Zustandes verdenken? Eine Lösung wäre das aber nicht.
(Fotos: Burkhard Jürgens)

Alle Fotos: Burkhard Jürgens

Bevern, Breslauer Str. 42: Ein traufständiges "Kleine-Leute-Haus" des 18. Jh. - im Besitz einer Erbengemeinschaft, seit Jahren umbewohnt
Bevern, Markt 1, "Haus Hansmann". "Kleine-Leute-Haus" a. d. Mitte d. 17. Jh., m. Stall um 1900
Bevern, Markt 2. Das Haus, das Ulrich Klages ins Herz geschlossen hatte. Das Gefügte v. 1571/72 (d) wurde mglw. beim Bau d. Schlosses 1598 (d) transloziert
Bevern, Breslauer Str. 17, "Haus Lott", 1598 (d) erbaut. Das strukturell recht gut erhaltene u. aussagefähige Haus wurde v. Svenja Zell untersucht. Es gehört unserem Mitglied Hans Turner u. wird gerade v. einer Ruine wieder zu einem Gebäude
Bevern, Breslauer Str. 46. Zwei ineinander geb. Häuser d. 18. Jh., die durch Einebnung d. Straße in eine unakzeptable Tieflage geraten sind.
Bevern, Breslauer Str. 31. Das linke Haus, ein eiche-
Selbst besser erhaltene Bauten wie die "Alte Schule" stehen leer und verfallen
Bevern, Breslauer Str. 9, ehem. "Haus Höltje". Ein äußerst qualitätsvoller Bau d. hannoverschen Landbaumeisterstils d. früh. 19. Jh. m. Solling-
Bevern, Lange Wiese 5, "Haus Winzmann". "Kleine-Leute-Haus" d. 17. Jh., d. m. seiner Giebelständigkeit d. Ge-