Verschlusssachen

Kai Gurski

Sonderausstellung über Schlösser und Beschläge aus Norddeutschland im Volkskunde Museum Schleswig noch bis zum 31. Januar 2010

Dem Schlosserhandwerk und seinen vielfältigen Erzeugnissen widmet das Volkskunde Museum Schleswig eine einzigartige Sonderausstellung. Mit mehr als 450 größtenteils bisher noch nie öffentlich gezeigten Exponaten bietet sie eine Überschau über die historische Entwicklung dieses Berufes im Norden und seine vielfach technisch wie ästhetisch beeindruckenden Leistungen über einen Zeitraum von mehr als 1000 Jahren. Dabei ermöglicht diese Sonderausstellung sowohl der Bauforschung als auch der Altbausanie-rung Orientierung zur sachgerechten Alters-, Stil- und Herkunftsbestimmung historischen Schließ- und Beschlagwerks.

Die Erfassung und Erforschung von historischen Baustoffen, Konstruktions- und Schmuckformen hat in den vergangenen Jahrzehnten große Fortschritte gemacht. Dies hat zu einem bei weitem noch nicht lückenlosen, aber doch recht umfangreichen Verständnis vom Bauen vergangener Zeiten – bis in Detailfragen hinein – geführt. Während die Bauforschung und mit ihr professionelle Restauratoren und engagierte Besitzer historischer Gebäude längst auf Monographien zu Dachbedeckungen, Fachwerkkonstruktionen oder Türblattformen zurückgreifen können, ist zu Verschlussmechanismen und Beschlägen relativ wenig nutzbare Fachliteratur erhältlich. Dies gilt insbesondere für den norddeutschen Raum, der im Vergleich zu Süddeutschland oder dem Rhein-Ruhrgebiet bisher nicht als Hochburg des Schlosserhandwerks angesehen wurde. Darum gestaltet es sich zuweilen schwierig, ein historisches Gebäude mit authentischem Beschlagwerk oder zumindest die Zimmertüren innerhalb eines Gebäudes mit zeittypischen Schlössern zu versehen. Diese Forschungslücke füllt die aktuelle Sonderausstellung „VERSCHLUSSSACHEN“ des Volkskunde Museums in Schleswig. Die Ausstellungsmacher greifen hierbei auf die über einen Zeitraum von 45 Jahren zusammengetragene Sammlung und das profunde Fachwissen des Restaurators und Museumsmitarbeiters Wolfgang Heppelmann zurück.

Der gebürtige Güstrower begann bereits in frühen Jugendjahren Schlösser und Beschläge zu sichern, zu sammeln und zu restaurieren. Denn während in den wirtschaftlich florierenden Jahrzehnten in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts ein gut gemeintes, aber naives und kurzgedachtes Fortschrittsdenken in der Bundesrepublik Deutschland vielerorts zu einer hemmungslosen Vernichtung historischer Bausubstanz führte, kam es jenseits des „Eisernen Vorhangs“ nicht nur durch den Mangel an finanziellen Ressourcen und Baustoffen zu einem Verfall von Altbauten. Insbesondere durch die gezielte Neubaupolitik der DDR und die Vernachlässigung der Denkmalpflege wurden sanierungsbedürftige Gebäude dem Verfall preisgegeben. Wollten beispielsweise die Besitzer eines Hauses die DDR verlassen, fiel das Gebäude häufig in die Hände des Staates. Dieser zog allerdings der Altbausanierung oftmals die Neuschaffung von Wohnfläche vor und ließ so historische Bausubstanz verrotten, um sie schließlich zur Schaffung neuer Bauplätze abzureißen.

Ein Teil der in Schleswig erstmals der Öffentlichkeit präsentierten Schlösser und Beschläge stammt aus solchen Ruinen, vornehmlich aus Mecklenburg. Heppelmann baute sie bei seinen Streifzügen durch die Abbruchhäuser seiner Heimat von den 1960er bis in die 1980er Jahre – mit behördlicher Erlaubnis – aus und restaurierte sie fachmännisch. Somit sind diese Stücke nicht nur ein Zeugnis vergangener Handwerkskunst, sondern meist auch das Letzte, was von den jahrhundertealten Gebäuden übrig geblieben ist.

Nach seiner 1988 erfolgten Ausreise aus der DDR in das nördlichste Land der Bundesrepublik kamen weitere Objekte aus Schleswig-Holstein hinzu. Die Sammlung ist bis heute auf etwa 4.000 Erzeugnisse des Schlosserhandwerks vom Mittelalter bis in die Gegenwart angewachsen. Eine Auswahl der technisch und kulturhistorisch beeindruckendsten Exemplare ist in der aktuellen Sonderausstellung des Volkskunde Museums Schleswig zu sehen.

Ergänzt wird diese Sammlung durch einige herausragende Objekte aus den Beständen der Schleswig-Holsteinischen Landesmuseen, so dass der historische Bogen von den Wikingern über das Mittelalter und die Renaissance, über Barock und Rokoko bis in das 19. und 20. Jahrhundert gespannt werden kann.

In der Ausstellung sind aber auch ein Fallriegelschloss und ein sogenanntes Lakonisches Schloss zu sehen, die technisch noch viel älter sind: Beide relativ simplen Verschlussmechanismen aus Holzbauteilen waren bereits im Altertum gebräuchlich und wurden im ländlichen Raum über viele Jahrhunderte – in ihrer Konstruktion unverändert – eingesetzt. So stammen die beiden ausgestellten schleswig-holsteinischen Exemplare aus dem 17. und 19. Jahrhundert.

Die mittelalterliche Schlosserkunst wird durch eine repräsentative Auswahl von Türbändern, Kastenschlössern, Truhenschlössern, Vorhängeschlössern und Schlüsseln sowie einer der ältesten Truhen Schleswig-Holsteins vertreten. Eiserne Schlösser waren zu dieser Zeit ein Luxusgut und fanden sich nahezu ausschließlich im städtischen Bereich, beim Adel und der Kirche, also dort, wo besonders kostbare Dinge wie Münzen, Altargerät und Urkunden zu schützen waren. Auf dem Lande wurden Tür und Tor hingegen durch einfache Verschlusskonstruktionen – und eine verstärkte soziale Kontrolle innerhalb der Dorfgemeinschaft – gesichert.

Zum Ende des Mittelalters kam es mit der Erfindung des Schnappschlosses mit schießendem Riegel, auch als „(altdeutsche) Schlossfalle“ bezeichnet, zur ersten grundlegenden technischen Neuschöpfung seit der Antike: Neben Truhen, Laden und Kassetten, an denen sich die Form des Katzenkopfschlosses für Jahrhunderte durchsetzte, befanden sich Schnappschlösser mit „hervorschießendem“ Riegel vor allem an Türen. Noch heute ist der schießende Riegel – meist in Kombination mit einem tourigen Riegel – Grundbestandteil jedes Haus- und Wohnungstürschlosses.

Zur Zeit der Renaissance wurde das Schloss, das bisher vor allem von äußerlicher Schlichtheit bestimmt war, neben seiner praktischen Funktion auch als Gestaltungsträger begriffen. Schlossteile, die bisher dem alleinigen Zweck dienten, dass niemand unbefugt, d.h. ohne den passenden Schlüssel, von außen in den Mechanismus eingreifen konnte, wurden nun von kunstfertigen Schlossern mit phantasievoller Ornamentik versehen: So winden sich eingravierte pflanzliche Arabesken und groteske Mischwesen auf den Gehäusen; maskenhafte Fratzen und barbusige Jungfern starren dem Betrachter mit verunsicherndem Blick entgegen. Neben der rein technischen Sicherung eines Raumes sollten derartig gestaltete Schlösser – einem kulturhistorisch über Jahrhunderte tradierten Glauben an einen bildgebundenen Abwehrzauber folgend – den Dieb mit psychologischen Mitteln von der Missetat abhalten.

Ähnlich phantastische Formen nahmen ab dieser Zeit auch Türklopfer und –zieher sowie Tür- und Torbänder an. Bald verselbständigten sich die Schmuckformen von eindeutig gegenständlichen zu immer abstrakteren Formen.

Im 17. Jahrhundert fand das in Grundzügen seit dem Mittelalter bekannte Tourenschloss, das heute landläufig als „französisches Schloss“ bezeichnet wird, weite Verbreitung. Schnappschlösser und Tourenschlösser blieben bis zum Ende des 18. Jahrhunderts der (vorläufige) technische Endstand. Lediglich die äußere Gestaltungsform der Schlösser wandelte sich von der Renaissance über den Barock bis hin zum Rokoko; das Innenleben blieb weitestgehend unverändert. Hiervon zeugen beispielsweise die im Schleswiger Volkskunde Museum ausgestellten massigen Portalschlösser aus dem 17. und 18. Jahrhundert – eines davon stammt aus dem Dresdner Stadtschloss. 

Im Verlauf des 18. Jahrhunderts kam es zu einem tiefgreifenden Wandel in der Schlösserherstellung, der bestimmend wurde für die Entwicklung im 19. Jahrhundert: Zum einen leitete die arbeitsteilige Produktion von Schlössern in Manufakturen und die Einführung von Werkzeugmaschinen den Industrialisierungsprozess auch in diesem Gewerbe ein. Zum anderen spaltete sich das Schlosserhandwerk in eine hochspezialisierte technische Wissenschaft und eine serielle Montagearbeit auf:

Während Ingenieure die Schließmechanismen konstruierten, wurden die Schlösser von Metallarbeitern in Serie gefertigt. Dieser Prozess führte nicht nur zu wirtschaftlichen Einbußen unter den alten Handwerkerzünften. Sie verloren auch zusehends an gesellschaftlicher Macht aufgrund wirtschaftspolitischer Eingriffe des Staates, der eine umfassende Gewerbefreiheit durchzusetzen versuchte. Im Zuge der preisgünstigen, zunehmend maschinellen Serienfertigung wurden Schlösser im 19. Jahrhundert zu einem Massengut, das auch unteren sozialen Schichten erschwinglich wurde. Und durch die wachsende Verstädterung stieg der Bedarf an Verschlüssen rasant an 

Auch die technischen Innovationen, die vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart die Schließtechnik verfeinerten, sie sicherer und kostengünstiger für den Nutzer machten, werden in der Ausstellung exemplarisch vorgestellt: Bramah-, Chubb-, Yale-Zylinder- oder auch Kromer-Schloss markieren die wichtigsten technischen Innovationen dieses „Zeitalters der Erfindungen“ vor über 100 Jahren. In der Hausschließtechnik oder im Hochsicherheitsbereich bewähren sich diese Schlosstypen auch heute noch.

Neben einem Überblick über die technologische Entwicklung präsentiert die Ausstellung anhand zahlreicher zeittypischer Exponate eine Stilkunde der Möbel-, Tür- und Torbeschläge von der Gotik bis zum Art Deco. Hinzu kommen ein gesonderter materialkundlicher Überblick und eine Überschau über die seit der frühen Neuzeit verfeinerten Metallverziertechniken.

Des Weiteren widmet sich ein Ausstellungsabschnitt der sozial- und handwerksgeschichtlichen Entwicklung der Schlosserei in Norddeutschland von der frühen Neuzeit bis ins 20. Jahrhundert. Gezeigt werden hierzu eine ländliche Schlosserwerkstatt, Gegenstände des Zunftwesens, Musterbücher, Verordnungen und Produktkataloge.

Das Volkskunde Museum Schleswig bietet zu dieser Sonderausstellung anschauliche Führungen für alle Altersgruppen an, bei denen sogar einige historisch wegweisende und besonders trickreiche Verschlussmechanismen anhand von funktionstüchtigen Originalobjekten vorgeführt werden.

Museumsinfos:

Volkskunde Museum Schleswig, Suadicanistraße 46-54 (ca. 1 km von Schloss Gottorf entfernt auf dem Hesterberg gelegen),

24837 Schleswig. Tel.: 04621-9676–0, Fax: 96 76 -34,

volkskunde@schloss-gottorf.de 

www.schloss-gottorf.de

1.4 – 31.10: täglich 10:00 –18:00 h;

1.11.– 31.3: Di.-Fr. 10:00.–16:00 h,

Sa. & So. 10:00 –17:00 h;

Schulklassen und Gruppen auf Anmeldung ab 9:00 Uhr

Einzelkarte 4,- €; Eltern mit Kindern (bis zu 16 Jahre) 9,- €;

Ermäßigter Eintritt 2,50 €;

Gruppenkarte (ab 20 Personen; pro Person) 2,50 €;

Schulklasse (pro Person) 1,- €

Anm. der Redaktion:

Für Technik-Interessierte empfehlen wir zwei Bücher von Ulrich Morgenroth: „4000 Jahre hinter Schloss und Riegel“ und „Sternstunden der Schlossgeschichte“.  bof

Stubenschild der Schlosser a. d. 17. Jh.
Blick i. d. Renaissance-Abteilung d. Ausstellung
Abbruchhaus i. d. Heimat Güstrow d. Sammlers Wolfgang Heppelmann (Foto: W. Heppelmann)
Das Fallriegelschloss ist das älteste bekannte Schloss der Menschheitsgeschichte. Die ersten Hinweise auf Fallriegelschlösser sind Abbildungen aus dem 3. Jahrtausend v. Christus
Türklopferschild mit orientalischer Ornamentik
Türband aus der Renaissance
Türschnappschloss a. d. 17. Jh.